Am besten Null Promille

Berauscht auf dem Sattel: In Essen verunglückten im Jahre 2013 insgesamt neun Radfahrer
Berauscht auf dem Sattel: In Essen verunglückten im Jahre 2013 insgesamt neun Radfahrer
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Radfahrer und Alkohol: Der Chef der Verkehrswacht Essen stimmte beim Verkehrsgerichtstag in Goslar mit ab.

Essen.. Er hat gestern früh mit zugestimmt. Und er kann gut mit dem Kompromiss leben, „auch wenn ich mir nach unseren Erfahrungen einen noch niedrigeren Promillewert hätte vorstellen können.“ Karl-Heinz Webels, Vorsitzender der Verkehrswacht in Essen, war als Experte beim 53. Verkehrsgerichtstag in Goslar dabei und diskutierte zwei Tage lang im „Arbeitskreis III“ die Herabsetzung der Promille-Grenze für Radfahrer. Die Teilnehmer verständigten sich schließlich darauf, dass Radfahrer ab 1,1 Promille Alkohol im Blut ein Bußgeld zahlen sollten.

Es ist davon auszugehen, dass diese Empfehlung in Gesetzesform gegossen wird. Radlern schon ab 1,1 Promille ein Strafverfahren anzuhängen, ging der Experten-Runde letztlich doch zu weit. Dann müssten die Ertappten nicht nur ihren Pkw-Führerschein abgeben – auch ein Radfahrverbot wäre möglich. So weit wollte man beim Verkehrsgerichtstag nicht gehen, zumal beschwipste Radler sich in erster Linie selbst gefährden, angetrunkene Autofahrer dagegen viel häufiger bei Unfällen andere Verkehrsteilnehmer verletzen – gar töten. Am Ende blieb es dabei: Radeln soll erst ab 1,6 Promille strafbar sein.

Dafür soll neu in den Bußgeldkatalog aufgenommen werden, dass Radfahren ab 1,1 Promille eine Ordnungswidrigkeit darstellt und Biker immerhin zur Kasse gebeten werden.´Der Essener Karl-Heinz Webels hofft, dass mit dieser Regelung weniger Radfahrer berauscht auf dem Sattel unterwegs sind und die bisherige Grauzone beseitigt wird. Er selbst war als Sachverständiger in Goslar gefragt, um über die Alkohol-Selbstversuche mit Richtern und Staatsanwälten in Essen zu berichten.

Essener Selbstversuche

Bei diesen Tests stellte die Verkehrswacht fest, dass schon bei 0,5 Promille die Sehfähigkeit beeinträchtigt wird. „Da sollte man lieber ein Taxi rufen“, empfiehlt der Vorsitzende der Verkehrswacht. Es sei zwar möglich, dass ein Radfahrer im Straßenverkehr nicht auffällt, auch wenn er Alkohol getrunken hat, aber er kann nicht so gut wie im nüchternen Zustand auf unerwartete Situationen im Straßenverkehr reagieren. „Da muss doch nur ein Kind oder eine Oma mit dem Rollator plötzlich auf die Straße laufen“, gibt Webels zu bedenken.

Webels rät gerade jetzt zur Karnevalszeit, aber auch grundsätzlich Autofahrern und Radfahrern gleichermaßen: „Null Promille am Steuer beziehungsweise am Lenker!“ Zumal bei einem Unfall Verkehrsteilnehmer schon ab 0,3 Promille als Mitverursacher gelten. Und: Gegen Radfahrer, die Ausfallerscheinungen haben, kann schon ab einem Wert von 0,3 Promille Strafanzeige erstattet werden. Das Problem ist nur, dass das den wenigsten Radfahrern bewusst ist.

Keine zuverlässigen Studien

Die Diskussion um den Alkohol-Grenzwert für Radfahrer wird schon seit Jahren geführt. Vor allem auch deshalb, weil landauf, landab immer mehr Radler unterwegs sind und in Städten wie Münster, wo der Biker-Anteil besonders hoch ist, sich mehr alkoholbedingte Fahrrad-Unfälle ereignen. In Essen wurden dagegen 2013 nur neun solcher Unfälle registriert. Und trotzdem: Die jetzige Grenze von 1,6 Promille für Radfahrer ist eindeutig zu hoch.“ Das sagt Jörg Brinkmann, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Essen. Insofern begrüßt er die gestrige Empfehlung des Verkehrsgerichtstages in Goslar, den Promillewert für Biker herabzusetzen.

„Ich persönlich tue mich aber schwer damit, welche Grenze genau festgelegt werden sollte“, erklärt Brinkmann der NRZ. Auch gebe es bisher keine zuverlässigen Studien darüber, ab wie viel Promille Radfahrer tatsächlich „fahruntüchtig“ sind. Was ihm auch nicht gefällt: „Dass Radfahren als Alibi benutzt wird, damit man sich an eine bestimmte Grenze herantrinken kann, halte ich für eine falsche Denkweise.“

Den Radlern müsse bewusst werden, dass sie sich im Rausch vor allem selbst gefährden. „Alleinunfälle angetrunkener Radfahrer sind ein großes Problem“, so Brinkmann. Jeder müsse sein Risiko verantwortungsvoll selbst einschätzen. Sein Tipp: Wer das Fahrrad benutzen will, sollte möglichst auf Alkohol verzichten. Damit radelt man immer gut