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Straßenstreit

Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang

01.02.2013 | 10:00 Uhr
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
Plakate des Essener Bürgerbündnis werben auf der Rüttenscheider Straße für den Erhalt der Straßennamen Von-Einem-Straße und Von-Seeckt-StraßeFoto: Stephan Happel

Essen.   Am Sonntag findet der Bürgerentscheid um die Umbenennung zweier Essener Straßen statt. Ein Novum, denn es ist der erste Bürgerentscheid in Essen, der nur einen Stadtbezirk betrifft. Zudem kochten die Emotionen im Vorfeld hoch. Zum Abschluss des Wahlkampfs eine Analyse - und zwei konträre Kommentare aus der Redaktion.

Es ist eine Premiere, und deshalb sind alle vorsichtig mit Prognosen. Denn noch nie hat es in Essen einen Bürgerentscheid auf der Ebene nur eines Stadtbezirks gegeben, und noch nie zu einem geschichtspolitisch heiklem Thema. „Wir sind selbst gespannt, auf welche Zahlen wir kommen“, sagt Rüdiger Lohse vom Wahlamt. Er organisiert die kleine Wahl, bei der entschieden wird, ob die Von-Seeckt- und die Von-Einem-Straße in Ortrud- bzw. Irmgardstraße umgetauft werden.

Hürde von 6860 Stimmen

Die entscheidende Frage ist: Wird es mindestens einer der beiden gegnerischen Initiativen gelingen, die Hürde von 6860 Stimmen zu nehmen? 15 Prozent aller Stimmberechtigten muss hinter sich versammeln, wer in diesem Bürgerentscheid siegen will, in Rüttenscheid , Rellinghausen, Stadtwald und Bergerhausen sind 46 000 Bürger wahlberechtigt.

Einen Anhaltspunkt liefert die Zahl der Briefwahlanträge, die sich laut Wahlamt auf etwa 3800 einpendeln dürfte. Beim Bürgerbegehren gegen den Masterplan Sport 2007 betrug der Anteil der Briefwähler 31 Prozent. Ist dies bei den Straßen ähnlich, dann würden hochgerechnet rund 12 000 Essener zur Abstimmung gehen. Falls nicht eine Seite weit davon zieht, könnte es also knapp werden.

Von der Leidenschaft anstecken lassen

Vielleicht lassen sich aber auch mehr Wähler als gedacht von der Leidenschaft anstecken, die die Kontrahenten beseelt und die in den letzten Wochen zu einem hitzgen Wahlkampf geführt hat - wechselseitige Verletzungen inklusive. Deutsche Geschichte ist oft hochemotional, zumal wenn - wie hier - die NS-Zeit mitschwingt. Zahlreiche bundesweite Debatten zeigten, dass viele Deutsche dieses Thema aufwühlt, und von dieser Stimmung hofft vor allem das Netzwerk Ortrud und Irmgard zu profitieren.

Pro Umbenennung
Eure Stimme für Ortrud!

Vor einem halben Jahr warb ich an dieser Stelle dafür, der von-Seeckt und der von-Einem-Straße in Rüttenscheid ihre ursprünglichen Namen Ortrud und Irmgard zurückzugeben. Seither habe ich von den Gegnern dieses Plans nicht ein inhaltliches Argument gehört, was gegen die Umbenennung spricht.

Contra Umbenennung
Seltsame Doppelmoral

Moral ist eine feine Sache, vor allem, wenn man sie nach eigenem Ermessen mal gebieterisch einfordert und mal großzügig erlässt. Das blieb bis zuletzt der wunde Punkt in der Argumentation derjenigen, die für die Umbenennung der zwei Rüttenscheider Straßen fechten.

Die eindrucksvolle personelle Präsenz auf Straßen und bei Info-Veranstaltungen bewies: Wenn’s drauf ankommt, verstehen sich Grüne und Linke aufs Mobilisieren. Die SPD als dritte Partei im Bunde hat sich hingegen auffallend zurückgehalten, sieht man ab von Aktivisten aus dem Rüttenscheider Umfeld und einigen Mandatsträgern aus Bund, Land und EU. Umstritten in seiner Wirkung blieb das Hitler-Plakat, von dem sich am Donnerstag der SPD-Ortsverein Bergerhausen distanzierte: „Es schadet unserem Anliegen“, so Vorsitzender Lutz Coenen.

ProVon-Initiative hatte Anfangsvorteil

Den Anfangsvorteil hatte zunächst die ProVon-Initiative. Ihr flogen die Sympathien vieler Bürger zu, sie erhielt dann die mehr oder weniger engagierte Hilfe von CDU, FDP und Essener Bürgerbündnis (EBB), die ihre logistischen Möglichkeiten in die Waagschale warfen. Hauptantrieb blieb das Fremdeln mit den geplanten alt-neuen Straßennamen und die Empörung über die als rüde empfundene Art, wie Stadtteilpolitiker die Umbenennung durchsetzen wollten.

Der schwierigen inhaltlich-historischen Auseinandersetzung um Hans von Seeckt und Karl von Einem wich ProVon meist lieber aus. „Hat die Stadt nichts Wichtigeres zu tun als Straßen umzubenennen “, blieb eines der populärsten Argumente.

Welche Seite auch taktisch klüger agierte, wird der Sonntag zeigen.

Frank Stenglein und Christina Wandt


Kommentare
03.02.2013
18:32
und demnächst die Straßen bitte nur noch durchnummerieren...
von eimerweise | #39

- von Einem
- von Zweien
- von Dreien
...

03.02.2013
12:06
Nach dem Urnengang...
von StadtmanndeNiro | #38

So gerade die staatsbürgerliche Pflicht erfüllt und abgestimmt. Der Herr Von-Einem hat seine erste "JA" Stimme eingefahren. Jetzt noch ein Konterbier in der Gaststätte Rullich

2 Antworten
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von 1980yann | #38-1

Dann stoßen Sie bitte auf die von von Einem geforderte Vernichtung der Homosexuellen an, der Sie sich hiermit angeschlossen haben und der Sie versuchen, ein Ehrenmal zu setzen.
Wer gegen solche Falschehrungen ist, sollte innerhalb der nächsten 52 Minuten noch sein NEIN in die Urne werfen.

Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von Schorlemme | #38-2

1980yann, bei dem Bürgerentscheid wird über die Vernichtung von Homosexuellen entschieden?

03.02.2013
11:47
Hat Essen keine anderen Sorgen?
von sellerieschubser | #37

Ich kann das Theater um Namensänderungen von Straßen echt nicht mehr hören!!!

Wir haben in Dortmund eine Belle-Alliance-Straße.

So, muss die auch umbenannt werden, weil bei Waterloo, auch die Schlacht bei Belle Alliance genannt, die Französische Armee von Preußen(!!!) unter Feldmarschall Blücher und den alliierten Truppen unter General Wellington regelrecht abgeschlachtet worden ist?

Wie kann man einen Ort ehren, an dem ein solches Blutbad statt gefunden hat?

Mal sehen, wann die Dortmunder Verwaltung da wach wird...

Oh Mann... Es macht echt keinen Spaß :-(

03.02.2013
11:19
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von caebdane | #36

Ich kann nur noch sagen, dass ich froh bin wenn das Thema endlich erledigt ist.

03.02.2013
10:44
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von RiN77 | #35

Ich wohne nicht in Essen, habe aber die Diskussion von Anfang an mit viel Interesse mitverfolgt.

Ih frage mich persönlich, wo hier eine Grenze gezogen würde, welche Namen von "Persönlichkeiten" wären noch genehm?
Wie viele "Persönlichkeiten" waren demokratiefeindlich, kriegerisch, haben extreme Ideologien vertreten, haben privat vll Frau und Kinder geschlagen oder ähnliche menschliche Schwächen gezeigt?

Welche Straßennamen von historischen Schlachten wollen wir uns politisch korrekt noch erlauben?

Straßennamen zeigen oft Geschichte.
Und Geschichte ist immer ein schwarz und weiß.

Für mich persönlich hat der Kommentar von Herrn Stenglein alles Wesentliche auf einer objektiven Ebene gesagt!

Die Argumente Pro-Seite sind für mich nach wie vor schwach und kommen offensichtlich nicht ohne Provokation durch Hitler-Bilder und das ewige polemische Schwingen der rechten Keule aus.

Aber solange wir uns mit solchen "Problemen" beschäftigen können, geht es uns hier zu Lande doch sehr gut!!!!

03.02.2013
10:42
Ich bin ja mal wirklich gespannt wer sich bei diesem Bürgeentscheid durchsetzt!
von cui.bono | #34

Entweder die grünfanatischen Ideologen, die andern Menschen in ihrem missionarischen Übereifer vorschreiben wollen was sie zu denken haben oder die unaufgeregten, pragmatischen normalen Bürger!

03.02.2013
10:39
Ich habe nur einen Wunsch.....
von Finnjet | #33

...dass beide Lager das Wahlergebnis akzeptieren (und nicht nur respektieren), das Kriegsbeil dauerhaft begraben und sich dann gemeinsam (!) den wirklich drängenden Fragen unserer Stadt widmen.
Ich kann nur davor warnen, nachzukarten, denn das kommt beim Bürger ganz schlecht an!

03.02.2013
09:42
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von Holsterhauser | #32

68 Jahre hat es keinem interessiert wer von Einem oder von Seekt waren, außer ein paar Historikern wusste das kein Mensch..... Wozu auch? Jetzt werden volkswirtschaftliche Folgekosten in Millionenhöhe verursacht.Führerscheine, Ausweise, Versicherungsunterlagen,KFZ-Scheine und und ,alles muss geändert werden.
Das Geld hätte man besser in die Infrastruktur von Kindergärten und Schulen investieren können. Nach 68 Jahren ist das sinnlos verbranntes Geld. Es gab ganz sich auch Nazis die Bertold, Emma oder Ruth hießen... da steht uns ja noch was bevor...Wer keine Arbeit hat, macht sich welche....

03.02.2013
01:36
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von walto | #31

Von der WAz Redaktion hätte ich mir bei so aktiver Berichterstattung gewünscht, dass diese auch einmal einen
sachlich neutralen Bericht zu den Personen der Generäle schreibt. Im Nachhinein empfehle ich für alle Interessierten
"Der Genius des Krieges" von Trevor Dupuy, einem Amerikanischen Beruffsoffizier. In seiner Sachlektüre, die übrigens vom Pentagon
in Auftrag gegeben wurde, beschreibt unter er anderem Hans von Seeckt und seine Leistung.

1 Antwort
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von walto | #31-1

er unter anderem

02.02.2013
21:23
1980yann
von Horst_alt65 | #30

Mein Bürgerbegriff find ich gar nicht so ulkig. Den Unterschied Politiker - Bürger habe ich so gemeint. Sollten sich die befragten Essener Bürger für die Umbennenung entscheiden, dann haben die Bürger das entschieden und nicht die Politiker.

Die Auseinandersetzung in Münster hatte mehr Stil. Da wurden jedenfalls kein Plakate von Hitler gezeigt. So tief sind die Befürworter des Schloßplatzes nicht gesunken. Die hatten auch keine Zitate gekürzt. Nee - diesen Massenmörder auf Plakaten zu zeigen ist widerlich.

Von Seeckt wird auf Wikipedia gut beschrieben. Da sehe ich keine Probleme, jedenfalls war er kein Antisemit. Von Einem ist sicher die schwierigere Person.
Jedenfalls hätten die Politiker die Bürger vorher befragen sollen - dies wird ja nun nachgeholt. Schaun wir mal wer am Ende die Mehrheit der Bürger auf seine Seite hat. Die Bürgerbewegung oder die BV.

4 Antworten
Bürgerentscheid in Essen zum Straßenstreit - Spannung vor dem Wahlgang
von 1980yann | #30-1

Die Rolle Hindenburgs war auch jedem bekannt, während der Name von Seeckt durchaus noch erklärungsbedürftig ist. Und schaut man etwa in die Begründungen der verschiedenen Akteure des ProVon-Lagers im offiziellen Begleitmaterial zur Abstimmung, so sieht man, dass hier bewusst die kritischen Punkte in den Biographien totgeschwiegen wurden. Die Einigkeit in den Zielen von Seeckts und Hitlers werden mit den Plakaten in den Vordergrund gerückt - die Erwiderung über die Unterschiedlichkeit der Wege hat ProVon bisher nicht geleistet.
Schaun wir mal wer am Ende die Mehrheit der Bürger auf seine Seite hat. Die Bürgerbewegung ProVon mit der Minderheit der BV oder die Bürgerbewegung.Irmgard und Ortrud mit der Mehrheit der BV - konstruieren Sie doch hier keinen Gegensatz, der gar nicht existiert!

Konstrukteur 1980Yann
von netzschrecken | #30-2

Die Erklärungsbedürftigkeit von Seeckts war 75 Jahre lang allen egal. Der durch die Bürgerbewegung angebotene Kompromiss, eine Erklärung den Straßenschildern beizufügen, wurde von der BV als nichtakzeptabel vom Tisch gefegt.
Da kann von "totschweigen" keine Rede sein - ganz im Gegenteil: die BV verhindert hier die politische Aufklärung.
Die unsägliche Aktion der Hitlerplakate mit dem bewusst falschen Zitat zeugt von der Glaubwürdigkeit dieser BV (die jetzt eigentlich WAS genau will?).
Es gab aus historischer Sicht kein gemeinsames Ziel von Seeckts und Hitlers - und da von Seeckt dies 1928 äußerte, kann dies auf Nichts nach 1928 bezogen sein.

Unterm Strich bleibt eine rücksichtslos bevormundende, historisch verdrängende und rigoros starrköpfige 1-Stimmen-Mehrheitliche BV II, eine zu Recht sich wehrende Bürgerschaft mit tausenden Unterschriften, eine von Bundesgrünen, Linken, SPD- und ANTIFA mobilisierte, massiv aufgebauschte kleine Gruppe von Anwohnern sowie 2-3 Demagogen.

Wo ist denn Ihr Problem?
von 1980yann | #30-3

Der Erklärungsbedarf ergibt sich aus der Abstimmungssituation und wird nicht durch die Sünde der jahrzehntelangen Untätigkeit anderer verringert.
Erklärungstafeln haben den Nachteil, dass sie eine Schriftgröße aufweisen, die dazu führt, dass z.B. Autofahrer sie bei der Orientierung ignorieren - und sie können auch nicht sinnvoll erklären, warum dort unehrbare Personen mit einem Straßennamen geehrt werden.
Ohne die BV und ihren Beschluss wären die beiden Herrschaften übrigens nie öffentlich hinterfragt worden.

Die BV hat übrigens nie ein einziges Plakat veröffentlicht.
Zu den Zielen Hitlers: von Seeckt wird doch vor seiner Sympathiebekundung für den Häftling Hitler sicherlich mal dessen Buch gelesen haben ...

Ansonsten sagt es viel über Ihren Charakter aus, wenn Sie bei jedem politischen Gegner immer dann ausfallend werden, wenn er sich nicht devot Ihrem Willen unterordnet und es wagt, im Abstimmungswahlkampf seine Position zu vertreten.

@1980yann
von eimerweise | #30-4

"sowie 2-3 Demagogen" war wohl treffend...

:D

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