„Bürgerwehr“-Gründung – Unperfekthaus schließt am Freitag

Reinhard Wiesemann, Gründer des Unperfekthauses und Bürger des Ruhrgebietes: "Oberflächlich ist das also ein Erfolg der Demokratiefeinde auf beiden Seiten."
Reinhard Wiesemann, Gründer des Unperfekthauses und Bürger des Ruhrgebietes: "Oberflächlich ist das also ein Erfolg der Demokratiefeinde auf beiden Seiten."
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Unperfekthaus-Inhaber Reinhard Wiesemann sieht wegen der am Freitagabend geplanten Demo die Sicherheit gefährdet. „Bürgerwehr“-Gründer sagen Treffen offenbar ab.

Essen.. Wegen der aufgeheizten Atmosphäre rund um die Gründung einer Essener „Bürgerwehr“ hat sich der Gründer und Inhaber des Unperfekthauses, Reinhard Wiesemann, entschlossen, das Kreativzentrum in der nördlichen Innenstadt ab Freitagnachmittag zu schließen - zum ersten Mal in seiner Geschichte, wie Wiesemann schreibt. Es gebe Hinweis auf Gewaltbereitschaft, er könne die Sicherheit im und am Haus nicht garantieren. Die Bürgerwehr-Gruppe habe zudem ihr Treffen offenbar abgesagt.

Bürgerwehren Am Freitagabend will das Bündnis "Essen stellt sich quer" von 19 und 21 Uhr am Unperfekthaus unter dem Motto "Gegen jede Bürgerwehr in Essen" demonstrieren. Treffpunkt ist die Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße/Kreuzeskirchstraße am Einkaufszentrum Limbecker Platz. Die Polizei sieht keinen Grund, die Kundgebung nicht zu genehmigen. Die Veranstalter erwarten 100 Teilnehmer.

Wiesemann: "Gefährdung durch Nazis und radikale Gegner"

Reinhard Wiesemann indes, jüngst als "Bürger des Ruhrgebietes" geehrt, spricht von einer Niederlage der Demokratie und sieht auf beiden Seiten - links und rechts - Extremisten am Werk. Wiesemann hatte noch am Donnerstag demonstrativ eine Lanze für die Bürgerwehr-Leute gebrochen und eindringlich davor gewarnt, sie in die rechtsextreme oder gar neonazistische Ecke zu rücken. „Wir sollten einfach akzeptieren, dass sich Leute für die Sicherheit in dieser Stadt engagieren“, sagte Wiesemann dieser Zeitung.

Seine Mitteilung vom Freitag geben wir hier wörtlich wieder.

In seiner Stellungnahmen schreibt Reinhard Wiesemann wörtlich:

„Wir haben uns entschieden, das Unperfekthaus heute ab dem späten Nachmittag zu schließen. Denn wir haben keine Erfahrung mit solchen Situationen, wir müssen befürchten, dass gewaltbereite Menschen kommen werden, und wir können nicht sicherstellen, dass das Haus sicher betrieben werden kann.

Die Bürgerwehr-Gruppe hat uns soeben auch mitgeteilt, dass sie ebenfalls der Meinung sind, dass sie unter den für alle sichtbaren Bedingungen die geplante Gründungsbesprechung wohl nicht durchführen können.

Das Ganze ist eine Niederlage der Demokratie, und es tut uns sehr leid, dass wir so handeln müssen. Aber das Unperfekthaus ist kein Ort für Extremisten von beiden Seiten. Wenn deutlich wird, dass man eh nicht miteinander reden kann, dann macht ein Aufeinandertreffen keinen Sinn. Und wenn dazu dann klare Anzeichen für eine Gefährdung der Sicherheit existieren, dann müssen wir das Haus heute schließen.

Es ist für mich selbst völlig unbefriedigend, nur das zu tun, was manche Leute als ausreichende Handlung ansehen (“Stark sein!“, „Flagge zeigen“, „Demonstrieren“,...). Ich habe keinen Spaß an gegenseitigen Stärke-Demonstrationen oder Kundgebungen,... ich bevorzuge gesittete Gespräche unter Menschen, die ehrlich bestimmte Meinungen haben und darüber friedlich streiten. Wir werden in eine Nachdenkphase einsteigen - aufgeben darf man das Thema nicht, dafür ist es zu wichtig.

Genau dieses REDEN ist offensichtlich im Moment nicht möglich, und das ist richtig schlimm. Diejenigen, die meinen, dass man nicht reden sollte, sich stark zeigen soll, haben es geschafft, eine solche Unsicherheit zu erzeugen, dass Reden im Moment nicht möglich ist. Damit fällt auch die Möglichkeit weg, eine Lösung zu finden, denn durch Stärkedemonstrationen ist noch nie jemand umgestimmt oder gedanklich weiter gebracht worden.

Diejenigen, die das propagieren, lähmen die Möglichkeit, Lösungen zu finden. Wir sind im Unperfekthaus ganz klar gegen Nazis, und wir respektieren ausdrücklich das Gewaltmonopol des Staates und unsere Gesetze. Aber wir sind auch gegen selbsternannte Gutmenschen, die glauben, Menschen mit anderen Meinungen so aus der Gesellschaft ausschließen zu müssen, dass sich niemand mehr traut, mit ihnen zu reden.

Oberflächlich ist das also ein Erfolg der Demokratiefeinde auf beiden Seiten.

Längerfristig ist dies ein Präzedenzfall, an dem ganz vielen klar wird, wie sehr unsere Demokratie gefährdet ist, wenn wir diesem in breiten Teilen der Bevölkerung kultivierten Nicht-Miteinander-Reden immer mehr Raum lassen.

Das Unperfekthaus ist und bleibt ein offener Ort für diejenigen friedliche Menschen jeder Denkrichtung, die auch Andersdenkende respektieren. Völlig unabhängig von dem, was sein Inhaber oder die Mitarbeiter denken. Aber wenn Gewalt zu befürchten ist, dann macht das Unperfekthaus keinen Sinn, dann bleibt es geschlossen.

So also heute ab Spätnachmittag. Zum ersten Mal. Und das wegen der Gefährdung durch Nazis UND radikale Gegner.

Viele Gäste sagen gerade Veranstaltungen im Unperfekthaus ab oder versuchen uns durch schlechte Bewertungen bei Facebook oder Google zu schaden. Sehr schade. Diese Leute haben das Unperfekthaus nie verstanden. Wir sind neutral, friedlich und mögen die Gesetze, die uns in Deutschland ein ganz hervorragendes Umfeld schaffen. Auch dann, wenn diese Gesetze auch Leuten Rechte geben, deren Meinung wir nicht teilen.“

Reinhard Wiesemann schließt seine Mitteilung mit dem berühmten Zitat von Voltaire: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, daß Sie sie äußern dürfen.“