Bilanz am Essener Ausbildungsmarkt fällt ernüchternd aus

Werbe-Truck der Metall- und Elektroindustrie. Schüler dort sollen für eine technische Ausbildung begeistert werden. Im Bild v.l.: Die Schulleiterinnen Adelheld Bohn und Tanja Gunkel, Klaus Peters, Dieter Hillebrand, Franz Roggemann, Wolfgang Dapprich.
Werbe-Truck der Metall- und Elektroindustrie. Schüler dort sollen für eine technische Ausbildung begeistert werden. Im Bild v.l.: Die Schulleiterinnen Adelheld Bohn und Tanja Gunkel, Klaus Peters, Dieter Hillebrand, Franz Roggemann, Wolfgang Dapprich.
Foto: Socrates Tassos
  • Die Unternehmen in Essen bilden erneut deutlich weniger aus
  • Damit entwickelt sich die Stadt gegen den Trend im Land
  • Arbeitsagentur sorgt sich um die Zukunftsfähigkeit des Standortes

Essen.. Die Unternehmen haben in diesem Jahr deutlich weniger ausgebildet. Damit entwickelt sich der Ausbildungsmarkt in Essen schlechter als im Landestrend. „Die Bilanz ist ernüchternd“, sagte am Mittwoch der Chef der Arbeitsagentur, Klaus Peters, bei der Vorstellung der Zahlen 2015/2016. Das Ausbildungsjahr endet jeweils am 30. September.

Im aktuellen Jahr hatten die Essener Betriebe der Arbeitsagentur 3426 Lehrstellen gemeldet. Das waren 252 weniger als im Jahr zuvor. „Das ist für mich nicht nachvollziehbar“, sagte Peters. In den nächsten zehn Jahren würden in Essen rund 44.000 Beschäftigte altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden. „Ich mache mir Sorgen um die Wirtschaftsleistung der Region“, so Peters weiter. Bedenklich sei, dass nur noch 21 Prozent der Unternehmen in Essen das Thema Ausbildung schultern. Das sei weniger als im Ruhrgebietsvergleich. Wenn kein Umdenken einsetze, „dann werden wir Zukunftsprobleme bekommen“, warnte Peters.

Interesse von Jugendlichen an einer Ausbildung hat sich erhöht

Positiv dagegen ist, dass sich in diesem Jahr in Essen wieder mehr Jugendliche für eine Ausbildung interessiert haben. Insgesamt meldeten sich 3937 Schüler bei der Arbeitsagentur ausbildungssuchend und somit fast 100 mehr als im Vorjahr. Ende September waren jedoch noch 164 Jugendliche unversorgt. Umgekehrt gab es noch 162 freie Lehrstellen. Was rechnerisch passt, wird am Ende aber wieder dazu führen, dass Jugendliche in die Warteschleife müssen. Um jedem ein passendes Angebot zu machen, müsste es deutlich mehr Lehrstellen geben.

Die Situation in den einzelnen Wirtschaftsbereichen ist indes sehr unterschiedlich. Während das Handwerk das zweite Mal in Folge ein Plus bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen meldet, verzeichnet die Industrie-und Handelskammer ein deutliches Minus in ihren Branchen. Die Handwerksbetriebe stellten 691 Lehrlinge ein und somit zwei Prozent mehr. Die meisten Verträge gab es bei Elektronikern, Friseuren, Kfz-Mechatronikern und Malern. „Bei uns scheint das Thema Fachkräftemangel angekommen zu sein“, sagte Wolfgang Dapprich, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Essen.

In einigen Branchen Rückgang an Azubis

Im Bereich der IHK fallen vor allem drei Branchen auf, die in diesem Jahr deutlich weniger ausbilden: das Hotel und Gaststättengewerbe, Banken und der Handel. Gerade bei Banken, die 653 Azubis eingestellt haben, ist das ein Rückgang um fast 24 Prozent. Hier werden die Probleme der Branche deutlich, die mit Internetbanking und Niedrigzins kämpft. Beim Handel, so vermutet die IHK, ist es Ausdruck der zunehmenden Konkurrenz im Onlinehandel.

Insgesamt nahmen bei den kaufmännischen Berufen die abgeschlossenen Lehrverträge in Essen um fast zehn Prozent auf 1867 ab. „Das ist schon eine Hausnummer, die uns die Bilanz verhagelt“, sagte Franz Roggemann, stellvertretender Geschäftsführer im Bereich Bildung bei der IHK.

Angebot an Ausbildungsplätzen reiche nicht aus

Der Deutsche Gewerkschaftsbund spricht angesichts der aktuellen Zahlen in Essen von einer erschreckenden Entwicklung. Seit Jahren nehme des Angebot an Ausbildungsplätzen ab und reiche nicht aus, alle Jugendlichen zu versorgen. „Das ist ein Skandal. Wir laufen auf ein großes Problem zu“, sagte DGB-Regionsvorsitzender Dieter Hillebrand. Für ihn steht Essen so schlecht da, weil sich die Unternehmen offenbar stark auf andere verlassen und die „Fachkräfte dann abgreifen.“ Das sei jahrelang gutgegangen, aber gehe wohl bald nicht mehr auf, warnte Hillebrand.