Bei der Frühschicht im Essener Otto-Hue-Heim

Für einen Augenblick der Nähe nimmt sich Susanne Radefeld immer Zeit.
Für einen Augenblick der Nähe nimmt sich Susanne Radefeld immer Zeit.
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Was wir bereits wissen
Um die 47 Bewohner kümmern sich vier Pflegefachkräfte und zwei Lehrlinge. Der Job ist hart und die gesellschaftliche Wertschätzung fehlt.

Essen.. Noch ist es ruhig auf den Gängen des Otto-Hue-Heimes in Holsterhausen. Es ist sieben Uhr morgens und die Frühschicht sammelt beim Kaffee Energie für den bevorstehenden Dienst. 47 Bewohner, verteilt auf zwei Etagen, warten auf die vier Pflegefachkräfte und zwei Auszubildenden; sie brauchen Hilfe beim Aufstehen, beim Waschen, Anziehen und Essen. Das klingt nach viel Arbeit, doch „wir sind personell einigermaßen aufgestellt“, sagt Schwester Susanne. Seit 14 Jahren ist die examinierte Krankenschwester in der Altenpflege tätig, hat den Schritt aus der Krankenpflege ins Awo-Heim nie bereut.

„Ich schätze den Umgang mit den Bewohnern, bin trotz großem körperlichen und psychischem Einsatz mit viel Herzblut dabei“, bekennt sie. Deshalb kann die 49-Jährige überhaupt nicht verstehen, wie wenig Wertschätzung ihr Beruf in der Gesellschaft erfährt. „Wenn ich schon höre, dass es heißt: ,Jeder kann Altenpflege’, oder ,Alle Hartz IV Bezieher könnten doch als Ein-Euro-Kraft ins Altenheim’, dann fühle ich mich und meine Arbeit diffamiert.“ Ihre Arbeit, das ist in erster Linie Bezugspflege: „Wir teilen die Zimmer auf, jeder betreut seine Bewohner.“ Das schafft Vertrauen, Grundvoraussetzung für eine gute Pflege.

Jeder Handgriff zeugt von Professionalität

Und so ist für Anneliese Wolter* (Name geändert) Schwester Susanne der Anker in ihrem Leben. Die über 80-Jährige leidet, wie ungefähr die Hälfte der Heimbewohner, unter Demenz. Je mehr sie sich selbst und den Bezug zur Gegenwart verliert, umso wichtiger ist ihr ein vertrautes Gesicht. Geduldig hört Schwester Susanne zu, wenn ihr die immer gleichen Fragen, die immer gleichen Geschichten erzählt werden. Meist handeln sie von der Kindheit, die ist Frau Wolters noch sehr präsent. Dazwischen zieht ihr die Pflegerin die Thrombosestrümpfe an, wäscht ihr den Rücken, cremt sie ein, kämmt die Haare. Jeder Handgriff zeugt von Professionalität aber auch von Gefühl. „In meinem Beruf muss man nicht nur kommunikativ sein, sondern auch die Fähigkeit haben, auf Menschen einzugehen, sie auch mal in den Arm zu nehmen, ihre Hand zu halten. Und zwar, ohne distanzlos zu sein.“

Ein Zimmer weiter wartet Alfons Neumann*. Vor seiner Tür hängt das Porträt eines gutaussehenden Mannes Ende Fünfzig. Das hat mit der Realität nichts mehr gemein. Der 72-Jährige ist schwer dement, kann nicht mehr laufen, hat seine Sprache verloren. Immer noch stattlich, muss er von zwei Pflegekräften gewaschen werden - das ist körperliche Schwerstarbeit. Anschließend reicht ihm Schwester Susanne das Frühstück.

"Die Pflegedokumentation hat überhand genommen"

Erst, wenn das eingeweichte Brot seine Lippen berührt, öffnet Alfons Neumann reflexartig den Mund; Hunger- oder Durstgefühle kann er nicht mehr zeigen. Trotz seiner schweren Erkrankung und der damit verbundenen Unbeweglichkeit wird er jeden Tag in den Rollstuhl gesetzt. „Als Herr Neumann zu uns kam, war er noch ansprechbar, ist stundenlang den Flur hoch und ‘runter gelaufen“, erinnert sich Schwester Susanne. Den langen Abschied, den letzten Weg miterleben und mitbegleiten, auch das müssen die Menschen, die in einem Pflegeheim arbeiten, leisten und verkraften können. Als wäre die Arbeit nicht schwer genug, würde die Pflege nicht alle Kraft absorbieren, müssen die Fachkräfte alles bis ins kleinste Detail aufschreiben.

„Die Pflegedokumentation hat überhand genommen. Sie raubt uns Zeit, die wir lieber unseren Bewohnern widmen würden.“ Das Missverhältnis hat inzwischen auch die Politik erkannt, sie will für Entbürokratisierung sorgen. Ein richtiger Schritt, findet auch Schwester Susanne. Noch lieber wären ihr mehr Anerkennung, mehr Kollegen und eine bessere Bezahlung.

Fachseminarleiterin: „Gute Pflegekräfte werden immer gebraucht“

„Gesunder Menschenverstand, anspruchsvolle Denkleistung, Beziehungsfähigkeit und Verständnis für alte Menschen“, zählt Sr. Anette-Maria Chmielorz die Grundvoraussetzungen auf, die eine Altenpflegekraft mitbringen muss. Seit 28 Jahren ist die Franziskus-Ordensschwester Fachseminarleiterin für Altenpflege in der katholischen Pflegeschule. Vier Klassen sitzen in der profanierten St. Peter Kirche im Eltingviertel, die 112 Schüler erfahren hier eine komplexe Ausbildung.

Jahr für Jahr bewerben sich deutlich mehr Interessenten, als die Schule aufnehmen kann. „Altenpflege ist ein Beruf, der in Zukunft sehr gefragt sein wird“, ist Schwester Anette mit Blick auf die demographische Entwicklung überzeugt, „gute Pflegekräfte müssen sich deswegen nicht sorgen, dass sie arbeitslos werden.“ Auch sie bekommt immer wieder mit, wie wenig Wertschätzung den Pflegekräften entgegengebracht wird. Verstehen kann sie es nicht: „Pflege ist das Herz unserer Gesellschaft.“

"Das ist ein Skandal"

Drei Jahre dauert die Ausbildung, für die als Einstieg ein qualifizierter Hauptschulabschluss oder eine Fachoberschulreife sowie ein Praktikum nötig ist. Frisch examinierte Kräfte starten mit einem Gehalt von ca. 2200 Euro brutto plus Geriatriezulage und können sich bis auf ca. 3022 Euro steigern. Gemessen an dem, was Altenpfleger heute leisten, ist das ein unterdurchschnittlicher Lohn.

Daran könnte sich etwas ändern, wenn es der Politik endlich gelänge, die Pflegeausbildung zu generalisieren.Die Spezialisierung auf Alten-, Kinder- oder große Krankenpflege würde dann später erfolgen. So ist das in der EU außer in Deutschland und Österreich üblich. „Das wird jetzt seit 20 Jahren bei uns diskutiert. Wenn es dieses Jahr nicht klappt, sehe ich schwarz.“

Noch mehr ärgert die promovierte Erziehungswissenschaftlerin die Vernachlässigung durch das Land NRW. „Als ich anfing, bekamen wir als Unterstützung für die Ausbildung 624 D-Mark pro Schüler. Heute sind es gerade mal 280 Euro. Das ist ein Skandal.“