Arbeitslosenzahl ist wie zementiert

Zehn Jahre nach dem Start der Hartz-IV-Reform fällt die Bilanz in Essen ernüchternd aus. Heute leben mehr Essener von Sozialleistungen als damals. Zudem sind die Arbeitslosenzahlen im Bereich des Jobcenters seit einer Dekade nahezu zementiert. Eigentlich sollte die Jahrhundert-Reform mehr Menschen in Arbeit bringen. Doch Sozialdezernent Peter Renzel beklagt: „Wir kommen von dem hohen Sockel nicht herunter.“

Immerhin zwei Drittel der 29 000 arbeitslos gemeldeten Hartz-IV-Empfänger sind langzeitarbeitslos. Das heißt, sie haben laut Statistik seit mindestens einem Jahr keine Arbeit mehr. Die Realität im Essener Jobcenter liest sich jedoch viel dramatischer: Im Durchschnitt suchen die Betroffenen schon acht Jahre einen Job. Und selbst wenn es dem Jobcenter gelingt, sie auf einen regulären Arbeitsplatz zu vermitteln, stehen 40 Prozent von ihnen nach kurzer Zeit wieder beim Jobcenter. Drehtüreffekt nennen Arbeitsmarkt-Experten dies.

Gegen die „Versockelung“ der Arbeitslosigkeit, wie Renzel sagt, kann die Stadt kaum wirkungsvoll angehen. Sie bekommt heute deutlich weniger Geld vom Bund, um die Arbeitslosen zu qualifizieren. Auf der anderen Seite bietet der Essener Arbeitsmarkt mit seinem ausgeprägten Dienstleistungs-Charakter und einem starken Wissenschaftssektor wenige Beschäftigungschancen für Geringqualifizierte. Nur 13 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze seien Helfertätigkeiten. Renzel: „Unsere Kunden im Jobcenter passen oft nicht zu den freien Stellen, die angeboten werden.“ Etwa jeder dritte erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger hat keinen Berufsabschluss, 10 000 haben auch keinen Schulabschluss.

Jörg Bütefür vom Essener Hartz-IV-Netzwerk BG 45 weiß vor allem um das psychologische Problem. „Menschen, die ein, zwei Jahre keine Arbeit haben, resignieren und fühlen sich ausgegrenzt.“ Häufig entlädt sich der Frust im Jobcenter, was auch für die Mitarbeiter dort zur Herausforderung wird, der nicht jeder gewachsen ist. Hohe Krankenstände in der Behörde, Personalknappheit verschärfen die Situation. 50 Fallmanager kümmern sich in Essen um die besonders schwierigen Fälle. Wenn man nur die Langzeitarbeitslosen heranzieht, kommen auf einen Fallmanager 350 Betroffene. „Das ist das, was unser Haushalt hergibt“, sagt Jobcenter-Leiter Dietmar Gutschmidt.

Nach zehn Jahren Hartz IV fordert Renzel ein Umdenken: „Wir müssen Beschäftigung finanzieren statt salopp gesagt die Couch. Wir brauchen eine öffentlich geförderte Beschäftigung.“ Konkret stellt sich Renzel ein Modell vor, bei dem private oder öffentliche Arbeitgeber das Hartz-IV-Geld als Lohnzuschuss erhalten, wenn sie Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose schaffen. „Ich bin überzeugt davon, dass wir volkswirtschaftlich und gesellschaftlich mehr davon hätten.“ Bütefür sieht Renzels Vorstoß kritisch: „Die private Wirtschaft mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren, führt zum Lohndumping.“