Alle Tage Aschermittwoch

Kleben und kleben lassen: Vor allem bei den Sozialdemokraten schrumpfte die vielzitierte Basis zuletzt dramatisch.
Kleben und kleben lassen: Vor allem bei den Sozialdemokraten schrumpfte die vielzitierte Basis zuletzt dramatisch.
Foto: WAZ FotoPool / Olaf Ziegler
Was wir bereits wissen
Die tollen Tage – für die Volksparteien sind sie auch und gerade in Essen schon lange vorbei. Die Mitgliederschar schrumpft rapide, die Basis überaltert.

Essen.. Es gab einmal Zeiten, um 1980 herum war das, da zählten allein die beiden Volksparteien SPD und CDU in dieser Stadt zusammen über 20.000 Mitglieder. So viele, dass man mit ihnen das neue Stadion an der Hafenstraße bis auf den letzten Platz hätte besetzen können.

Und heute? Blieben bei gleicher Gelegenheit zwei von vier Tribünen leer – selbst wenn alle anderen Essener Bürger mit Parteibuch bereit wären, die Reihen noch aufzufüllen. Wer ist der Schreck vom Niederrhein? Nicht nur die SPD…

Auch CDU schwach besetzt

Die allerdings vorneweg: Auf dem Höhepunkt ihres Zulaufs schritten laut offizieller Statistik 12.369 Essener Genossen Seit‘ an Seit‘, wie es in der sozialdemokratischen Parteitags-Hymne so schön heißt. Seitdem geht es abwärts, beinahe ungebremst: Zum Mitgliederentscheid über ihren eigenen OB-Kandidaten notierte die um alle Karteileichen bereinigte Sozi-Datei vor drei Wochen gerade noch 4.156 Getreue. Und von denen juckte immerhin 45 Prozent offenbar auch nicht sonderlich, wer da im Herbst als Stadtoberhaupt in ihrem Parteinamen kandidieren soll: Sie blieben der Abstimmung gleich fern.

Das könnte die Konkurrenz von der örtlichen CDU frohlocken lassen, litte sie nicht unter vergleichbarer personeller Auszehrung: Von über 7.000 Mitgliedern im Jahre 1982 sind ihr anno 2015 gerade noch 2.550 übrig geblieben, und wer Parteigeschäftsführer Norbert Solberg etwas Gutes tun will, der fragt ihn besser nicht, wie vielen Mitgliedern er attestiert, auch nur ansatzweise „aktiv“ zu sein. Der Anteil ist beschämend gering.

Mehr als ein Drittel der Christdemokraten ist 70 Jahre oder älter

Klar rücken neue Mitglieder nach: Immerhin 23 Neuaufnahmen gab der CDU-Vorstand jüngst seinen Segen, der jüngste vom Jahrgang 1992, „es lohnt sich also, in die Hände zu spucken“, frohlockt Solberg demonstrativ, erst recht, weil anstehende Wahlen wie die zum OB immer einen Mobilisierungseffekt bergen. Doch wahr ist eben auch: Mehr als ein Drittel der hiesigen Christdemokraten ist 70 Jahre oder älter, weshalb der Schrumpfungsprozess beim Parteivolk vorerst wohl anhalten wird: „Das ist ein Stück Demografie“, formuliert der CDU-Geschäftsführer vorsichtig. Etwas handfester könnte man sagen: Die Leute treten „mit den Füßen zuerst“ aus.

Inhaltliche Gründe? Meckern über „Mutti“? Frust über Essener Verhältnisse? „Spielt fast keine Rolle“, zuckt Solberg mit den Schultern.

Demokratie Bei den Genossen ist es die „Generation Willy“, die wegstirbt: Menschen, die gestern in und mit der SPD „mehr Demokratie wagen“ wollten und heute weniger politisch Gleichgesinnte als vielmehr Gemeinschaft suchen. „Was fürs Herz“, wie SPD-Geschäftsführerin Yvonne Hartig sagt: „Man überzeugt die Leute nicht mehr mit dem Kampf um fünf Kita-Plätze.“ Früher bedeutete Parteileben auch noch viel mehr gesellschaftliches Leben, man feierte Karneval, sang im SPD-Chor, traf sich zum Sport.

Gigantisches Angebot der Zerstreuungsindustrie

Heute ist das Angebot der Zerstreuungsindustrie gigantisch, viele gehen ihren eigenen Weg – und die schrumpfende Zahl an Parteigenossen muss zusehen, dass sie als Truppe politischer Kümmerer noch wahrgenommen wird. Dabei erweist es sich von Mal zu Mal als schwieriger, genügend Kandidaten für mögliche Mandate zu gewinnen. Über 90 Rats- und Bezirksvertretungs-Sitze kann die SPD besetzen, dazu sachkundige Bürger oder Posten in den 33 Ortsvereinen – wenn man ein wenig Auswahl will, muss jeder zweite Aktive ran.

Mancher mag sich an Ämtern und Pöstchen auch ein Stückchen gesundstoßen, für die allermeisten aber ist das Parteileben ehrenamtliche Arbeit und weiß Gott nicht immer vergnügungssteuerpflichtig: Es meckert sich eben leichter über andrerleuts Entscheidungen als selber welche zu erarbeiten.

So etwas wie Aufbruchstimmung, das Gefühl, mit Gleichgesinnten politisch etwas bewirken zu können, registrieren allenfalls die kleinen Parteien, und dort vor allem die Neugründungen: Die „Alternative für Deutschland“ zählt knapp 120 Mitglieder – rund 40 mehr als bei der Kandidatenkür zum Rat vor einem Jahr. Selbst die „Piratenpartei“ hat noch 250 Leute an Deck, wenn es unter vollen Segeln anno 2012 auch schon mal gut 50 mehr waren – und man sich irgendwie scheut, manchen blinden Passagier über Bord zu werfen.

Beachtliche Schwankungen

Das Essener Bürger Bündnis kommt auf um die 140 Mitglieder – obwohl es nach fünf Jahren „Regierungs“-Beteiligung im Viererbündnis jetzt gilt, die harte Oppositionsbank zu drücken. Dass manchem auf dem Weg zur nächsten Kommunalwahl 2020 die Luft ausgeht, glaubt Fraktionschef Udo Bayer nicht: „Für jeden, der uns verlassen hat, ist noch immer einer neu dazugekommen.“

Beachtlichen Schwankungen ist die Mitglieder-Statistik der wieder einmal vermeintlich untergangsgeweihten FDP unterworfen: 2012 kratzte sie an der 300-er Marke, erlebte nach dem Rausflug aus dem Bundestag eine Eintrittswelle von mehr als 13 Prozent – um im vergangenen Jahr wieder auf 333 Mitglieder abzusacken. In ähnlichen Größenordnungen rangiert der Zulauf zur Linkspartei: Nach dem großen Donnerwetter vor und nach der Kommunalwahl im vergangenen Frühjahr verließen insgesamt 30 Mitglieder die Partei, darunter auch der einstige Bürgermeister und linke Fraktionschef Hans Peter Leymann-Kurtz. Jetzt hat man sich bei 298 eingependelt und ist damit nicht unzufrieden, wie Sprecher Michael Steinmann formuliert: „Wenn es so etwas gibt wie ,Parteiverdrossenheit‘ – wir können das für uns nicht bestätigen.“

Auch die Grünen sind vom Exodus des Volkes aus den Volksparteien nicht sonderlich betroffen: Sie zählen knapp 420 Mitglieder – etwa so viele wie zu ihren politisch wirksamsten Zeiten in der rot-grünen Bundesregierung und spürbar erholt von jenen Tagen, da man wegen der Kriegsdebatte um Kosovo und Afghanistan bis auf 330 absackte. Weiter aufwärts geht es derzeit nicht, aber eben auch nicht abwärts. Geschäftsführer Joachim Drell erklärt sich das dadurch, dass „wir unser Potenzial immer schon optimal ausgeschöpft haben“.

Die Frontleute werden älter

Man könnte das natürlich auch Stillstand nennen, und in der Tat räumen die Grünen ein, dass „die Konjunktur für ein klassisches grünes Thema fehlt“ und obendrein auf Bundesebene der Promifaktor. Junge Leute rücken nach, aber irgendwann gibt es den entscheidenden Bruch, und die Leute gehen den Grünen von der Fahne. Folge: Die Frontleute werden älter, was keiner besser beobachtet hat als Drell selbst: Der Mann führt die grünen Geschäfte seit 30 Jahren.

Ob der Parteien-Exodus sich noch irgendwie stoppen lässt? Die SPD hat es mit Gastmitgliedschaften versucht, mit „verschwindend geringem“ Erfolg, bekennt Geschäftsführerin Yvonne Hartig. CDU-Gegenüber Norbert Solberg kennt das: „Partielle Zuarbeit ist kein Problem. Aber wenn es um eine langfristige Mitarbeit geht, ist die Scheu groß.“ Er setzt auf die Jüngeren, auf Frauen, auch auf Migranten: Zwei Dutzend Muslime verzeichnen die Christdemokraten in ihren Reihen.

Ein kleines bisschen gehört der Islam also zur CDU, könnte man sagen. Was tut man nicht alles, um die Tribüne vollzukriegen.