Alle wollen mehr Platz

Große Wohnungen sind in Essen sehr gefragt. In Zeitungen stehen regelmäßig entsprechende Gesuche.
Große Wohnungen sind in Essen sehr gefragt. In Zeitungen stehen regelmäßig entsprechende Gesuche.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Nicht nur Familien, auch Paare und Singles schätzen den Luxus von vier Zimmern und mehr. Für Senioren ist ein Umzug oft zu kompliziert.

Essen.. Der demografische Wandel sorgt auch in Essen für Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt. Während junge Familien häufig nach einer größeren Bleibe suchen, brauchen Senioren oft nicht mehr so viel Platz: Die Kinder sind bereits ausgezogen, in manchen Fällen lebt der Partner nicht mehr, oder die große Wohnung macht schlicht zu viel Arbeit. Der Vorsitzende der Gewerkschaft IG Bau, Robert Feiger, appellierte daher kürzlich an Rentner, ihre Unterkunft für kinderreiche Familien frei zu machen und brachte im Gegenzug eine Umzugsprämie ins Spiel.

Siw Mammitzsch, Geschäftsführerin der Mietergemeinschaft Essen, lehnt den Vorschlag ab. Einen Wohnungstausch hält sie für unsolidarisch. Schließlich seien viele Senioren auf ihr direktes Umfeld angewiesen. Zudem böten alte Mietverträge meistens bessere Konditionen, so dass ein Rentner im schlimmsten Fall sogar für eine kleinere Wohnung mehr bezahlen müsste. „Wir reden hier eigentlich selten über richtig große Wohnungen. Was in Essen nämlich wirklich fehlt, sind freie Angebote mit fünf Zimmern aufwärts“, so Mammitzsch.

Immobilienexperte Ricardo Feldmann von der Agentur Engel und Völkers bestätigt diese These und begründet dies mit der vorhandenen Nachfrage. „Wir verspüren eine zunehmendes Interesse nach Mieteinheiten mit vier oder mehr Zimmern. Meiner Meinung nach gestaltet sich die Nachfrage deutlich größer als die Anzahl von angebotenen Wohnungen.“ Laut Feldmann werde die Marktsituation auch dadurch verschärft, dass sich vermehrt Paare und Singles den Komfort von mehreren Räumen gönnen wollen. Denn auch wenn die Mieten in den vergangenen Jahren angezogen haben - insbesondere in den südlichen Stadtteilen - sind die Preise im Durchschnitt noch vergleichsweise günstig.

7,60 pro Quadratmeter in Heisingen

Andererseits werden für sehr große Wohnungen durchaus Mieten von 1.500 bis 1.800 Euro aufgerufen, wie Carsten Frick, Inhaber von Frick Immobilien, erklärt. „Da kommt man schnell in einen Bereich, in dem ein Kauf unter Umständen mehr Sinn macht.“ Wie sich der Wohnungsmarkt in Essen generell entwickelt, veranschaulicht der Fachmann am Beispiel von Heisingen. 7,60 Euro kostet der Quadratmeter dort im Durchschnitt. Bei Neubauten können es auch neun bis zehn Euro sein. Laut aktuellen Statistiken zählt das Internetportal Immobilienscout 24 derzeit etwa 20.000 Suchanfragen für Mietwohnungen in Heisingen. Angeboten werden lediglich 48 Wohnungen, davon verfügen allerdings nur fünf Wohnungen über vier oder mehr Zimmer. „17 Prozent aller Interessenten suchen nach vier Räumen, zwölf Prozent wollen fünf Räume und fünf Prozent wollen sechs Zimmer oder mehr“, rechnet Frick vor.

Seiner Ansicht nach sind große Wohnungen vor allem in den nördlichen Stadtteilen gefragt, was auch damit zusammenhängt, dass es dort kaum Platz für üppiges Wohneigentum gebe. Im Süden dagegen findet man weniger Mietangebote. Für den beliebten Stadtteil Rüttenscheid ergibt sich beispielsweise ein Verhältnis von 18 Prozent Häusern zu 82 Prozent Mietwohnungen.

Zwei Wohnungen zusammenlegen

Um den kurz- und mittelfristigen Bedarf an großen Wohnungen zu decken ließen sich theoretisch zwei Apartments zu einer großen Wohnung umfunktionieren. Samuel Serifi, Prokurist bei Allbau, bilanziert die Kosten für so einen Umbau auf 25.000 Euro pro Einheit, also 50.000 Euro pro neuer Wohnung. „Wir haben Wohnungen schon mehrfach zusammengelegt, allerdings ist das sehr teuer“, so Serifi. Deshalb fahre man bewusst einen anderen Weg: Durch gezielte Quartiersarbeit, soziale Angebote und ein umfassendes Netzwerk, will man den Bedürfnissen von alt und jung gleichermaßen gerecht werden. Für ältere Senioren gibt es außerdem eine spezielle Beauftragte, die hilft, falls ein Rentner doch mal in eine kleinere Wohnung wechseln möchte.

Wie die Zukunft des Wohnens aussieht, kann derzeit keiner sagen. Für Immobilienexperte Frick steht jedenfalls fest, dass sich der Markt verschieben wird – bedingt durch den demografischen Wandel. Selbst Leerstände seien in einigen Gegenden durchaus Denkbar. Zudem werde sich der Wohnungsmarkt lokal noch stärker unterscheiden.