Anna Miarka ist das neue Gesicht des „Liliput“

Borbeck..  Wer sagt, die klassische Eckkneipe habe keine Zukunft, sollte das „Liliput“ an der Marktstraße in Borbeck besuchen. Das nur 22 Quadratmeter kleine Lokal ist seit Dezember 2014 unter neuer Leitung. Nach einer kurzen Zeit des Leerstandes hat dort die 38-jährige Anna Miarka die Leitung übernommen.

Warum Anna Miarka den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat? „Das fragen mich viele“, sagt die Wirtin. Ihre Entscheidung, die Kneipe „Liliput“ zu übernehmen, sei zwar spontan, aber dennoch gut überlegt gewesen. Seit 20 Jahren ist sie in der Essener Gastronomie-Szene unterwegs. Bisher stets als Kellnerin, jetzt erstmals als Unternehmerin. „Ich denke, dass man bei den Gästen immer noch mit dem Konzept ,Klassische Kneipe’ punkten und als Wirtin überleben kann.“ Davon ist sie überzeugt.

Das Kneipensterben

Dennoch reden die Menschen vom „Kneipensterben“. Schon zwischen 2001 und 2010 hat sich in NRW die Zahl der reinen Kneipen von 14.200 auf 9700 verringert. Die urige Eck-Kneipe wird verdrängt von immer gleichen „Event-Locations“, in denen die Leute hippe „Hugos“ und angesagte „Aperol Spritz’“ trinken – und das klassische Pils in den Leitungen versauert.

Und auch das „Liliput“ ist einer dieser Traditionsläden, die immer seltener werden: Dunkles Holz, eine massive Theke, darauf stehen Bier und Korn, an der Wand hängen Spielautomaten. Kein Schnickschnack, kein Hokuspokus. Ein ehrlicher Laden.

Das „Liliput“ gibt es wohl seit etwa 30 Jahren. „So genau weiß das hier keiner mehr“, sagt einer der Stammgäste und greift sein Bierglas. Er sitzt hier oft, seine Kumpels auch. Ob sie reden oder einfach nur schweigen, ganz egal, sie fühlen sich wohl. Eine Kneipe kann auch ein Stück Heimat sein. Allerdings gerät das immer öfter in Vergessenheit.

Klagen über das Rauchverbot

Und die Zeiten werden nicht besser. Wirte klagen wegen des Rauchverbots, sie schimpfen auf steigende Bierpreise, verteufeln die GEMA-Gebühren und jammern, dass ihre Kundschaft immer älter wird, ohne dass junge Gäste nachrücken.

Klagen, schimpfen, jammern – das gibt es bei der Wirtin Anna Miarka im „Liliput“ nicht. Im Gegenteil. Sie ist eine, die anpackt. Morgens um 10 Uhr sperrt sie bereits den Laden auf, abgeschlossen wird erst, wenn der letzte Gast geht. „Mir macht die Arbeit hinter der Theke einfach Spaß“, sagt sie. „Ich lerne viele Leute kennen, und ich höre viele Geschichten.“

Süß und überschaubar

Als Anna Miarka das „Liliput“ zum ersten Mal betreten hatte, war eigentlich schon klar, dass sie die kleine Kneipe übernehmen würde. Auf Anhieb fand sie den Laden „schnuckelig, gemütlich, süß und überschaubar“. Die Kneipe ist schon überfüllt, wenn sich 15 Gäste gleichzeitig darin aufhalten. „Ich hab aber auch schon gehört, dass sich hier früher manchmal 50 Personen reingequetscht haben“, sagt die neue Chefin. Das Stammpublikum an der Theke nickt zustimmend. Platz ist in der kleinsten Hütte. Wenn es voll wird, dann rückt man eben zusammen und reicht das Bier von der Theke nach hinten durch.

„Wir sind hier wie eine große Familie“, sagt Kellnerin Ilona Müller. Seit acht Jahren arbeitet sie bereits im „Liliput“. Sie hat viele Menschen kommen und gehen gesehen. Manche wurden krank, kamen ins Altenheim oder sind gestorben. Andere rückten nach. Die Stammkunden kennt sie alle beim Namen.

Neue Gäste, die auf ein schnelles Bier vorbeikommen, bringt sie mit den anderen in Kontakt. Und spätestens, wenn der Knobelbecher kreist, entstehen am Tresen neue Freundschaften.

Es sind solche Momente, die typische Ruhrgebiets-Kneipen wie das „Liliput“ zu etwas Besonderem machen. „Hier gibt’s nie Stress und ich musste noch nie jemanden rauswerfen“, sagt Wirtin Anna Miarka. „Die Atmosphäre hier ist einfach einzigartig.“

Dann schaut sie in die Runde, blickt in die Gesichter ihrer Stammgäste und sagt: „Wenn ich den Laden nicht übernommen hätte, dann gäb’s den heute nicht mehr.“ Und das ist der Moment, in dem sich Rolf Kohn (86) in das Gespräch einschaltet: „Dass diese Kneipe hier wieder aufgemacht hat, das ist ein Gewinn für Borbeck.“

Die anderen Männer an der Theke stimmen ihm zu. „Prost, Rolf, du Urgestein“, sagen sie, „das sind wahre Worte“.