Annäherungs-Versuche
30.10.2007 | 19:50 Uhr 2007-10-30T19:50:00+0100STADTPOLITIK. Im Streit zwischen der Jüdischen Kultusgemeinde und dem Oberbürgermeister wurde ein Kompromiss ausgehandelt: Es bleibt bei zwei Gedenkveranstaltungen, aber es gibt Gegenbesuche.
Auch Kompromisse leben von Symbolik, und so stehen sie am Ende Seit' an Seit' auf dem Rathaus-Balkon, die Kameraleute vor sich und die imposante Kuppel der Alten Synagoge im Rücken. Es ist der augenfällige Versuch, das Ergebnis eines Gespräches zu versinnbildlichen, von dem beide Seiten sagen: „Wir sind aufeinander zugegangen.” Gut eine Stunde hatten Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger und Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, gestern Mittag im Rathaus zusammengesessen. Ziel: Das zerrüttete Verhältnis zwischen der Jüdischen Kultusgemeinde Essen und dem Stadtoberhaupt kitten, einen dauerhaften Bruch verhindern. Wie die NRZ berichtete, hatte die Jüdische Gemeinde ihre Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zum 9. November erstmals abgesagt, um damit gegen eine Personalentscheidung des Oberbürgermeisters zu protestieren. Die Weiterbeschäftigung einer städtischen Mitarbeiterin, die aus dem Libanon stammt und vor anderthalb Jahren ein antisemitisches Flugblatt in Umlauf brachte, war Auslöser des Konflikts. An den unterschiedlichen Auffassungen (Reiniger: „Ich stehe zu dieser Entscheidung.”) hat das Gespräch nichts geändert. Immerhin: Man will sich nicht mehr aus dem Weg gehen. Der zwischen Kramer und dem OB unter vier Augen ausgehandelte Kompromiss sieht vor: Es bleibt bei den getrennten Veranstaltungen am 10. November. Doch der Oberbürgermeister wird als Gast an der Gedenkfeier der Jüdischen Kultusgemeinde in der neuen Synagoge teilnehmen, im Gegenzug besucht der Gemeindevorsitzende Jewgenij Budnizkij die städtische Veranstaltung in der Alten Synagoge. Es ist Symbolik unter Zeitdruck: Wenn um 19.30 Uhr die eine Feier endet, soll die andere eigentlich schon beginnen. Aber besser Stress als Streit. „Menschen guten Willens sollten sich nicht auseinanderdividieren lassen”, sagt Reiniger, und Stephan Kramer wertet das Ergebnis als „ersten Schritt, die Vertrauenskrise zu beenden und den Konflikt endgültig beizulegen”. Womöglich werde man 2008 zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung zurückfinden, vielleicht sogar mit stärkerer Beteiligung der Jüdischen Gemeinde. Geknüpft ist der Kompromiss – auch da sind sich die Gesprächspartner einig – vor allem an zwei Voraussetzungen: Die städtische Mitarbeiterin wird sich für ihre Äußerungen bei der Jüdischen Kultusgemeinde offiziell entschuldigen. Und: Ein derartiger Vorfall darf sich nicht wiederholen. Kramer: „Eine weitere Entgleisung wäre nicht zu akzeptieren.” In einer 8-Punkte-Liste sind Einzelheiten der Vereinbarung aufgeführt. Hans-Hermann Byron, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, mit der gemeinsam Kramer die Kompromisslinie festlegte: „Wir werden sehr, sehr genau darauf achten, dass die Stadt ihre Zusagen auch wirklich einhält.”
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