Auch die Chinesen haben ein Ticket

Lächeln bitte! Busfahrer Walid Mohamad (33) bei der Charme-Offensive der EVAG  im vergangenen Jahr. Das war eine der Aktionen, um Kunden zu binden.
Lächeln bitte! Busfahrer Walid Mohamad (33) bei der Charme-Offensive der EVAG im vergangenen Jahr. Das war eine der Aktionen, um Kunden zu binden.
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Wie die Evag auf Kundenfang geht: Mit Charme-Offensiven, Schnupperangeboten und Rundum-Betreuung. Die Fahrgastzahlen stabil zu halten, ist eine Herausforderung. Allein im vergangenen Jahr gab es aus verschiedensten Gründen 5238 Kündigungen bei den Monatstickets.

Essen.. Auf die Chinesen kann man sich verlassen. Die fahren in Essen gerne mit Bahn und Bus. Mit einem Schlag hatte die Essener Verkehrsgesellschaft Evag fast 500 Dauerabonnenten hinzugewonnen.

Und die sind bitter nötig. Keiner verliert gerne einen Kunden. Die Evag erst recht nicht, denn weniger Fahrgäste bedeuten weniger Einnahmen, erhöhen das Defizit und würden dann wieder eine politische Spardebatte auslösen. Allein im Vorjahr gab es aus verschiedensten Gründen 5238 Monatsticket-Kündigungen.

Diese Rückgänge muss die Evag wieder auffangen. Denn sie will die Marke von jährlich 124 Millionen Fahrgästen auf jeden Fall halten. Das hat in der Vorstandsetage hohe Priorität. Deshalb geht die Evag immer wieder auf Kundenfang – mit Schnupperangeboten, persönlicher Beratung und Charme-Offensiven.

Fast 500 neue Abonnenten auf einen Schlag

Den größten Erfolg – man staune – erzielte sie im Vorjahr bei den Chinesen. Als vor einigen Monaten 500 junge Chinesen ihr Studium an der privaten Essener Hochschule für Ökonomie & Management“ (FOM) begannen, waren die Evag-Berater gleich dabei und informierten vor Ort über das Essener Nahverkehrsangebot. Am Ende kehrten die Werber mit 498 Abos zurück. Fast alle chinesischen Studenten hatten sich für ein Young-Ticket entschieden. Eine so hohe Erfolgsquote überraschte selbst das Verkehrsunternehmen.

Die Evag weiß, dass sie mit direkten Ansprachen viele potenzielle Kunden erreichen kann. Je jünger sie sind, um so besser. Beim Wechsel von der Grundschule zu weiterführenden Schule bieten die Lehrer Infotage für die Jungen und Mädchen an. In 34 Schulen kamen 2014 auch die Evag-Mitarbeiter, um dort Fragen zum SchokoTicket zu beantworten und Bestellanträge entgegenzunehmen. Allein diese Initiative brachte zehn Prozent aller Schoko-Ticket-Neubestellungen.

Auch das „Neubürgerpaket“ der Stadt mit Begrüßungsbroschüren und Gutscheinen ist für die Evag langfristig ein Gewinn. In diesem Paket, das im Vorjahr 10.000 Neubürgern ausgehändigt wurde, befindet sich ein Sieben-Tage-Testticket. Der Besitzer muss diesen Gutschein nur im Kundencenter einlösen und seine persönlichen Angaben für eine Umfrage nach dem Test hinterlassen. 900 entschieden sich im Anschluss, auch in Zukunft Bahn und Bus zu bevorzugen. „Aus dieser Aktion konnten wir neun Prozent der Neubürger als Kunden gewinnen“, bilanziert Evag-Sprecher Olaf Frei.

Die Schülerzahlen schmelzen

Selbst das schon vor etlichen Jahren initiierte Schnupper-Abo kommt immer noch an. In Essen sogar besser als in manch anderen Städten. „Hier sind wir bei der Vermarktung neue Wege gegangen, die erfolgreich waren“, erklärt Olaf Frei. „Wir haben bewusst auf ein integriertes Online-Marketing gesetzt.“ Geworben wurde auch im Internet, speziell über Facebook. Von Oktober bis Dezember 2014 bot die Evag das Monatsticket zum Ausprobieren 9,59 Euro (Preisstufe A) beziehungsweise 32 Euro (Stufe E) günstiger an. 1781 Verkehrsteilnehmer machten mit. Die Zahl der Abschlüsse steigerte sich um 26 Prozent. Grund genug für die Evag, auf die Wiederholungstaste zu drücken. Im dritten Quartal dieses Jahres darf wieder geschnuppert werden.

Hinsichtlich der weiteren demografischen Entwicklung muss die Evag wegen der abschmelzenden Schülerzahlen vor allem bei den jüngeren Kunden mit Rückschlägen rechnen. Mit Werbeaktionen kann man gegensteuern. Sie sind aber kein Allheilmittel. Das Wichtigste ist: „Wir müssen unser ÖPNV-System noch attraktiver machen“, betont der Evag-Sprecher. Denn zufriedene Kunden bleiben am ehesten dem ÖPNV treu.

Der Versuch, abtrünnige Ticket-Nutzer telefonisch zurückzugewinnen, wurde übrigens vor zwei Jahren aufgegeben, weil die Quote von sechs auf einen Prozent sank und Datenschutzgründe die Telefon-Aktionen erschwerten. Die Düsseldorfer Rheinbahn versucht es weiterhin auf dem postalischen Weg und schmeichelt mit dem Satz: „Wir vermissen Sie.“ Für die Evag wäre der Aufwand aufgrund der geringen Erfolgsaussichten zu personalintensiv. Zumal sie allein im letzten Jahr 1986 Kunden selbst gekündigt hatte – die meisten davon waren ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen. Und die 1149 Fahrgäste, die das Ticket zurückgaben, weil sie sich gerade ein eigenes Auto gekauft haben, werden sich so schnell wohl nicht umstimmen lassen.