Bloß keine Kopfgeburt
12.05.2008 | 19:43 Uhr 2008-05-12T19:43:10+0200Wie nutzt man das Kulturhauptstadt-Jahr als Imageträger, Stadtmodernisierung und Bürger-Identifikation?Die WAZ hörte sich in ehemaligen Kulturhauptstädten um - und stieß auf viele positive Erinnerungen
In Essen steigt das Kulturhauptstadt-Fieber allmählich; daran besteht trotz jüngst lauer Umfrageergebnisse zur Bekanntheit der kommenden Kulturhauptstadt in der Region kein Zweifel. Wenn 2010 Europas Kulturszene auf das Ruhrgebiet blickt, wollen die Gastgeber nichts falsch machen und am liebsten nachhaltig in positiver Erinnerung bleiben. Wie das geht? Die WAZ hat in ehemaligen Kulturhauptstädten nachgefragt, was von der Euphorie des Titels geblieben ist und wie Land und Leute davon profitiert haben. Der Tenor: Die jeweilige Stadt steht nunmehr besser da als vorher, denn: Egal, ob Tourismus, Infrastruktur oder die Identifiaktion des Einzelnen mit "seiner" Kulturstadt - in sämtlichen Bereichen verzeichnen die Städte gravierende Verbesserungen.
Doch Dieter Hardt-Stremeyer, Sprecher von Siegfried Nagl, dem Oberbürgermeister der Stadt Graz, weiß, dass den Kulturhauptstädtern die Lorbeeren keinesfalls in den Schoß fallen. "Der Titel 'Kulturhauptstadt Europas' ist eine Marke ohne Wert, die von jeder Stadt individuell und immer aufs Neue mit Bedeutung aufgeladen werden muss", erklärt er. Ein Patentrezept, wie das erfolgreich funktioniert, hat Hardt-Stremeyer zwar nicht, doch rät er Essen, authentisch zu bleiben und sich mit einem erkennbaren Profil nicht zu sehr an den Vorgängern zu orientieren.
Nun musste Graz sich in der öffentlichen Wahrnehmung als Kulturstadt sicherlich nicht verstellen. Man begegnet ohnehin seltener als etwa Essen oder Glasgow einer latenten Skepsis, ob solch traditionelle Arbeiterregionen sich wohl als Kulturhauptstädte bewähren können. Doch mit Authentizität hat sich das Ruhrgebiet ja noch nie schwer getan.
Die wirtschaftlichen Entwicklungen in Graz im Zuge ihres Kulturhauptstadtjahres 2003 beschreibt Hardt-Stremeyer als ausnehmend positiv: "Der Tagestourismus hat sich verdoppelt, und auch die Zahl der Übernachtungen ist mit 22,9 Prozent Zuwachs drastisch gestiegen", bilanziert er.
Auch Friedrich Klinggräff, Pressesprecher der Stadt Weimar, berichtet von einer drastischen Zunahme der Übernachtungen während des Kulturhauptstadtjahres und einer nachhaltigen Verbesserung der Infrastruktur. So sei zum Beispiel die Gelegenheit genutzt worden, zahlreiche marode Wasserleitungen zu sanieren. Als eines der wichtigsten Ergebnisse für Weimar nennt Klinggräff "geringere Schwellenängste gegenüber Kultur", womit das Kulturhauptstadtjahr nicht nur eine intellektuelle Elite ereichte, sondern in der Mitte der Gesellschaft auf rege Teilnahme stieß. Auch Jugendliche seien mit von der Partie gewesen. "Wichtig ist vor allem, dass man die Menschen mitnimmt, denn das Selbstverständnis als Kulturstadt fängt bei jedem Einzelnen an," so Klinggräff.
Auch Roland Pinnel, Sprecher der Stadt Luxemburg, berichtet im Rückblick von boomendem Tourismus und einem Kulturhauptstadtjahr 2007, das sowohl wirtschaftlich als auch ideell als gelungen gelten könne. Im Hinblick auf Essen meint Pinnel, dass die Stadt auf die richtige Mischung aus Neuem und Altbewährtem setzen solle. "Essen sollte seine Stärken richtig ausspielen, beispielsweise waren die Lichtwochen ein sehr eindrucksvolles Event", so der Luxemburger. Für 2010 wünscht er der Stadt alles Gute, wenn es im Revier heißt: Kulturhauptstadt Europas, Glückauf!
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