Auf den Spuren einer jüdischen Familiengeschichte

Beim Besuch in der Alten Synagoge in Essen: Thomaz und Susanne Caspary aus Sao Paulo. Die Eltern von Susanne Caspary hatten in dem Gotteshaus geheiratet, bevor sie vor den Nazis nach Brasilien fliehen mussten
Beim Besuch in der Alten Synagoge in Essen: Thomaz und Susanne Caspary aus Sao Paulo. Die Eltern von Susanne Caspary hatten in dem Gotteshaus geheiratet, bevor sie vor den Nazis nach Brasilien fliehen mussten
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Zur Stolperstein-Verlegung für ihre Mutter kam Susanne Caspary aus Sao Paulo nach Essen. Dort fand sie verborgene Puzzleteile ihrer Familiengeschichte.

Essen.. Sie hat von Kullerpfirsich in Sekt erzählt und von der Kur auf Helgoland. „Nur von ihrem Schicksal in Deutschland hat meine Mutter selten gesprochen“, sagt Susanne Caspary. Beim Besuch in Essen fand die 67-Jährige aus Sao Paulo nun neue Puzzleteile aus dem Leben ihrer Eltern, die 1938 vor den Nazis nach Brasilien fliehen mussten.

Erst zwei Monate zuvor hatten Grete und Max Callmann in der Alten Synagoge in Essen geheiratet: Sie war erst 24 Jahre alt, Tochter des früheren Karstadt-Geschäftsführers Adolf Abraham Oppenheimer. Er war 20 Jahre älter, Kaufmann und bis 1933 ebenfalls Karstadt-Geschäftsführer. Einen Monat waren sie verheiratet, als in der Pogromnacht Synagogen und jüdische Geschäfte verwüstet und in Brand gesetzt, Juden vertrieben, verletzt und getötet wurden.

NS-Schlägertrupps kamen in die Wohnung der Callmanns

Die NS-Schlägertrupps kamen auch in die Wohnung der Callmanns, wo die junge Ehefrau allein war: „Sie wusste nicht, wo das Geld war, und da haben sie alles kaputtgeschlagen“, erzählt Susanne Caspary. Was ihrer Mutter selbst damals zustieß, könne sie nur mutmaßen, aber es war so verstörend, dass das Ehepaar verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit suchte.

Tatsächlich bekamen die beiden ein Visum für Brasilien, konnten noch 1938 aus Deutschland entkommen. Als sie Essen im Zug verließen, sah Grete Callmann, wie ihre Mutter Paula Oppenheimer auf dem Bahnsteig umkippte. Später in Brasilien sollte Grete jeden Brief aus Deutschland mit zitternden Händen öffnen, bangend um ihre Eltern, die später doch von den Nazis ermordet wurden.

Susanne Caspary las von der Begebenheit am Bahnhof erst in einem Artikel, der 2008 erschien und in dem ihre betagte Mutter mehr über ihr Schicksal offenbarte. Thomaz Caspary, der ein inniges Verhältnis zu seiner Schwiegermutter hatte, schildert sie als bemerkenswerte Frau, die nie klagte. Schon als Tochter aus wohlhabendem Hause habe sie Zurückhaltung gelernt: In der Schule trug sie nicht die maßgeschneiderten Kleider aus Paris, sondern schlichte Kleidung aus dem väterlichen Kaufhaus. Und der Chauffeur des Vaters durfte sie nicht vor der Schule absetzen, sondern so, dass sie einen Block zu Fuß laufen musste. „Sie war ihr ganzes Leben so, dass sie ihre Güter nicht zeigte – und später zeigte sie auch ihre Gefühle nicht“, erzählt Thomaz Caspary.

Unterernährt, fast mittellos und der Landessprache nicht mächtig

Als sie im Januar 1939 mit dem Schiff in Rio ankamen, waren die Callmanns unterernährt, fast mittellos und der Landessprache nicht mächtig. Ein Jahr lang teilten sie sich eine Pension in Rio mit Kakerlaken und Mäusen, dann bekam Max Callmann eine Arbeitsgenehmigung und zog mit seiner Frau nach Sao Paulo. Zeitweilig betrieb Max Callmann eine kleine Schokoladenfabrik, aber während Grete rasch Portugiesisch lernte, tat ihr Mann sich schwer mit Sprache und Beruf. Als seine Tochter Susanne nach Kriegsende zur Welt kam, war er 55 Jahre alt. Doch sie hat ihn als großes Kind in Erinnerung: „Das Klopapier hing am Bindfaden, und als wir einen richtigen Halter kaufen konnte, sagte er, das feiern wir!“

Stadtgeschichte Ein Fest für den Klorollenhalter, ein Ringen um Leichtigkeit. So erlebte Susanne Caspary ihre Eltern – und doch haben sie ihr auch die Angst vererbt: „Wenn mein Vater fünf Minuten zu spät war, geriet meine Mutter in Panik. Sie wollte nie wieder einen geliebten Menschen verlieren! Und ich bin auch ein Angsthase geworden.“ Sie habe sich als Zahnärztin bei jedem älteren deutschen Patienten gefragt, ob der ein Nazi war; sie gebe sich zu Hause in Brasilien als Katholikin aus – und sie habe ihre Mutter beschützen wollen und ihr von einem Besuch in Essen abgeraten.

Susanne Caspary zögerte auch, jetzt zur Verlegung der Stolpersteinefür ihre Familie nach Essen zu reisen. Ein Freund ermutigte sie: „Du musst zeigen, dass es Hitler nicht gelungen ist, die Juden zu vernichten.“ Sie ist auch gekommen, um ihre Großeltern zu ehren und ihre Mutter, die 2010 mit 96 Jahren gestorben ist: „Ich bin froh, dass ich durch die Straßen gelaufen bin, in denen sie einst spazieren ging.“