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Religion

Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück

09.07.2012 | 07:00 Uhr
Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
Foto: AP Photo/Dita Alangkara

Essen.   Essens Religionsvertreter kritisieren das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Kindern. Wer die Vorgaben künftig kontrolliert, darauf weiß keiner eine Antwort. Detlev Feige, Sprecher des Justizministeriums, verweist auf die Kommune. Dort, beim Essener Ordnungsamt, ist man sich keiner Verantwortung bewusst, verweist wiederum auf die Ärztekammer.

Das Tor zum Islam ist ganz in Blau gehalten: In der Ecke steht eine Plastikwippe und auf der Garderoben-Ablage liegt die Junior-Ausgabe von Monopoly – Zeitvertreib für den Nachwuchs, der seit gut fünf Jahren jedes Wochenende den Vorraum des Beschneidungszentrums „Cerrah-Med“ an der Altendorfer Straße füllt. Bis zu 15 Jungen werden hier wöchentlich behandelt. Immer am Wochenende oder in Ferien, „damit die Kinder dafür nicht extra in der Schule fehlen“, erklärt Leiter Hulusi Kandemir. Für die Muslime ist die Beschneidung ein Aufnahmeritual, ähnlich der christlichen Taufe. Doch damit ist jetzt erst mal Schluss.

„Es überwiegt das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit“, so urteilte dieser Tage Kölns Landgericht. Das Kind könne, einmal volljährig, selbst entscheiden, ob es die Beschneidung nachhole. „Religionsfreiheit und Erziehungsrecht werden nicht unzumutbar beeinträchtigt“, entschieden die Richter und brachten Klarheit in eine Sache, die bislang als rechtliche Grauzone galt.

„Damit setzt sich das Gericht über traditionelle Werte unserer Religion hinweg“

Essener Vertreter von Judentum und Islam reagieren entsetzt. „Ein Schock“, sei der Richterspruch gewesen, erklärt der Vorsitzende des Essener Verbunds der Immigrantenvereine, Muhammet Balaban. „Damit setzt sich das Gericht über traditionelle Werte unserer Religion hinweg“, beklagt er. Wie viele Essener die Zeremonie der „Zirkumzision“ aus religiösen Gründen jährlich durchlaufen, ist nicht erfasst. Beschneidungen sind nicht meldepflichtig und werden in nicht-medizinischen Fällen, auch nicht von der Krankenkasse übernommen. Da das Kölner Urteil nun aber rechtskräftig ist, bleibt sie für die Muslime unter den rund 4600 jährlichen Essener Neugeburten nun erst mal verboten.

Gleiches gilt für die Juden. Seit etwa 600 vor Christus gilt die Beschneidung im Judentum als Eintritt in den Bund mit Gott. „Auch in unserer Religion wird intern viel diskutiert, aber in einem sind sich alle einig: die Beschneidung ist nicht diskussionsfähig, sie ist Teil unseres Glaubens“, erklärt der Leiter der Alten Synagoge, Uri Kaufmann. Beim Gang durch die Innenstadt fallen ihm immer wieder Kinder und Jugendliche mit Piercings auf, „darüber spricht niemand, aber über ein kleines Stückchen Haut – da fehlt mir der Respekt vor zwei großen Weltreligionen“.

"Ansonsten spiele ich mit meiner Zulassung“

Während sich die Religionen also Sorgen um ihre Tradition machen, hat Hulusi Kandemir vor allem Angst vor seiner beruflichen Zukunft. Zwar arbeitet er während der Woche als normaler Arzt in einem Arnsberger Krankenhaus, das Beschneidungszentrum sei für ihn dennoch wichtig. „Aber jetzt kann ich dem Urteil nur folgen, ansonsten spiele ich mit meiner Zulassung“, erklärt der Türke, der seit 33 Jahren in Deutschland lebt und in Bochum aufgewachsen ist. Den Urteilsspruch an sich kann er nicht nachvollziehen. „Wir arbeiten nach strengsten Hygienevorschriften, die Beschneidung ist Teil unserer Religion, das Verbot ist Schwachsinn.“

Unklar bleibt zudem, wer eigentlich für die Durchsetzung dieses Verbots verantwortlich ist. Detlev Feige, Sprecher des Justizministeriums, verweist auf die Kommune. Dort, beim Essener Ordnungsamt, ist man sich keiner Verantwortung bewusst, verweist wiederum auf die Ärztekammer. Doch auch die kann auf NRZ-Nachfrage keine Zuständigkeit feststellen.

„Die Niederlande sind ja sehr schnell zu erreichen“

Vielleicht hat sich diese Frage auch schon bald erledigt. Dann nämlich, wenn eine mögliche Klage vor dem Bundesgerichtshof, wie sie zurzeit von muslimischen und jüdischen Verbänden geprüft wird, Erfolg hat. Darauf hofft auch Kandemir und will bis dahin nur medizinische Fälle behandeln, auf religiöse Beschneidungen aber, trotz unklarer Kontrollsituation, verzichten.

Was aber passiert, wenn auch das höchste deutsche Gericht dem Urteil zustimmt und Beschneidungen somit verboten bleiben? „Den Brauch wird es weiter geben“, ist sich Uri Kaufmann sicher. Die Lösung für eine legale Durchführung könnte dann in der Ferne liegen. „Wenn es so bleibt, wird es halt Beschneidungstourismus geben“, erklärt Muhammet Balaban. Und Kaufmann ergänzt schmunzelnd: „Die Niederlande sind ja sehr schnell zu erreichen.“ Dort ist, wie in allen übrigen europäischen Ländern, die Beschneidung erlaubt.

Clemens Boisseree


Kommentare
16.07.2012
23:53
Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
von HalloAusDemPott | #47

Wieso ratlos ?

Ist doch alles eindeutig !

Für Ärzte fällt nur ein lukrativer Geschäftszweig weg, besonders wenn man bedenkt, dass religiöse Beschneidungen nur PRIVAT abgerechnet werden können.

Also ist man dafür und schmeißt alle ethischen Grundsätze über Bord.

Eine Beschneidung, egal ob Jungen oder Mädchen, ist und bleibt eine Körperverletzung, zumal die Beschnittenen nicht selbst entscheiden können und der Vorgang unumkehrbar ist.

Liebe Ärrzte, habt Ihr Euren ärztlichen Eid vergessen ???

Liebe Politiker, stellt Ihr neuerdings religiösen Wahn über das Grungesetz ???

Stimmt Frau Merkel, wir machen uns zur Komikernation, aber nur weil soche Komiker wie ihr, kein Rückrat habt, kein Respekt vor dem Grundgesetz habt und ihr euch mittlerweile über die Rechtsprechung erhebt.

Ihr seid genau so eine Schande für dieses Land, wie diese idiotischen religiösen Rituale.

Politiker, Befürworter und Kriecher aller Couleur, lasst euch doch verstümmeln, mal sehen wieviel Spass ihr habt.


1 Antwort
Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
von Der-Parteilose | #47-1

Endlich fängt der Deutsche an zu Reden und zwar Klartext, es ist schon lange überfällig!
Denn so eine Ober-Komikerin (Merkel) braucht Deutschland schon lange nicht mehr!
Es ist aber zu beachten, dass die Parteien die Gesetze für sich machen und nicht für den Bürger!
Daher bei der nächsten Bundestagswahl nur noch die Erststimme (Direktkandidaten) abgeben und keine Zweitstimme mehr abgeben. Mit der Erststimme immer,
wenn vorhanden, einen Parteilosen wählen, oder ab dem 6. Kandidaten auf der Liste! Dadurch spart Deutschland Milliarden Euro ein und die Parlamente werden auf mindestens die Hälfte reduziert (Bund: 598 sollten es sein, sind aber 622, 299 sollten es dann nur sein, NRW 181, 237, 91). Damit wir nicht mehr so viele Komiker in den Parlamenten haben und deren hohe Diäten/Pensionen zahlen müssen!
Danke für jede offene und ehrliche Meinung.

12.07.2012
12:40
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Name von Moderation entfernt | #46

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2 Antworten
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Name von Moderation entfernt | #46-1

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10.07.2012
14:02
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Name von Moderation entfernt | #45

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10.07.2012
13:19
Rechtskräftig
von werneralberts | #44

Tschuldigung, muss natürlich Religions f r e i h e i t heißen.

10.07.2012
13:17
Rechtskräftig
von werneralberts | #43

Na, zunächst mal ist das Urteil rechtskräftig. das bindet zwar nicht, beeinflusst aber durchaus andere Gerichte. Ihre Ansicht, das Urteil sei minderheitenfeindlich, ist absurd. Das Gericht hat nach sorgfältiger Abwägung entschieden, dass die Verschiebung der Beschneidung bis zur Religionsmündigkeit keine unzumutbare Beeinträchtigung der Religionsfeindlichkeit ist. Weder Juden noch Moslems haben das Recht, sich über deutsche Gesetze hinwegzusetzen. Die Empfehlung, "in der Heimat" beschneiden zu lassen, ist Unsinn, da Körperverletzung auch dann im Inland bestraft werden kann, wenn sie im Ausland begangen wurde.

10.07.2012
12:19
Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
von seew1 | #42

Klarstellend sollten alle Diskutanten und auch der besorgte türkische Arzt folgendes wissen: Das umstrittene Urteil des Landgerichts ist eine Einzelfallentscheidung, die andere Gerichte außerhalb des Gerichtsbezirks in keiner Weise bindet. Das ist unte Juristen unumstritten. Wer meint, das LG fälle höchstrichterliche Entscheidungen, hat die Bedeutung dieses Wortes einfach nicht verstanden.

Das Urteil ist minderheitenfeindich, behindert die Integration und zielt offenkundig darauf ab, Juden und Muslimen Deutschland zu "vermiesen" und macht klar: Ihr seid hier nicht willkommen! Das belegt auch die Empfehlung, doch "in der Heimat" beschneiden zu lassen. Juden und Muslime mit deutschem Pass haben hier ihre Heimat. Kein Deutscher kann uns das Recht absprechen, dieses Land als unsere Heimat zu begreifen. Ich bin Jude, meine Vorfahren sind hier vor mehreren Jahrhunderten eingewandert. Wieso legt man mir nahe, meine Heimat habe Israel zu sein?

1 Antwort
Das Recht auf körperliche Unversehrtheit...
von eimerweise | #42-1

...gehört zu den Grundrechten eines Menschen im Geltungsbereich des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland.
Was "unter Juristen unumstritten" ist oder nicht, hat auf die Grundrechte keinen Einfluss.
Ihr zweiter Absatz ist polemisch und entbehrt jeder Grundlage. Niemand will Ihnen Ihre Grundrechte absprechen, geschweige denn Deutschland als Ihre Heimat anzusehen.

09.07.2012
20:17
Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
von 1980yann | #41

Flächendeckende Untersuchungen zur Feststellung von erfolgten Körperverletzungen könnten im Rahmen der Kindervorsorgeuntersuchungen (http://de.wikipedia.org/wiki/Kindervorsorgeuntersuchung) vorgenommen werden ... dazu müsste man nur einzelne diese Termine verpflichtend machen.
Sollten einige der festgestellten Beschneidungen sich dann als medizinisch notwendig erweisen (entsprechende Aufzeichnungen müssen ja länger gelagert werden) spart das den Staatsanwaltschaften viel Aufwand.

2 Antworten
Dies lässt mich nun ratlos zurück
von eimerweise | #41-1

- ist das die vielgerühmte deutsche Gründlichkeit?
Wer A sagt, muss auch B sagen, heißt es. Da sag ich dann lieber garnichts.

Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
von 1980yann | #41-2

Das war einfach nur ein Vorschlag, wie die Kommunen handlungsfähig werden. Die Schuleingangsuntersuchungen wären ein weiterer Weg.

09.07.2012
20:13
Westwind | #39
von dummmberger | #40

Was hat jetzt der Völkermord mit der Beschneidung zu tun?

09.07.2012
17:47
Beschneidungsurteil lässt Kommunen ratlos zurück
von Westwind | #39

Dass islamische und jüdische Religionsvertreter höchst richterliche Entscheidungen im christlichen Europa so vehement angehen (dürfen) ?!...Wer setzt sich in der arabischen Welt für Christen ein? Diese werden dort verfolgt. Und erinnert man Türken an den um 1915 praktizierten Völkermord an den christlichen Armeniern, werden sie sehr zornig. Wie erklärt sich DAS?

09.07.2012
17:31
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Name von Moderation entfernt | #38

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