Als der Sozialismus Reklame lernte

Dass die Werbung mitunter mehr verspricht, als das Produkt halten kann, ist nichts Neues. Wenn aber etwas beworben werden soll, das kaum zu haben ist oder wenn nur mit teils dramatischer Wartezeit wie beim berühmten Trabi, sind manchmal auch Kreative mit ihrer Kunst am Ende. Aber es gab sie, die Werbung und die Werber. 600 Gebrauchsgrafiker stellten sich in der Deutschen Demokratischen Republik auch in den Dienst der werbewirksamen Illustration und politischen Mobilisierung. Sie zeichneten und texteten gegen Zensur und dogmatische Vorgaben an, gegen Planwirtschaft und knappe Papier-Kontingentierung. 25 Jahre nach dem Ende der DDR gibt es nun Anschläge von „Drüben“ im Museum Folkwang. Das dort beheimatete Deutsche Plakatmuseum hat in den reichen Beständen gestöbert und eine Schau arrangiert, die ein vielfältiges Puzzle der Themen, Stile, Zeiten, des Lebensgefühls hinterm Eisernen Vorhang ergibt.

Schwarz, Rot, Volk: Für die politische Propaganda ist das Plakat in der DDR ein wichtiges Mittel, sagt René Grohnert, Leiter des Deutschen Plakatmuseums. Bei der Wahl der darstellerischen Mittel ist man nicht zimperlich, wenn es gegen den „Klassenfeind“ geht. In „Nürnberg schuldig!“ ist Hitler 1946 ein dämonischer Totenkopfschädel. Und die Forderung „Bändigt den deutschen Militarismus“ kommt 1959 mit der überzeichneten Grusel-Ästhetik eines Edgar-Wallace-Filmes daher. Als die Berliner Mauer steht, werden auch thematische neue Barrieren hochgezogen. Statt den kapitalistischen Reklame-Vorbildern nachzulaufen, geht die Propaganda nun nach Innen. Strahlende Arbeiter rufen da „Vorwärts zu neuen Freuden im Fünfjahresplan“, erfreuen sich der Vielfalt der Konsum-Genossenschaft und verkündigen zum SED-Parteitag: „Unsere Bilanz ist gut!“

Und während im Westen Offsetdruck und Fotografie die gestalterische Oberhoheit bekommen, hält man im Osten dem Siebdruck die Treue. Das Plakat zu „750 Jahre Berlin“ hätte 1986 ein Hingucker werden können. Leider wurde es eingestampft, weil die Fahne Westberlin unterm Funkturm wehte. Wer der Zensur entgehen wollte, musste gewappnet sein. Manfred Butzmanns Pazifismus-Plakat „Zum Beispiel“ wurde nur deshalb genehmigt, weil eine Waffe des imperialistischen Klassenfeindes im Müllkorb landet, erklärt Grohnert.

Die sozialistische Sparsamkeit greift

. Wer sich zu viel künstlerische Freiheit nahm, wurde mit Berufsverbot belegt. Doch gerade im Bereich der Kultur wird ab den 1970ern mehr Offenheit zugelassen, Theater- und Literaturplakate bekommen eine kreative Ventilfunktion, wie die Ausstellung zeigt. Ganz anders die Produktwerbung. Während in den 1960ern noch Esda-Strümpfe und FeWa-Waschmittel plakatiert sind, werden den Firmen Mitte der 70er die Werbebudgets ganz gestrichen . Man nennt es nicht Mangelwirtschaft, sondern „sozialistische Sparsamkeit“.

Das Ende der DDR ist noch einmal ein Neuanfang der Plakatkunst. Bei den ersten freien und zugleich letzten Volkskammerwahlen 1990 ist plötzlich Themenvielfalt angesagt und ein gewisser Jochen Gauck setzt sich in roten Lettern für „Freiheit“ ein. Ein anderes, in der Schau vertretenes Plakat für „Coming Out“, den einzigen Film in der DDR über Homosexuelle, hat da schon Geschichte geschrieben: Als die Uraufführungs-Besucher am 9. November 1989 das Kino verlassen, ist die Mauer gerade gefallen. Plakativer geht nicht.