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Anti-Rassismus-Telefon bearbeitet seinen 1000. Fall

12.02.2012 | 15:00 Uhr
Anti-Rassismus-Telefon bearbeitet seinen 1000. Fall
Das Antirassismustelefon hat seinen 1000. Fall erreicht Das Bild zeigt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Dietlinde Mayer am Antirassismus-Telefon in Essen. Foto: Oliver Müller

Essen.   Das Anti-Rassismus-Telefon Essen hat mittlerweile seinen 1000. Fall bearbeitet. Ein Grund zum Feiern ist das nicht, aber Anlass zum Besuch im Büro der Helfer. Sie wollen nichts von einem Kampf gegen Windmühlen hören.

Die Existenz der Menschheit hat vor allem eines bewiesen: Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Gegen Rassismus genauso wenig. Jedenfalls können sie hier, im kargen Büro des Anti-Rassismus-Telefons an der Friedrich-Ebert-Straße, nicht behaupten, ihnen blieben die Notrufe aus. Den 1000. Fall haben sie mittlerweile bearbeitet. Aber Dietlinde Mayer und Gabriella Guidi, zwei der fünf ehrenamtlichen Helfer des Notrufs gegen die Niedertracht, wollen nichts von einem Kampf gegen Windmühlen hören.

Das Wort Aussichtslosigkeit wischen sie weg wie Kuchenkrümel vom Tisch – und treten mit dem Schreiben eines Discounters den Gegenbeweis an. Darin entschuldigt sich der Supermarkt-Riese für „das Verhalten eines unserer Mitarbeiter“. Dieser war scheinbar ohne ersichtlichen Grund eine junge Asylbewerberin wüst angegangen und erteilte ihr Hausverbot – dabei wartete sie lediglich mit ihrem zweijährigen Kind an der Kasse. Wobei der Grund für diese Verbalattacke sehr wohl ersichtlich war, nämlich das Aussehen der Frau.

"Man kann sich wehren"

Und genau das zeichnet Rassismus aus: diskriminierendes, also erniedrigendes Verhalten gegenüber Menschen, allein aufgrund bestimmter biologischer Merkmale. Angeblich hatte der Angestellte sogar pauschal allen Bewohnern des Flüchtlingsheims Auf’m Bögel den Zugang in den Markt untersagt. Für diese Menschen ein Drama, weil sie sich den Supermarkt daneben nicht leisten können. Die Helfer vom Anti-Rassismus-Telefon suchten erst das Gespräch mit dem Angestellten, wandten sich danach an die Firmenzentrale. Das Hausverbot wurde aufgehoben, die Entschuldigung folgte schriftlich.

„Rassismus ist kein Kavaliersdelikt“, sagt die promovierte Orientalistin Gabriella Guidi. Die 71-Jährige wanderte 1963 von Italien nach Deutschland ein, weiß, was es heißt, allein wegen seiner Herkunft stigmatisiert zu werden. Sie weiß, dass man sich als Zuwanderer in der Mehrheitsgesellschaft nicht unsichtbar machen kann. „Aber man kann sich wehren“, sagt Guidi, deren ruhige Art nur ein Deckmantel für ihre Beharrlichkeit ist. Ausreden wie „war doch nur lustig gemeint“, akzeptiert sie nicht.

Und weil man Beleidigungen weder in die Tüte sprechen noch auf solche schreiben sollte, liefen Guidi und ihre Mitstreiter Sturm gegen einen in der Region verwurzelten Bäcker. Der hatte Brötchentüten gedruckt, auf denen unter dem Bild einer jungen Schönheit der Aufdruck stand: „Negerkusszerquetscherin“. Mit dem Protest konfrontiert, wurde flux eine „Schokokussliebhaberin“ daraus.

Arbeit ist weniger geworden

Und um es ganz politisch korrekt zu machen, wurde aus dem weißen Model ein farbiges. Guidi und Mayer wissen, dass manche sich über diesen Fall mokieren, ihnen vorwerfen, sich als Sprachpolizei aufzuführen: „Ich werde Rassismus niemals hinnehmen“, sagt Mayer. Die 77-Jährige ist ein Flüchtlingskind aus dem ehemaligen Sudetenland. Heute schwer vorstellbar, aber wahr: Auch sie musste wegen ihrer Herkunft einiges an Schmähungen ertragen.

Mayer und Guidi wurden aktiv beim Anti-Rassismus-Telefon, als in Deutschland das Gesellschaftsklima so giftig war, dass die ausländerfeindlichen Anschläge von Mölln und Hoyerswerda möglich wurden. Gegründet wurde die Hotline 1994. Seitdem ist die Arbeit weniger geworden, aber nicht leichter. Oft fehlen Zeugen, die bereit sind, die rassistischen Beleidigungen zu bestätigen.

Viele der Angegriffenen haben auch Angst zur Polizei zu gehen – sei es, weil sie mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland leben, oder weil sie wegen der Erfahrungen aus ihrem Heimatland Polizeikräfte nur mit Repression und Folter assoziieren. Menschen wie Guidi und Mayer wollen ihnen zeigen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen. Und solange kein Kraut gegen Rassismus gewachsen ist, machen sie ihre Arbeit weiter.

Nikolaos Georgakis



Kommentare
13.02.2012
18:39
Anti-Rassismus-Telefon bearbeitet seinen 1000. Fall
von Rubicone | #2

Die Aufgabe ist wichtig, aber wie rückt man sowas ins öffentliche Bewusstsein?
Das Beispiel mit der Negerkusszerquetscherin erscheint mir da nicht tauglich, so etwas berührt eher peinlich .. was sollen nur die Amerikaner und Berliner sagen?

13.02.2012
09:00
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #1

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