Als Angst noch kein Thema war

Kümmern sich um die Selbsthilfe in Essen: Michaela Weber (neu im Team), Gabriele Becker, Christel Dickgreber und Karl Deiritz (jetzt im Ruhestand).
Kümmern sich um die Selbsthilfe in Essen: Michaela Weber (neu im Team), Gabriele Becker, Christel Dickgreber und Karl Deiritz (jetzt im Ruhestand).
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
600 Gruppen in Essen sind unter dem Dach der Beratungsstelle versammelt. Waren es früher eher Sucht- und Krankheits-Themen, geht es heute um Angst, Depression und Einsamkeit

Essen.. Wenn die Themen, mit denen sich Selbsthilfe-Gruppen in einer Stadt beschäftigen, Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustands sind, dann muss man sagen: Wir leben in einer Zeit der Angst, Depression und Vereinsamung.

Oder, etwas weniger kulturpessimistisch ausgedrückt: Wir leben in einer Zeit, in der sich Menschen immer öfter trauen, über Angst, Depression und Vereinsamung zu sprechen. Was ja keine ganz schlechte Diagnose ist.

"Wiese" koordiniert die Arbeit

Wie auch immer: Die „Wiese“ wird 25 Jahre alt, es handelt sich um den Verein in Essen, an dem kein Weg vorbeiführt, wenn es ums Thema Selbsthilfegruppen geht. 600 Gruppen in Essen sind unter dem Dach der „Wiese“ versammelt, von der Aids-Gruppe bis zur Ortsgruppe „Zöliakie“, was eine Dünndarm-Erkrankung ist. Die „Wiese“ koordiniert die Arbeit dieser ganzen Gruppen, informiert und berät bei Bedarf, und das alles mit drei Teilzeit-Angestellten von einem Büro im ehemaligen AWo-Haus am Pferdemarkt aus.

Nachdem Mitarbeiter Karl Deiritz (67) jetzt in den Ruhestand verabschiedet worden ist, darf sich Gabriele Becker nun die „Dienstälteste“ bei der „Wiese“ nennen, sie ist seit den Neunziger Jahren dabei, und Beckers Befund zum 25. Geburtstag lautet: „Früher gab es keine Selbsthilfegruppen, in denen psychosoziale Themen eine Rolle spielten.“ Das heißt: Es ging, sehr klassisch, immer um Sucht, vor allem um die nach Alkohol, und es ging um körperliche Krankheiten. Doch die meisten Anfragen erhält die „Wiese“ heute zu den Themen Depression, Burn-Out, Angst, Einsamkeit. „Diese Probleme haben enorm an Bedeutung gewonnen.“

Thema Angst und Panik

Rund 400 Bürger haben sich im Jahr 2014 bei der „Wiese“ nach einer Depressions-Selbsthilfegruppe erkundet. Auf Platz zwei: das Thema Angst oder Panik. Die Leute der „Wiese“ können immer helfen, zum Beispiel mit einem Blick in den aktuellen „Selbsthilfe-Wegweiser“, die derzeitige Auflage umfasst knapp 200 Seiten, alle Gruppen sind aufgeführt.

Im Geburtstagsjahr spendiert sich die „Wiese“ eine Feier-Veranstaltung der besonderen Art: Mit einer Fach-Tagung im September will man das Thema „Selbsthilfe im Krankenhaus“ genau beleuchten, hier wurde zuletzt Wegweisendes erreicht: Sämtliche Kliniken in Essen haben sich im März 2012 zu einem „Sechs-Punkte-Plan“ verpflichtet, der unter anderem vorschreibt, dass jedes Haus einen Selbsthilfe-Beauftragten ernennt. „Dass Selbsthilfe keine Konkurrenz zur Medizin ist, sondern sinnvolle Ergänzung – diese Erkenntnis musste sich erst durchsetzen“, berichtet Gabriele Becker. Auch dies sei – neben der stark gewachsenen Akzeptanz des Themas Selbsthilfe bei den Verantwortlichen der Stadt – eine weitere Veränderung, die die „Wiese“ erlebt hat. Wir können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sie ihren Teil zum Wandel beigetragen hat.