Am Donnerstag kann Essen Grüne Hauptstadt werden

Zufrieden und zuversichtlich: die Essener Delegation nach dem Auftritt vor der Jury.
Zufrieden und zuversichtlich: die Essener Delegation nach dem Auftritt vor der Jury.
Foto: Nils Hoffmann
Was wir bereits wissen
Titelreifer Auftritt in Bristol: Die Essener werben mit Emscherumbau, Radwegen und Sturm Ela um die Gunst der Jury, die auch kritisch nachhakte.

Essen/Bristol.. Sollte Essen den europäischen Titel gewinnen und sich „Grüne Hauptstadt 2017“ nennen dürfen, dann ist das auch Hans-Dietrich Schmidt zu verdanken. Obwohl der Hochschullehrer gar nicht persönlich anwesend war in Bristol, wo die Essener Delegation um Oberbürgermeister Reinhard Paß und Umweltdezernentin Simone Raskob am Mittwoch im Finale antrat.

Schmidt, Professor für Schauspiel an der Folkwang Hochschule, hatte dem Team den letzten Schliff verpasst und die nötige Lockerheit mit auf den Weg gegeben, die es braucht, um eine Jury bei dieser mitunter schweren Materie bei guter Laune zu halten. So spielten sich die Essener diesmal gekonnt die Bälle zu und rangen der Jury um den Vorsitzenden Karl Falkenberg ein ums andere Mal ein anerkennendes Lächeln ab.

Respektvoll hatte der Direktor für Umwelt bei der EU-Kommission zuvor zur Kenntnis genommen, dass Evag-Sprecher Nils Hoffmann die 700 Kilometer nach Bristol mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte, war Falkenberg doch im vergangenen Jahr selbst mit dem Drahtesel zum Finale in Kopenhagen angereist, wo er kopfüber in ein Hafenbecken sprang. Raskob lud den einflussreichen Funktionär prompt zum Baden im Baldeneysee ein; 2016 soll das ja wieder erlaubt sein.

Essen als Blaupause für andere Städte im Wandel

Und doch. Ein gelungener Auftritt mag zwar Punkte bringen, überzeugen musste die Delegation mit Inhalten. Die Strategie: Als ehemalige Stadt von Kohle und Stahl dient Essen als Blaupause für andere Städte und Regionen im Wandel. Essen hat sich auf den Weg gemacht und ist weit gekommen.

Der Umbau des Emschersystems, die Renaturierung des zur Kloake verkommenen Flusses ist nur ein Beispiel, das Projekt „Neue Wege zum Wasser“ ein weiteres. Und dass sich auf ehemaligen Bahntrassen gut radeln lässt, mag für Auswärtige ein Geheimtipp sein. Zwischen Emscher und Ruhr ist es Alltag.

Schon beim Finale 2014 waren das die Trümpfe der Essener. Diesmal dürfte das Team um Simone Raskob ausgerechnet mit einem Naturereignis punkten, das 2014 als Katastrophe über Essen hereingebrochen war: Pfingststurm Ela. Dass die zuständigen Stellen die notwendigen Schritte in die Wege leiteten -- ok. Dass Bürger sich unter „Essen packt an“ im Internet organisierten, um zu helfen, wo es Hilfe bedurfte, und bis heute organisieren – das schaffte Eindruck bei der Jury, die sich auch von ihrer hartnäckigen Seite zeigte.

Jury stellt Fragen zur Spardebatte

„Die haben uns gegrillt“, hieß es nach der Fragerunde unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Bis 2050 will Essen den Kohlendioxid-Ausstoß um 95 Prozent gesenkt haben? Ob das nicht schneller gehe, war nur eine kritische Frage. Was es mit möglichen Kürzungen im Öffentlichen Nahverkehr auf sich habe, eine andere. Ja, Falkenberg und Co. zeigten sich gut informiert über die aktuelle Spardebatte in Essen. Beim Klimaschutz müsse man realistisch bleiben, entgegnete Raskob. Schließlich ist und bleibt Essen auch Industriestadt. Und vor dem Sparen bei Bussen und Bahnen stehe die regionale Kooperation in „Via“. Die soll ja wieder Fahrt aufnehmen.

Ob das die Jury überzeugte? Der Titel „Grüne Hauptstadt“ ist keine Zustandsbeschreibung. Er soll der Stadt die Tür öffnen zu den Fördertöpfen in Brüssel. Der Titel wäre aber auch Selbstverpflichtung und Argumentationshilfe für die politischen Debatten im Rat, wenn es darum geht, die selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Ob es gereicht hat für den Titel, gibt EU-Umweltkommissar Karmenu Vella heute bekannt. Auch wenn es nur ein schwacher Trost wäre: Sollte es für Essen nicht gereicht haben, dann lag es nicht an der Performance.