Aus einem Beruf in die Berufung

Gesundheitspflegeassistent Markus Baumjohann
Gesundheitspflegeassistent Markus Baumjohann
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Der gelernte Dachdecker Markus Baumjohann hat nach einer Umschulung in der Pflege seinen Platz gefunden

Essen.. Der Ruf nach Pflege könnte nicht lauter sein: Ob Krankenhäuser, Altenheime oder ambulante Dienste – alle müssen gegen einen Fachkräftemangel ankämpfen. Markus Baumjohann war ganz Ohr.

Auf Anweisung der Ärzte gibt er nun Spritzen, verabreicht Tabletten, reicht Essen an, reinigt Betten und sorgt für das Wohlbefinden der Patienten. Markus Baumjohann arbeitet so routiniert, als ob er schon seit vielen Jahren Gesundheits- und Krankenpflegeassistent wäre. Und das, obwohl er vor nicht allzu langer Zeit noch Dachpfannen geschleppt, Wände abgedichtet und Häuser wetterfest gemacht hat.

Aber erst einmal von vorne: 15 Jahre hat der gelernte Dachdecker auf dem Bau gearbeitet. Obwohl ihm die Arbeit Freude bereitet hat – um die Weihnachtszeit, wenn alle glücklich sein sollen, war er es nicht. „Als Dachdecker auf dem Bau war ich im Winter immer arbeitslos. Das war ich einfach satt“, sagt der 40-Jährige. Als er eines Tages endgültig seine Arbeit verlor, war klar: „Ich muss etwas verändern. Allein schon wegen meiner Kinder“. Denn auch als Lkw-Fahrer sah seine Zukunft nicht rosig aus – die Stelle wurde ebenfalls gestrichen.

Rund 500 Teilnehmer pro Jahr nutzen BiG-Angebot

Gesagt, getan. Baumjohann stellte sich beim Arbeitsamt vor. „Ich habe dem Herrn direkt eine Umschulung zum Gesundheits- und Krankenpfleger vorgeschlagen“, sagt er. Doch statt Zuspruch erntete der Familienvater erst einmal erstaunte Blicke. „Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Dachdecker in die Pflege passt“, so Baumjohann. Doch genau dahin passe er, davon ist er auch heute noch überzeugt. „Ich habe meine an Lungenkrebs erkrankte Mutter sowie den demenzkranken Großvater meiner Ehefrau gepflegt. Schon da konnte ich mir den Beruf vorstellen.“

Dann ging alles ganz schnell. Markus Baumjohann hat vom Arbeitsamt einen Bildungsgutschein erhalten und sich umgehend nach einer für ihn geeigneten Schule umgeschaut. Das Bildungsinstitut für Gesundheitswesen (BiG) in Essen habe ihm sofort zugesagt. Denn gerade das hat sich auf die Fort- und Weiterbildung im Gesundheitswesen und die Ausbildung von Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt spezialisiert – rund 500 Teilnehmer im Alter von 20 bis 50 Jahren nutzen jährlich das Angebot der Aus-, Fort-, und Weiterbildung des BiG.

Über 100 Kilometer zum Arbeitsplatz gefahren

Wie wichtig Baumjohann die Umschulung zum Gesundheits- und Krankenpflegeassistenten war, sieht man schon an dem Aufwand, den der Familienvater betrieben hat. „Für meinen praktischen Einsatz während der einjährigen Ausbildung bin ich über 100 Kilometer hin und zurück gefahren.“

Nach der Ausbildung folgte eine Anstellung beim Ambulanten Pflegedienst. „Das hat mir aber gar nicht gefallen. Ich musste einfach nach vier Monaten kündigen“, so Baumjohann. Grund seien die straffen Zeiten gewesen, in denen er seine Patienten versorgen sollte – das wollte er nicht weiter unterstützen. „Für viele Patienten war ich der einzige Besuch am Tag. Ich hatte nicht einmal fünf Minuten, um mich ein bisschen mit ihnen zu unterhalten“, bedauert der Pflegeassistent, „das konnte ich nicht weiter vertreten“. Heute arbeitet Markus Baumjohann in der Geriatrie des St. Marien Hospitals in Lüdinghausen.

So sehr er die Umschulung wollte, die Umstellung vom Dachdecker zum Pflegeassistenten ist ihm alles andere als einfach gefallen. Nicht nur, weil er anstatt Dachpfannen anzubringen, Bettpfannen reinigen muss. „Auf dem Bau war ich ein Eigenbrötler und habe nur sehr selten Kontakt zum Kunden gehabt. In der Pflege ist das anders“, erklärt Baumjohann, „jetzt habe ich rund um die Uhr Kontakt zu Menschen.“

Für Markus Baumjohann ist der Notstand in der Pflege spürbar

Bei der Frage, ob auch er den Pflegenotstand spüre, antwortet er kurz und knapp: „Oh ja.“ Mit vier Pflegern, wobei er als Assistent und ein Schüler mit eingerechnet sind, müssen 21 Patienten gewaschen, ihnen Essen angereicht und medizinisch versorgt werden. „Das kann mitunter ganz schön stressig werden“, so Baumjohann. Auch die Zahlen sprechen für einen Notstand: In einem Jahr hat Baumjohann 120 Überstunden angehäuft. Und trotzdem geht der Vater von drei Kindern voll in seinem neuen Beruf auf, nimmt sich trotz des Zeitdrucks auch mal fünf Minuten Zeit für die Patienten. „Das Menschliche ist mir ganz wichtig“, betont Baumjohann.

Den Schritt in die Pflege hat er keinen Tag bereut und seine einjährige Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpflege-Assistenten sogar als Klassenbester abgeschlossen. Doch auf den Lorbeeren ausruhen will er sich nicht. „Ich möchte auf jeden Fall die zweijährige Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger anschließen“, schildert der 40-Jährige, „auch eine Weiterbildung zur Hygienefachkraft schwebt mir vor“ – am liebsten würde er in naher Zukunft in der Chirurgie arbeiten. Nur in der Pflegedienstleitung sieht sich der engagierte Pfleger nicht. „Da sitzt man zum größten Teil nur am Schreibtisch und genau das möchte ich ja nicht“.