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Besuchermagnet Zollverein - die Welt zu Gast bei Kumpels

28.10.2012 | 15:45 Uhr
Besuchermagnet Zollverein - die Welt zu Gast bei Kumpels
Mit Kohle Kohle machen – das war einst Sinn und Zweck von Zollverein. Was das für früher und heute bedeutet, erfahren die Gäste aus Taiwan auf dem Denkmalpfad.

Essen.   Die Zeche Zollverein empfängt jährlich hunderte internationale Gäste, zuletzt eine Delegation aus Taiwan. Und alle kommen mit der selben Frage: Was fängt man mit industriellem Erbe an? Oder anders gefragt: Wieso sollte man überhaupt etwas bewahren, was längst nicht mehr gebraucht wird?

Sie kommen aus Südafrika, Chile, Australien und zuletzt aus Taiwan – Architekten, Fernsehteams, Journalisten und sonstige Delegationen. Im Schnitt zwei pro Woche. Und alle kommen sie mit der gleichen Frage: Was fängt man mit industriellem Erbe an? Oder anders gefragt: Wieso sollte man überhaupt etwas bewahren, was längst nicht mehr gebraucht wird? Stillgelegte Fabriken abzureißen und stattdessen etwas Neues hochzuziehen, ist doch viel unkomplizierter – und in den Industrienationen Asiens gang und gäbe. Dass aber auch dort Umdenken stattfindet, wieso Zollverein in dem Direktor einer ehemaligen taiwanesischen Brauerei einen Bruder im Geiste fand, und warum es für diese Brauerei dennoch zur „Weltdesignhauptstadt“ reicht, zeigte ein Tag mit der Delegation aus Taiwan auf Zollverein .

Was heißt eigentlich „Hallo“ auf Taiwanesisch? Das schaut Nikolaos Georgakis von der Stiftung Zollverein noch einmal schnell im Internet nach, bevor er die Gäste aus Taipeh, der Hauptstadt Taiwans, in Empfang nimmt. Wäre aber gar nicht nötig gewesen. Jung-Wen Wang, Direktor des „Huashan Creative Park“, einer Kulturbrauerei und Präsident einer dortigen Buchstiftung, sein Sohn sowie eine mitgereiste Schriftstellerin und ein Lyriker verstehen ihn auch so ganz gut – dank Dolmetscherin Wei Tang, die sich ebenfalls von Taipeh nach Frankfurt aufgemacht hatte.

Frankfurt – Essen – Berlin

13 Flugstunden und einen Buchmesse-Besuch später legten die fünf Besucher vergangene Woche einen Zwischenstopp in Essen ein, bevor es am gleichen Abend für sie weiter zum Literaturkolloquium nach Berlin ging. Dolmetscherin Tang, die in Taipeh Germanistik studierte, knapp zwei Jahre in Essen lebte und hier auch ihren Mann kennenlernte, der jetzt in Shanghai arbeitet, hatte den Stiftungspräsidenten überhaupt erst auf die Idee gebracht: „Ich war schon 2010 zur Kulturhauptstadt auf Familienbesuch hier und hab’ gesagt: Das muss man einfach selbst gesehen haben.“

Gesagt, getan. Und so steht Jung-Wen Wang eines verregneten Freitags staunend (erkennbar an unzähligen „Ohhhs!“ und „Ahhhs!“) unterm Förderturm und hält alles begeistert mit seiner Spiegelreflexkamera fest. „Ich habe schon viel von Zollverein gehört, aber ich bin überrascht, wie schön es in Wirklichkeit ist“, lässt der Brauereichef seinen ersten Eindruck übersetzen. In einem einstündigen Vortrag erfahren die gespannten Gäste dann alles über Zollverein früher und heute, über Ideen, Pläne, Finanzierungen – und dass es nur aus dem Grund zwei Pförtnerhäuschen am Eingang zum Zechengelände gibt, weil der Architekt die Symmetrie als ästhetischer empfand (nicht etwa, weil jemals tatsächlich zwei gebraucht wurden).

Verbundenheit trotz Unterschieden

Mit einem so ausgeklügelten „Masterplan“, den Referent Georgakis mehrfach erwähnt, namhaften Architekten und Besucherzahlen im Millionenbereich kann Jung-Wen Wangs Kulturbrauerei nicht mithalten. „Aber bei uns gibt es eine ähnliche Entwicklung wie hier“, erklärt er. Er habe seit 2007 als neuer Direktor der ehemaligen Schnapsbrennerei immerhin eine kulturelle Einrichtung geschaffen – mit vielen Ausstellungen, Kunstprojekten, Restaurants und Konzerten. Er wolle das Industriegelände, welches mitten im Stadtzentrum Taipehs liegt, für alle Einwohner zugänglich machen und attraktiv gestalten. Für eine Bewerbung zum Wettbewerb „Weltdesignhauptstadt“ habe es bisher allerdings aus einem einfachen Grund nicht gereicht: „Die Kulturbrauerei ist mit 33.000 Quadratmetern einfach zu klein für die Teilnahmebedingungen“, bedauert Wang.

Verbundenheit trotz Größenunterschieden stellt Wang dann später fest, als die Delegation den Denkmalpfad kennenlernt: Als Besucherführerin Serena L’hoest ihnen vom einstigen 100 Meter hohen Schornstein auf Zollverein erzählt, fällt ihm ein: „Bei uns ist das höchste Bauwerk genau so ein Turm – aber nur 41 Meter hoch. Damit sind wir Brüder im Geiste“, freut er sich. Rundum beeindruckt zeigt sich die Delegation auf der Aussichtsplattform des Ruhrmuseums: „Wir konnten uns nicht vorstellen, dass Fabriken auch so schön sein können.“

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