Bitte bevorraten Sie sich

Wenn zwei nicht liefern können, freut sich der Dritte. Und so feierten vor nicht gar so langer Zeit die Wirtschaftsförderer aus Gladbeck, dass ihnen Lenord + Bauer in den Schoß fiel – ein Unternehmen für Automatisierungstechnik, 25 Millionen Euro Umsatz, über 200 Mitarbeiter.

Hätten wir in Essen haben können. Aber auf der Suche nach genügend Platz zuckte man hier genauso mit den Achseln wie am bisherigen Stammsitz in Oberhausen. Das ist, sagt IHK-Geschäftsführer Heinz-Jürgen Hacks das Problem, wenn man nicht mehr bieten kann, was Eon und Brenntag, Schenker und die Funke-Mediengruppe, was Medizintechnik Roeser und manch anderes Unternehmen nach Essen zog oder hier hielt: ein gutes Flächen-Angebot, das niemand ablehnen kann.

Aber wie soll das in den nächsten zehn Jahren laufen, wenn die Politik vereint mit aufgebrachten Bürgern die größten Vorratsflächen in Bausch und Bogen ablehnt? Diese Frage beschäftigte die Diskussionsrunde „Essen kontrovers“, bei der sich niemand fand, der Gewerbe rundheraus verhindern will. Das damit verknüpfte „Aber“ entzündet sich jedoch an Zahl und Zeitpunkt.

Muss es wirklich so viel sein? Wann ist Essen „voll“? Und wer wiegt die neuen Arbeitsplätze gegen den Verlust an Lebensqualität ab, wenn naturnahe Gebiete versiegelt werden? Konnte IHK-Mann Hacks noch die Mahnerrolle einnehmen, kam auf den Essener Planungsamts-Leiter Ronald Graf die undankbare Aufgabe zu, die Flächenvorschläge der Planungsverwaltung zu rechtfertigen. Dass sich darunter auch so manche liebgewonnene Freifläche fand – „das machen wir nicht aus Bosheit“, verteidigte Graf den kritisierten Katalog. Sondern weil die Grundstücke zu den Kriterien passten, die die Politik aufgestellt hatte. Motto: Sucht mal.

Bei dieser Suche, so fand SPD-Ratsherr Thomas Rotter, haben es sich die Planer im Deutschlandhaus allerdings „in einigen Punkten zu einfach gemacht“. Oder gar „handwerklich schlecht gearbeitet“, wie ein Vorwurf lautete? Überhaupt: Ist die Flächennot wirklich so groß, wie die Wirtschaftsförderer uns glauben machen wollen? Christoph Kerscht von den Grünen zweifelte laut, Klaus Franzke vom BUND forderte den regionalen Blick – Gelsenkirchen habe große Reserven, Bochum nach Opel wohl auch. Und warum der Verweis auf die Schieflage in der Pendler-Statistik? „Ist eine spürbar höhere Zahl von Einpendlern nicht Ausweis ein Metropole?“ Das, was man in Essen immer sein will?

Planer Graf schüttelte mehr als einmal den Kopf, wenn vermeintlich „neue“ Ideen um die Ecke kamen: Alles schon berücksichtigt. „In den Bezirksvertretungen ist nicht eine einzige Fläche genannt worden, die wir nicht schon kennen.“ Und die Region, sagt Graf, haben sie im Planungsamt natürlich im Blick. Aber darf der Verweis auf regionale Planung dazu führen, dass jeder für sich formuliert: Bei mir lieber nicht? Noch ist für die Gewerbesteuer als Haupteinnahmequelle schließlich der Standort des Unternehmens maßgeblich.

Was ein bisschen auch gegen die „Airport City Essen“ spricht, von der Sozialdemokrat Rotter schwärmt – das Flughafen-Grundstück ist schließlich zu zwei Dritteln Mülheimer Areal.

Aber bis das verfügbar ist, das dauert. Kommt der neue Vorrat zu spät? Oder müssen wir, wie Grünen-Ratsherr Kerscht forderte, ein neues Gefühl für den Umgang mit Flächen in die nächste Generation tragen?

SPD-Mann Rotter jedenfalls machte den Planern keine Hoffnung, dass sich für die nun schon zum zweiten Mal abgelehnten Flächen in Kettwig oder an der A52 ein dritter Anlauf lohnt. „Diese Vorschläge werden auch in zehn Jahren nicht durchkommen.“

Sehr zur Freude von Gladbeck.