Das aktuelle Wetter Essen 15°C
Uniklinik

Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“

16.07.2012 | 10:00 Uhr
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
Für gläubige Juden und Muslime ist die Beschneidung männlicher Nachkommen ein wichtiges Ritual – das nicht unumstritten ist.

Essen.   Die Debatte über ein Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung von Jungen im Säuglingsalter verbietet, hält unvermindert an. Eckhard Nagel, ärztlicher Direktor der Uniklinik, spricht sich dafür aus, den Einzelfall zu betrachten. Die körperliche Unversehrtheit eines Kindes aber hält Nagel für ein "zu verteidigendes Rechtsgut".

Die kontroverse Debatte über ein Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung von Jungen im Säuglingsalter verbietet, hält unvermindert an . Über das Urteil, den Eingriff und die Konsequenzen sprach Jennifer Schumacher mit Eckhard Nagel, dem ärztlichen Direktor der Uniklinik.

Herr Professor Nagel, inwieweit sollte die medizinische Selbstbestimmung über die Religionsfreiheit gestellt werden?

Eckhard Nagel: Im Prinzip geht es hier ja um eine genaue und differenzierte Abwägung verschiedener Auffassungen und Rechtsgüter. Einerseits gibt es die in unserer Verfassung verankerte Religionsfreiheit und das elterliche Erziehungs- und Personensorgerecht. Dem steht auf der anderen Seite das Recht der körperlichen Unversehrtheit des einwilligungsunfähigen Kindes gegenüber. Es gilt hier in einem gesellschaftlichen Diskurs, diese Standpunkte in bedachter und angemessener Weise auch unter dem Aspekt der Verhältnismäßigkeit miteinander in Einklang zu bringen.

Ist das hier geschehen?

Wir müssen ganz genau den Einzelfall betrachten. Die religiös-kulturell motivierte, medizinisch sachgerecht durchgeführte Beschneidung eines Jungen ist sicherlich in diesem Kontext anders zu bewerten als eine ganz eindeutig verstümmelnde Beschneidung von jungen Mädchen. Insofern muss generell Verständnis dafür aufgebracht werden, dass das Recht der körperlichen Unversehrtheit bei nicht einwilligungsfähigen Kindern ein höchst relevantes und auch gegenüber elterlichen Einschätzungen zu verteidigendes Rechtsgut ist.

Begrüßen Sie das Urteil oder überwiegt bei Ihnen die Skepsis?

Ich stehe diesem Urteil in dieser Form und mit der Entstehungsgeschichte eher ambivalent gegenüber. Die in einem solchen Fall notwendige Abwägung verschiedener Standpunkte und Rechtsauffassungen ist nach meiner Ansicht nicht voll umfassend erfolgt. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass für Juden und Muslime die Beschneidung eine ganz immanente Rolle als Zeichen der religiösen und kulturellen Zugehörigkeit spielt. Das durch die Eltern zu tragende Recht der Personensorge umfasst ja auch religiöse Belange. Zwar stellt die Beschneidung einen irreversiblen Eingriff dar, aber selbst mit dieser Maßnahme ist ja auch eine gute individuelle Entwicklung des Kindes, gegebenenfalls auch außerhalb der von den Eltern vorgegebenen religiösen Ausrichtung, sehr gut möglich. Hinzuzufügen ist des Weiteren, dass viele Männer auch außerhalb von spezifisch religiösen Kontexten und medizinischen Indikationen beschnitten sind.

Welche Konsequenzen wird das Urteil haben? Muss man befürchten, dass jetzt öfter heimlich beschnitten wird, auch durch Nicht-Mediziner?

Einen rechtsfreien oder unklaren rechtlichen Rahmen darf es nicht geben. Hier ist klar der Gesetzgeber gefordert. Eine Kriminalisierung ist sicherlich nicht wünschenswert, hier besteht dann immer die Gefahr von Pfusch und „Hinterzimmermedizin“, welche in der heutigen Zeit nicht toleriert werden dürfen. Darüber hinaus denke ich, dass alle diejenigen, die eine Beschneidung aus religiösen Gründen durchführen lassen möchten, dies auch tun werden, beispielsweise im Ausland. Ich möchte aber, dass alle Menschen, die hier in Deutschland leben, Ihre Religion auch frei und offen leben können.

Wie kompliziert ist der Eingriff eigentlich?

In geübter ärztlicher Hand ist dies ein millionenfach erprobter Routineeingriff, der keine körperlichen Schäden hinterlässt. Noch einmal. Dies unterscheidet die männliche Vorhautbeschneidung in eklatanter Weise von der Genitalverstümmelung der Frau.



Kommentare
17.07.2012
21:53
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
von joergel | #42

Deine Kinder sind nicht deine Kinder,
sie sind die Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch dich, aber nicht von dir und
obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht,
du kannst ihnen deine Liebe geben,
aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken,
du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele,
denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen.
Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
aber suche nicht, sie dir gleich zu machen,
denn das Leben geht nicht rückwärts und
verweilt nicht beim Gestern.
Du bist der Bogen, von dem deine Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Laß deine Bogenrundung in der Hand
des Schützen Freude bedeuten.

Khalil Gibran

17.07.2012
21:07
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
von JanundPitt | #41

Was spricht dagegen, auf Beschneidung - und damit auf eine qualvolle, schmerzhafte Prozedur mit unkalkulierbaren Folgen - von Säuglingen und unmündigen Kindern zu Gunsten ihres berechtigten Selbstbestimmungsrechtes zu verzichten und sie selbst bei Volljährigkeit ihre Entscheidung für oder gegen eine Beschneidung treffen zu lassen? Nichts. Außer ur-ewig-alten Traditionen zweier patriarchalischer Religionen, aus Zeiten, in denen regelmäßiges Waschen der heiligen Teilchen noch nicht zum Tagesgeschäft gehörte.
Warum der Aufschrei? Sind erwachsene Männer etwa zu feige, sich freiwillig dieser schmerzhaften Prozedur zwecks Unterwerfung unter die achaischen Regularien ihre Religion zu unterziehen? Kann ich verstehen, ist bestimmt übel. Zwangsbeschneidung von hilflosen Kindern - egal ob Junge oder Mädchen - kommt einer Vergewaltigung gleich, die vollzogen wird, um sie einer Religion zu unterwerfen von der sie noch keinen Schimmer haben. Das kann unser Grundgesetz dulden.

17.07.2012
15:44
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
von joergel | #40

Es geht nicht nur um die Verfassung, die versucht hat demokratische Rechte in Gesetzesform zu formulieren. Es geht um die Menschenrechte. Niemand hat das Recht anderen Schaden zuzufügen. Schon gar nicht Menschen, die sich nicht wehren können und vollkommen ausgeliefert sind.

Kinder gehören nicht ihren Eltern, die damit anstellen können was sie wollen. Auch nicht im Namen der Religionsfreiheit. Das mag vielleicht in vorchristlicher Zeit der Fall gewesen sein, aus der der Beschneidungsritus stammt. Der damals als Ersatz für Menschenopfer geschaffen wurde, wie die Geschichte von Abraham und Isaak zeigt.

Auch wenn das früher ein Fortschritt war, so ist das heute in zivilisierten Ländern längst überholt - oder sollte es zumindest sein.

Die Freiheit des einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit anderer "beschnitten" wird. Das gilt egal aus welchen Gründen und auch wenn es um die eigenen Kinder geht...

17.07.2012
08:24
Immer noch lustig,
von bigkahuna | #39

wie selbstbewußt die selbsternannten Verfassungsrechtler hier so sicher sind, welches Rechtsgut höher wiegt. Selbst unter Verfassungsrechtlern ist dieses Thema umstritten.

17.07.2012
00:38
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
von joergel | #38

Die Befürworter der Beschneidung sollen sich nicht zu früh freuen. Sie selber haben dazu beigetragen wenn diese archaische, blutige und schmerzhafte Prozedur an wehrlosen Kindern in Zukunft nicht nur vor dem Bundesverfassungsgericht, sondern auch vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte landet.

Bisher hat die Masse der Menschen, bis auf wenige Experten, angenommen, bei der Beschneidung handelt es sich um einen kleinen Schnitt und die Sache ist ausgestanden. Selbst das Kölner Gerichtsurteil hätte nur wenige berührt, weil sich hier kaum jemand der Problematik bewußt war.

Aber die Forderungen zur Aufhebung dieses Urteils, eines Gesetzes das die Verletzung von Kindern erlaubt und die im Grundgesetz garantierte körperliche Unversehrtheit aushebelt, das hat viele aufhorchen lassen und die Augen geöffnet - auch mich.

Sollten Beschneidungen also irgendwann in ganz Europa verboten sein, haben die lauthals Schimpfenden dies durch ihre überzogenen Forderungen selbst zu verantworten!

16.07.2012
23:57
Unrechtmäßige Kommentarlöschung!!!!
von Aufdecker | #37

Wieso werden hier Kommentare gelöscht, ohne jeglichen Hinweis? Wo bleibt dann Ute die Meinungsfreiheit? Wenn Sie Kommentare blockieren, was Ihnen auch zusteht, dann deuten Sie das auch an. Gut das ich nach Erscheinung die Kommentare gedruckt hatte!!! Werde nun prüfen lassen, ob diese Vorgehensweise von euch rechtens ist?

Was für eine Zeitung, die Kommentare einfach löscht!

16.07.2012
23:43
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
von HalloAusDemPott | #36

Man kann solche dummen Ausführungen eines ärztlichen Direktors nur so bewerten:

Der Uniklinik fällt ein lukrativer Geschäftszweig weg, besonders wenn man bedenkt, dass religiöse Beschneidungen nur PRIVAT abgerechnet werden können.

Also ist man dafür und schmeißt alle ethischen Grundsätze über Bord.

Eine Beschneidung, egal ob Jungen oder Mädchen, ist und bleibt eine Körperverletzung, zumal die Beschnittenen nicht selbst entscheiden können und der Vorgang unumkehrbar ist.

Liebe Ärrzte, habt Ihr Euren ärztlichen Eid vergessen ???

Liebe Politiker, stellt Ihr neuerdings religiösen Wahn über das Grungesetz ???

Stimmt Frau Merkel, wir machen uns zur Komikernation, aber nur weil soche Komiker wie ihr, kein Rückrat habt, kein Respekt vor dem Grundgesetz habt und ihr euch mittlerweile über die Rechtsprechung erhebt.

Ihr seid genau so eine Schande für dieses Land, wie diese idiotischen religiösen Rituale.

16.07.2012
19:47
Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts - „jeder soll seine Religion leben“
von 1980yann | #35

@Aufdecker
Nicht-Beschneidung ist nicht automatisch gleichzusetzen mit Christentum ... gerade die Kirchen outen sich ja gerade als wahre Beschneidungsfreunde/-sympathisanten.
Es geht aber natürlich auch generell um die Frage der religiösen Extrawürste - um die Frage, ob die Religionsgemeinschaften einen Anspruch darauf haben, die Kinder ihrer Gläubigen als Gläubige zu vereinnahmen, und diesen Zwang als Teil der religiösen Lehre getarnt an die Eltern weiterzureichen.
Jemanden ohne eigene mündige Willensbekundung als Vollmitglied oder angehendes Vollmitglied zu führen, sollte Religionsgemeinschaften verboten werden - insbesondere vor dem Hintergrund, dass jemand, der als Jugendlicher/Erwachsener die Elternreligion nicht zu seiner eigenen macht, meist nicht als einfacher Anders- oder Nichtgläubiger gilt, sondern als Abtrünniger schief angesehen bis verachtet wird.

16.07.2012
18:58
Eckhard Nage lügt. Niederländische Ärztebund und der Niederländische Gesellschaft für Urologe haben nicht umsonst eine Abschaffung dieser Praxis gefordert.
von Salax | #34

Die negativen medizinischen Auswirkungen der Beschneidung waren von Anfang an Gegenstand Debatte und eben aufgrund dieser kam das Urteil zu Stande:

Siehe: http://www.aerzteblatt.de/archiv/61273

Auch die Behauptung, dass die Beschneidung keinen körperlichen Schaden hinterließe ist absolut absurd, und widerspricht den Positionen europäischer Ärzteverbände.

http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/argumente-gegen-beschneidung/nachteile-der-beschneidung.html

Sowohl die Königliche Niederländische Ärztevereinigung, die Niederländische Gesellschaft für Urologie, als auch der Schwedische Kinderärzteverband haben sich für ein Verbot bzw. die Abschaffung der Jungenbeschneidung ausgesprochen.

Herr Nagel bewegt sich mit seiner Meinung auf dem medizinischen Stand der 1960er und 70er Jahre.

16.07.2012
18:33
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #33

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

Aus dem Ressort
Kontaktsperre für 21 Tage
Ebola
Der Essener Kinderarzt Werner Strahl behandelt mit seinem Verein Cap Anamur im einzigen Kinderkrankenhaus von Sierra Leone todkranke Kinder. Doch das Krankenhaus ist von der Schließung bedroht, weil dort zurzeit die Ebola grassiert.
Evag stellt Zukunft von „Via“ in Frage
Nahverkehr
Bleibt die gemeinsame Verkehrsgesellschaft der Städte Essen, Mülheim und Duisburg auf halber Strecke liegen? Die Essener Verkehrs-AG stellt „Via“ auf den Prüfstand.
Familie nächtigte mit Baby in leer stehendem Ladenlokal
Polizei
Eine Familie samt Kind hat sich an der Steeler Straße Zugang zu einem leerstehenden Ladenlokal verschafft und dort ihr Nachtlager aufgeschlagen. Ob sie dort eine Nacht verbracht haben oder bereits länger in dem Gebäude gewohnt haben, ist nicht bekannt. Die Polizei ermittelt wegen Hausfriedensbruchs.
A40 am Samstag in Essen-Ost nur einspurig
Autobahn
Auf der A 40 im Essener Stadtgebiet kann es am Samstag wieder zu Verkehrsbehinderungen kommen. Darauf weist der Landesstraßenbaubetrieb Straßen.NRW hin.
Ex-Katholikin darf auf jüdischem Friedhof beerdigt werden
Gerichtsurteil
Eine Ex-Katholikin darf neben ihrem Ehemann auf dem jüdischen Friedhof beerdigt werden. Dies haben jetzt Richter entschieden, nachdem sich die jüdische Kultus-Gemeinde mehr als drei Jahre energisch geweigert hatte. Ausschlaggebend für die Entscheidung war letztlich ein alter Vertrag.
Umfrage
Die Evag unterhält 250 Überwachungskameras an ihren Bahnsteigen. Ncht alle zeichnen dauerhaft auf. Bis 2015 sollen alle Kameras rund um die Uhr filmen, die Daten für 72 Stunden gespeichert werden. Wie finden Sie das? 

Die Evag unterhält 250 Überwachungskameras an ihren Bahnsteigen. Ncht alle zeichnen dauerhaft auf. Bis 2015 sollen alle Kameras rund um die Uhr filmen, die Daten für 72 Stunden gespeichert werden. Wie finden Sie das? 

 
Fotos und Videos
Erinnerungen an den ersten Schultag
Bildgalerie
i-Dötzchen
Krayer Kinderfest
Bildgalerie
Großes Kinderfest