Aufstieg und Fall der Dynastie Girardet in Rüttenscheid

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Hobby-Historiker Klaus Geiser erzählt in seiner Ausstellung „Spurensuche“ ab 30. April die Geschichte der Druckerei Girardet in Rüttenscheid. Zur Eröffnung erinnern sich auch Ehemalige an das Erlebte.

Heute modernes Dienstleistungs- und Bürozentrum mit Gastronomie, Einzelhandel, Seniorenresidenz, Kindertagesstätte und Hotel, gehörte das Girardethaus einst zu den modernsten und größten Druckereien Deutschlands. An dieses wechselvolle Kapitel Essener Geschichte erinnert der Hobbyhistoriker Klaus Geiser ab dem 30. April mit seiner Ausstellung „Spurensuche“ im Rüttenscheider DRK-Seniorenzentrum.

Wie tief verwoben die Geschichte der Druckerei Girardet mit der Stadt und auch mit Rüttenscheid ist, erlebte der 77-Jährige während seiner umfangreichen Recherchen. „Noch in den vergangenen Tagen bekam ich viele Anrufe von ehemaligen Mitarbeitern, die mir Exponate für die Ausstellung zur Verfügung stellen wollen“, so Geiser. Darüber hinaus werden zur Eröffnung auch ehemalige Drucker zu Wort kommen, die den Aufstieg und Fall des Unternehmens hautnah erlebten – allen voran der Rüttenscheider Heinz Nellissen, der seinerzeit den Druck der deutschen Playboy-Ausgabe verantwortete.

Seit November setzt sich Klaus Geiser intensiv mit der Geschichte des Druck-Imperiums auseinander, dessen Grundstein am 12. April 1865 an der Viehofer Straße 25 gelegt wurde. Damals eröffnete Wilhelm Girardet dort eine Buchbinderei, deren wachsender Erfolg im Jahr 1881 zu einer Geschäftserweiterung an der Rotthauser Straße führte. Sogar aus dieser Zeit gelang es Geiser, neben Fotos auch Exponate zu bekommen. Eine nach dem Zweiten Weltkrieg unter den Trümmern gefundene Vermählungsurkunde des Patriarchen gibt es ebenso zu bestaunen wie dessen Gedichtesammlung von seinen Jahren der Wanderschaft 1824 und 1825.

Die Geschichte Wilhelm Girardets ist auch Zeugnis der rasanten Industrialisierung Essens damals: 1895 wird mit dem Bau des neuen Druckzentrums in Rüttenscheid begonnen, das stetig erweitert wird und schon 1912 satte 20 000 Quadratmeter umfasst. Girardet besitzt in seiner stattlichen Villa an der Huyssenallee die größte private Gemäldesammlung der Stadt und gilt als Visionär. So gehört er zu den ersten, der in Düsseldorf Litfaßsäulen als Werbeflächen anbietet.

Die Erfolgsgeschichte setzen auch die nachfolgenden Generationen zunächst fort: Nach der nahezu kompletten Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs packt die Belegschaft beim Wiederaufbau mit an und errichtet das Girardethaus neu. Als erstes werden dort die in der Nachkriegszeit ausgegebenen Lebensmittelkarten gedruckt.

Der Besuch eines Amerikaners verhilft schließlich zu alten Glanzzeiten zurück: Wilhelm Girardet Junior, der mittlerweile die Geschäfte übernommen hat, erhält den Auftrag zum Druck der deutschen Ausgabe von „Reader’s Digest“, die bald in einer Auflage von 1,3 Millionen erscheint. Erfolgszeitschriften wie Micky Maus, Quick, Stern und Playboy kommen hinzu – in den Spitzenzeiten sind mehr als 3000 Menschen in der Druckerei beschäftigt.

Der wirtschaftliche Niedergang beginnt in den Achtzigern – die Druckerei wird immer abhängiger vom Bauer-Verlag. Gleichzeitig werden dringend benötigte Investitionen aufgeschoben. Schließlich drehen die Hausbanken den Geldhahn zu: Am Ende verlieren unter großen Protesten 750 Menschen ihren Job – auch diese Geschichte erzählt Klaus Geiser in seiner spannenden Ausstellung.