Blind flugs zum Ziel

Sehbehinderte Fahrgäste sind auf  Straßen und Bahnen angewiesen, um weiter mobil blieben zu können. Doch an Haltestellen kommen sie oft ohne fremde Hilfe nicht aus. Weil sie nicht erkennen, zu welcher Linie der Bus gehört.
Sehbehinderte Fahrgäste sind auf Straßen und Bahnen angewiesen, um weiter mobil blieben zu können. Doch an Haltestellen kommen sie oft ohne fremde Hilfe nicht aus. Weil sie nicht erkennen, zu welcher Linie der Bus gehört.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Der VRR entscheidet über einen Großversuch in Essen. Das Smartphone soll sehbehinderte Evag-Fahrgäste durch den Verkehr lotsen.

Essen.. Sie stehen an der Bordsteinkante – und wissen nichts. Sie erkennen nicht, wann der nächste Bus kommt – und um welche Linie es sich handelt. Sie sehen die Einstiegstür nicht. Und wenn sie im Bus oder in der Bahn sind, stellt sich für sie die nächste Frage: Wann muss ich denn wieder aussteigen?“

Für blinde Fahrgäste ist die Fahrt mit öffentlichen Linienfahrzeugen oft eine nervenreibende Herausforderung. Der ein oder andere bewegt sich im Nahverkehrsnetz wie im Labyrinth. Wer seine Strecke nicht in- und auswendig kennt, wird sich ohne die Hilfe anderer Fahrgäste kaum zurechtfinden.

Vollständige Barrierefreiheit bis 2022

Dabei sind Sehbehinderte auf Bahnen und Busse dringend angewiesen, um mobil bleiben zu können. Die Evag hat das Problem seit längerem erkannt und würde gerne mehr gegensteuern. Letztlich ist sie dazu sogar verpflichtet, weil das Personenbeförderungsgesetz bis zum Jahre 2022 eine vollständige Barrierefreiheit fordert. Und darauf haben auch sehbehinderte Kunden einen Anspruch.

Das Ruder hat jetzt der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) in die Hand genommen und bereits im April ein Pilotprojekt für ein handygesteuertes Blindenleitsystem in den Bussen im Kreis Soest gestartet. Jetzt soll der Versuch auf eine „Großstadt mit einer heterogenen Infrastruktur“ ausgeweitet werden, erklärt VRR-Sprecher Holger Finke. Und das nicht nur in den Bussen, sondern auch in den Straßen- und Stadtbahnen sowie in den Bahnhöfen. Finke: „Wir wollen sehen, wie gut das Funksignal ankommt.“

Essen als Versuchsstadt

Als Versuchsmetropole wurde die Stadt Essen auserkoren. Die Evag würde dafür alles klar machen, sollte der VRR-Verwaltungsrat in der kommenden Woche dem Förderkatalog für die künftigen Projekte innerhalb des Verkehrsverbundes zustimmen. Dem Großversuch wird in der Gelsenkirchener Zentrale besondere Bedeutung zugemessen – der Antrag dafür steht auf der Prioritätenliste ganz oben auf Platz 2 von 103.

Sobald die Signale auf Grün stehen, machen sich die Tüftler und Computerexperten der Evag an die Arbeit. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach. Zwischen dem Fahrgast und den betreffenden Linienfahrzeugen wird quasi eine Direktleitung geschaffen. Busse und Bahnen erhalten ein spezielles Steuergerät, das eine Bluetooth-Verbindung zum Smartphone des Kunden aufbaut.

Einmal auf eine spezielle App getippt – schon ist der Funkkontakt hergestellt:

Sobald sich ein Fahrzeug der Haltestelle nähert, erfährt der Sehbehinderte über die Ansage seines Handys, ob es sich um seine Linie handelt. Dem Kunden wird mitgeteilt, wann sein Bus oder seine Strab tatsächlich ankommt oder ob es Verspätungen gibt.

Damit nichts schief geht, kann der Blinde über die App dem Fahrer bereits während der Anfahrt mitteilen, dass er zusteigen will.

Über das Mobiltelefon werden während der Fahrt die nächsten Haltestellen durchgegeben. So wird der Sehbehinderte rechtzeitig darüber informiert, wann er aussteigen muss.

Bessere Orientierung für Sehbehinderte an Haltepunkten

Sein Handy ist praktisch sein Navi im Nahverkehrsnetz. Vor allem: Beim Umsteigen führt ihn die App direkt zum richtigen Bahn- oder Bussteig. Auch an größeren Haltepunkten wie dem Hauptbahnhof kann sich der Sehbehinderte deutlich leichter orientieren. Möglich wäre auch, dass dem Fahrgast an der Haltestelle mit Vibrationen und Tonfrequenzen der Weg zum Einstieg gewiesen wird.

Die Evag begrüßt dieses Projekt schon jetzt. „Das ist eine echte Innovation“, glaubt Evag-Sprecher Olaf Frei. In Sachen Barrierefreiheit „kommen wir damit einen großen Schritt weiter.“

Warten auf Genehmigung

Auch der Verkehrsverbund Rhein Ruhr hofft auf eine Erfolgsgeschichte. „Das ist alles sehr praktisch“, findet VRR-Sprecher Holger Finke. Der Verkehrsverbund geht davon aus, dass die meisten seiner Fahrgäste über ein geeignetes Handy verfügen.

Sollte der Essener Großversuch mit ausgesuchten Linienfahrzeugen und Stationen genehmigt werden, wird sich zeigen, ob tatsächlich alles einwandfrei funktioniert – oder möglicherweise doch Funklöcher die Leitung kappen. Das nämlich würde bedeuten, dass digital kein Anschluss besteht. Und dem Blinden würde der Bus möglicherweise vor der Nase wegfahren.