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Leben mit Demenz

Café Vergiss-mein-nicht für Demenzkranke und Angehörige

16.02.2012 | 16:00 Uhr
Café Vergiss-mein-nicht für Demenzkranke und Angehörige
In einem Erinnerungscafé treffen sich Demenzkranke und ihre Familien in Rüttenscheid. Carla Zessin, Mitte, leitet den Treff. Foto: Ulrich von Born

Essen.   Demenz macht wütend, traurig und hilflos: die Betroffenen und ihre Angehörigen. Ein Besuch im Café Vergiss-mein-nicht. das die evangelische Gemeinde Rüttenscheid seit 2004 für Demenzkranke und Angehörige anbietet. Sie singen, kochen, trinken Kaffee, erinnern sich.

Die ältere Dame (82) läuft draußen ihre Runden. Immer um die Seniorenwohnungen an der Isenbergstraße herum, bis Carla Zessin sie ins Café Vergiss-mein-nicht hereinbittet. Auch die 82-Jährige vergesse in letzter Zeit einiges, sagt Carla Zessin. Sie leitet die Altentagesstätte und das Café, das die evangelische Gemeinde Rüttenscheid seit 2004 für Demenzkranke und Angehörige anbietet. Sie singen, kochen, trinken Kaffee, erinnern sich. Manchmal weckt eine Kürbissuppe oder eine alten Porzellantasse Erinnerungen.

Die Demenz kam schleichend

Vorhin, da hat Carla Zessin die ältere Dame daran erinnert, draußen lieber ihre Jacke anzuziehen. Die 82-Jährige sitzt nun bei den anderen Besuchern und Ehrenamtlichen. „Jetzt kommen die lustigen Tage“, singen sie. Dabei ist vielen von ihnen im Alltag wenig Lustiges geblieben.

Eine 56-jährige Rüttenscheiderin hat eine Pflegekraft für ihre Mutter (90) eingestellt. Deren Demenz hätten sie erst gar nicht registriert, weil sie sich schleichend entwickelt habe. Nun wird die 90-Jährige in der Woche abgeholt und fährt in die Tagespflege. Ihre Tochter ist überzeugt: „Wenn man alten Menschen etwas bietet, dann haben auch sie viel zu bieten.“ Es sei ein Irrglaube, dass Senioren nur sitzen und sich ausruhen müssten.

Geborgenheit ist wichtig

Ihre Mutter erzählt wie früher die wunderbaren Geschichten. Im Café klebt sie kleine bunte Ballons auf die Maske, hält sie vor die Augen und lächelt. Warum gibt es eigentlich nicht eine Art Kindergarten für alte Leute, die Hilfe brauchen, um den Tag zu strukturieren, fragt die Tochter. Geborgenheit sei ebenso wichtig, „weil Demenzkranke verloren sind, wenn ihnen Raum und Zeit entgleiten“.

Die 56-Jährige weiß aber auch von den Hemmungen der Angehörigen, sich zu outen. Vielen falle es schwer zu sagen: „Da ist jemand in meiner Familie, der funktioniert nicht mehr richtig.“ Positiv sieht sie daher, dass Prominente wie Rudi Assauer in die Offensive gehen.

Der Pflegedienst hilft beim Duschen

Als die 74-jährige Café-Besucherin das damals ausgesprochen hatte, da „ging es mir besser“, sagt sie heute. Die Diagnose bei ihrem Mann ist sechs Jahre her. Gerade ist Pflegestufe zwei abgelehnt worden. „Das war einfach entwürdigend.“ Er habe die Arme heben müssen. Das habe gereicht, um zu behaupten, dass er sich allein ankleiden könne. Dabei übernimmt seine Frau das schon lange, weil es eben nicht mehr gehe, sagt sie.

Jetzt kommt weiterhin dreimal in der Woche der Pflegedienst, um beim Duschen zu helfen. Morgens rasiert sie ihn. Sie frühstücken und gehen in den Supermarkt, wo oft seine Kollegen warten, mit denen der Elektromeister bei Siemens gearbeitet hat. Er erinnert sich an seine Arbeit. Nur die letzten Jahre sind weg.

„Dich habe ich ja geheiratet“

Anfangs hat er ständig Brille oder Schlüssel gesucht. Wenn sich das Ehepaar unterhalten hat, wusste er wenig später nicht mehr, worüber sie gesprochen haben. „Da stimmt etwas in meinem Kopf nicht“, sagte er irgendwann. Ein halbes Jahr später kam die Diagnose in der Memory Clinic: Demenz, Sparte Alzheimer , erinnert sich seine Frau. Sie hat das nicht akzeptiert. Vielleicht ist es doch etwas anderes, habe sie gedacht und dann so eine große Wut gespürt. Wieder traf es sie, denn auch ihre Mutter war an Demenz erkrankt: „Ich wusste genau, was auf mich zukommt.“ Sie verliert ihren Partner, „nur die Hülle bleibt.“

Ihr Mann weiß nicht mehr, welcher Tag ist. Daten und Uhrzeiten sagen ihm nichts. Manchmal fragt er sie: „Wer bist du?“ Sie hilft, bis ihm einfällt: „Dich habe ich ja geheiratet.“ Die Hochzeit ist ausgelöscht, die Schulzeit in Frohnhausen geblieben. So wie die eine Tochter und die zwei Enkel. Die alten Fotos nennt er seine „gesammelten Werke“, fragt nach einigen Orten, sucht Wörter. Vor zwei Jahren zur Goldhochzeit waren sie zum letzten Mal in den Bergen, weil er doch leidenschaftlicher Skifahrer gewesen ist. Welches Land ihm bei ihren vielen Reisen am besten gefallen habe, hat er vergessen. „Die Welt ist schön. Das reicht für mich.“

Skier bleiben im Keller

Die neuen Skier stehen jetzt im Keller. Im Sommer fahren sie aber wieder mit dem Bus nach Heisingen: „Dann laufen wir am See, so lange es geht“, erzählt seine Frau, während sie ihre Karnevals-Masken mit Federn schmücken. „Schau wie schön du bist“, sagt sie und zeigt auf sein Spiegelbild.

Seine Frau würde gern eine Woche Zeit nur für sich haben. „Manchmal geht es mir sehr schlecht.“ Einen Tag lang war ihr Mann in einer Tagesklinik und weigert sich seitdem, wieder hinzugehen. Die anderen seien viel schwerer erkrankt gewesen. Er habe die Schreie nicht ausgehalten. Seine Frau sie hat indes Angst, „dass ich das nicht immer so weitermachen kann“. Früher hatte sie einen Traum: „Eine Penthouse-Wohnung.“ Vom Lottogewinn.

Jeden Monat drei Stunden für sich

Heute wünscht sie sich Hilfe und „einfach mal gehen zu können“. Wenn sie nun Geld hätte, dann würde sie sich mit ihrem Mann Betreutes Wohnen leisten. Ins Café Vergiss-mein-nicht kommen sie in zwei Wochen wieder. Dann wird ihr Mann einen Vormittag lang betreut. Und seine Frau hat wie jeden Monat drei Stunden für sich.

Eilig hat es die 82-jährige Dame plötzlich. Nachdem sie ihren Berliner gegessen hat, wird sie unsicher: „Ich weiß nicht, ob man mich hier haben will.“ Auf dem Weg nach draußen vergewissert sie sich: „Hatte ich eine Jacke an?“

Dominika Sagan


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