AfD-Austritte in Essen: Ausgang bis zum Wecken

Eine neue Partei unter einem neuen Dach? Unter den Essener Ex-AfDlern findet der Gedanke durchaus Freunde.
Eine neue Partei unter einem neuen Dach? Unter den Essener Ex-AfDlern findet der Gedanke durchaus Freunde.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Die örtliche „Alternative für Deutschland“ erlebt einen Exodus enttäuschter AfD-Mitstreiter und setzt auf einen Neuanfang im Zuge der Weckruf-Initiative von Bernd Lucke. Womöglich vom Start weg mit einem Ratsvertreter

Draußen vor der Tür treffen sie sich wieder.

Es war ein Exodus mit Ansage, jedenfalls für den 37-jährigen Ratsherrn Jochen Backes, der schon vor mehr als drei Monaten seinen Austritt aus der „Alternative für Deutschland“ erklärte. Ihm fehlte damals eine klare Abgrenzung der AfD nach Rechts, und wie zum Beweis erzählt er gern die Schnurre, dass er den daheim gelagerten Infostand der Partei ein paar Tage später ausgerechnet an einen Ex-Republikaner übergeben musste.

Jetzt sprechen auch andere von einem „klaren, gewollten Rechtsruck“ der AfD, 17 Essener Mitglieder an der Zahl, die gestern austraten, weil sie keinesfalls „als Feigenblätter einer ,Pegida-Partei’ dienen“ wollen: „Eine politische Kraft, deren Funktionäre völkische Ideen und Sprache pflegen und die muslimischen Mitbürger ausgrenzt, ist uns zuwider.“

Unter denen, die der bislang knapp 130 Mitglieder zählenden AfD den Rücken kehren, befindet sich auch ihr ehemaliger Sprecher in Essen, Christoph Wilkes. Und der glaubt, nicht nur für sich zu sprechen, wenn er sagt: „Wir treten jetzt nicht aus und resignieren.“

Vielmehr gebe es, so Wilkes, im Kreis der frischgebackenen Ehemaligen den verbreiteten Wunsch, es noch einmal zu versuchen – warum nicht mit dem Verein „Weckruf“ des AfD-Mitbegründers Bernd Lucke, der – das wird wohl kein Zufall sein – ebenfalls gestern der „Alternative“ den Rücken kehrte.

Auf jeden Fall aber wollen sie bei diesem neuen Anfang die alten Fehler tunlichst vermeiden: „Die AfD, das war ihr Grundproblem, hat zu sehr offen gelassen, wofür sie eigentlich steht“, weiß Wilkes heute. Bei einem neuen Angebot müsse man darauf genauso achten wie darauf, dass sich „nicht alles auf eine Person konzentriert“.

Und dennoch schauen sie alle auch in Essen mehr oder weniger verstohlen auf den einstigen „Alternative“-Mitbegründer Bernd Lucke. Der ließ gestern wissen, über die mögliche Gründung einer neuen Partei aus dem Verein „Weckruf“ heraus habe er noch nicht entschieden. Wenn es denn dazu kommen sollte, ist nicht ausgeschlossen, dass die Partei vom Fleck weg im Rat der Stadt Essen vertreten ist.

Denn der aus der AfD ausgetretene Ratsherr Jochen Backes ist erklärtermaßen Mitglied der „Weckruf“-Truppe. Und hin- und hergerissen: „Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Kann ich es moralisch vertreten, da n i c h t mitzumachen?“

Backes hat sich in nur wenigen Monaten Ratsarbeit mit fachlich versierten Fragen und einem konsequent auf alle Mätzchen verzichtenden Politikstil einen hervorragenden Ruf erarbeitet – bei der Stadtverwaltung, aber auch bei vielen Ratskollegen. Nach NRZ-Informationen versuchen derzeit gleich mehrere Ratsfraktionen, den Einzelvertreter auf ihre Seite zu ziehen. „Weckruf“ hin oder her – wache Leute sind im Rat stets Mangelware.