Auf halber Strecke

Lieber Fahrgast, steigen Sie bitte aus. Ihr Zug kommt aufs Abstellgleis...

Unvorstellbar? Leider nicht. Die nie endende Spardebatte um den Nahverkehr droht so zu entgleisen, dass eines Tages immer mehr Signale auf Rot gestellt werden könnten. Kein Zweifel, die Evag steckt in der Klemme. Sie benötigt zig Millionen für Investitionen in den nächsten Jahren, aber keiner streckt ihr die Hand aus. Vor allem Berlin nicht, weil bis heute nicht geklärt ist, welche Zuschüsse ab 2017/2019 noch für den öffentlichen Nahverkehr gewährt werden. In dieser Ungewissheit kommt erschwerend hinzu, dass der Stadtkämmerer wegen der Haushaltslage schon seit Monaten weitere Einsparungen von der Evag einfordert – und nun auch noch die Regierungspräsidentin Anne Lütkes, die schlicht unzufrieden ist, wie wenig das Bündnis Via, in dem die Verkehrsbetriebe Essen, Duisburg und Mülheim mehr schlecht als recht kooperieren, bisher erreicht hat.

Da kommt auf einmal sehr viel zusammen – möglicherweise zu viel.

Trotzdem ist der Vorstoß der Regierungspräsidentin grundsätzlich richtig. Sie hakt nach, warum Einsparpotenziale bei Via nicht genutzt werden. Sie will wissen, warum der Zug wieder auf halber Strecke stehengeblieben ist. Das darf man fragen, das muss man fragen. Und um mögliche Horror-Szenarien erst gar nicht entstehen zu lassen, fügt sie gleich an, dass Einschränkungen von Verkehrsangeboten vorrangig nicht in den Blick zu nehmen sind. Heißt: Räumt erstmal in eurem Laden auf – und lasst die Kunden aus dem Spiel. Klingt doch gut, oder?

Nur, es wird keine schnelle Lösung geben. Zumal es von der vor fünf Jahren vollzogenen Verlobung der drei Verkehrsbetriebe bis zum Ehealtar noch ein arg steiniger Weg ist – vielleicht zu steinig. Weil man sich unter der Bettdecke nicht mehr vertraut. Aber nur wenn die Verkehrsgesellschaften die Herausforderung annehmen und daraus weiter wachsen statt das Bus- und Bahnnetz auszudünnen, gibt es eine gemeinsame Zukunft. Sonst muss sich die Evag andere Partner suchen. Die Kunst besteht darin, auf der einen Seite Doppelfunktionen und bürokratische Strukturen abzubauen und auf der anderen frei werdende Ressourcen dafür zu nutzen, den Nahverkehr zu verbessern. Das wäre eine mögliche Perspektive. Die braucht man, damit auch die Mitarbeiter auf den Zug springen. Denn sonst kommt keine Fahrt auf.