Besuch eines Shooting-Stars am Klavier

Selbst ein so ehrwürdiges Orchester wie die Münchner Philharmoniker ist nicht davor gefeit, sich die Show stehlen zu lassen, wenn sich ein Glamour-Girl vom Kaliber der 27-jährigen Chinesin Yuja Wang ans Klavier setzt, die schon allein in ihrem hautengen langen und rückenfreien Gewand ein Hingucker ist. Sergej Prokofieffs 2. Klavierkonzert will dabei kaum zum grazilen Erscheinungsbild der Musikerin passen. Ein Werk, das mehr mit einem Dauerbeschuss auf sämtliche 88 Tasten gemein hat als mit feingeistiger Sensibilität. Gleichwohl attackierte die Musikerin das Instrument mit Energie und nähmaschinenhafter Präzision. Viel Gelegenheit, ihre musikalischen Qualitäten unter Beweis zu stellen, bietet das derbe Opus leider nicht. Die ließen sich nur episodenhaft zu Beginn des Kopfsatzes und ansatzweise in der Zugabe mit einer pfiffigen Bearbeitung von Mozarts „Türkischem Marsch“ erahnen.

Die Münchner Philharmoniker mussten sich im ersten Programmteil mit einer Statistenrolle zufriedengeben. Jedenfalls setzten sie der Musikerin unter Leitung von Michał Nesterowicz genügend Druck für Prokofieffs Kraftakt entgegen. Die Erste Symphonie von Brahms ließ in der gediegenen, orchestral tonschön geformten Interpretation durch Nesterowicz keine Wünsche offen, solange man nicht eine individuelle Handschrift erwartet, mit der etwa ein Sergiu Celibidache dem Orchester ein unverwechselbares Profil verliehen hat.