Ärger ums Rauchverbot - "fast jede Woche kommt Polizei"

Fühlt sich seit dem 1. Mai hinterm Tresen ziemlich allein: Beate Lehnhardt, Wirtin der Ampütte.
Fühlt sich seit dem 1. Mai hinterm Tresen ziemlich allein: Beate Lehnhardt, Wirtin der Ampütte.
Foto: WAZ FotoPool
Die Traditionskneipen in Essen kämpfen mit den Folgen des Nichtraucherschutzgesetzes. Das Thekengeschäft ist in der Ampütte fast komplett weggebrochen. Und in der „Eule“ ist seit dem 1. Mai fast jedes Wochenende die Polizei gewesen, weil Anwohner sich über den Lärm beschweren. Das Ordnungsamt drohte Gastronomen bereits Bußgelder bis zu 5000 Euro an.

Essen.. Der Streit um den blauen Dunst schwelt weiter. Rund 3500 Gastronomen und ihre Gäste demonstrierten am Samstag in der Landeshauptstadt gegen das seit 1. Mai gültige Nichtraucherschutzgesetz, das die Raucher seither wie Gestrandete auf die Straßen spült.

Etwa vor die Ampütte, wo die vergnügungssüchtige Gesellschaft schon qualmte, als die heutigen Gesetzgeber noch nicht auf der Welt waren. „Ich bin ganz schön vereinsamt hier hinter der Theke“, sagt Beate Lehnhardt. Seit 15 Jahren führt sie mit Patrick Ampütte die älteste Kneipe der Stadt. Das Tresengeschäft sei völlig eingebrochen, klagt sie: „Früher wurde vor meiner Nase wie wild diskutiert. Heute kommt so ein Gespräch gar nicht mehr auf, weil es alle regelmäßig vor die Tür zieht.“ Ein Stück Ruhrgebietskultur gehe den Bach herunter, ist die 45-Jährige überzeugt.

Gast Patrik Lothmann (43), der mit seinen drei Freunden – jeder eine Packung Tabak vor sich liegend – draußen in der Plastikgarnitur vor der Kneipe sitzt, geht in seiner Kritik noch weiter: „Gerade in Traditionskneipen wie der Ampütte geht die Kommunikation verloren. Dabei ist dieser Austausch doch der Grundgedanke dieser Läden.“

Noch härter trifft es Eckkneipen, vor denen dem Raucher nur der Bürgersteig bleibt. Dazu gehört der Sparfuchs, dessen Publikum „zu 90 Prozent“ qualmt, wie Kellnerin Sabine Schwarz schätzt.

Die durch ihre günstigen Preise auch bei Jugendlichen beliebte Kneipe habe etwa ein Drittel der Gäste verloren, überschlägt Schwarz. „Viele junge Leute kaufen sich jetzt lieber eine Kiste Bier und treffen sich privat. Das Gleiche gilt für einige Knobel- und Skatrunden, die sich zum 1. Mai von uns verabschiedet haben“, sagt Schwarz. Es sei einfach ungemütlich, wenn die Stammtische regelmäßig für eine Zigarette auseinandergerissen würden. Das Plakat an einer der schweren Thekensäulen wirkt da fast trotzig: „Lokalverbot für Grüne. Freiheit für Raucherkneipen, ihr Kulturbanausen!“, ist darauf zu lesen. Für eine Bilanz sei es aber noch zu früh: „Die Sommermonate gehören ohnehin nicht zu den umsatzstärksten. Im Herbst wird man einen Vergleich ziehen können“, sagt die Kellnerin.

Ähnlich sieht es auch Kollege Simon Heidenreich von der „Eule“: „Im Juni und Juli ist es ohnehin schwieriger.“ In der eingesessenen Kneipe an der Klarastraße geht es am Freitagabend zu wie im Bienenstock. Im Minutentakt geht die Tür auf und zu, Raucher kommen und gehen. Es grenzt an Ironie, als plötzlich zwei junge Frauen in der Montur eines Tabakriesen auftauchen und für jede ausgefüllte Postkarte Gratis-Zigaretten verschenken. Simon Heidenreich muss lachen. „Na das passt ja.“ Generell habe sein Stammpublikum Verständnis, auch der Tresen ist an diesem Abend gut gefüllt. „Wir können ja nichts für das Gesetz“, sagt Heidenreich.

Anwohner beschweren sich - Bußgelder bis zu 5000 Euro angedroht

Störender seien für ihn die Folgen in der Nachbarschaft: „Seit dem 1. Mai hatten wir fast jedes Wochenende die Polizei hier, einige Anwohner beschweren sich über Lärm. Nur: Irgendwo müssen die Raucher aber hin.“ Wie Kollege Stefan Romberg vom benachbarten „Mittendrinn“ erhielt auch er eine Verwarnung des Ordnungsamts. Bei erneutem Verstoß werden darin Bußgelder bis zu 5000 Euro angedroht. Am Samstag machte sich Heidenreich gemeinsam mit Stefan Romberg auf den Weg nach Düsseldorf. „Es war überwältigend, wie viele mitgemacht haben. Irgendetwas muss man ja tun, auch wenn ich nicht so Recht auf Erfolg hoffe“, sagt Romberg am Sonntag. Die Wut einiger Wirte, so viel steht nach diesem Wochenende fest, sie glimmt noch immer.

Im Schwarzwald kein Thema

Auf der Rüttenscheider Straße tummeln sich durch die Nähe zu Konzernen und Messe Besucher aus ganz Deutschland. Einige von ihnen wunderten sich am Freitagabend über den Protest, den der verschärfte Nichtraucherschutz in NRW noch immer auslöst: „Ich komme aus Ostfriesland, bin geschäftlich viel in Hamburg und Niedersachsen unterwegs. Dort haben sich die Menschen daran gewöhnt, für die Zigarette nach draußen zu gehen“, sagte etwa Bodo Haedke (58), mit dem wir an der Theke im „Brenner“ ins Gespräch kamen. Auf der Rüttenscheider Straße trafen wir auch Robert Hilser, der mit Ehefrau Luzia für das Konzert von Helene Fischer am Samstag in der Arena auf Schalke aus dem Schwarzwald ins Ruhrgebiet gereist ist. „Selbst in unserer kleinen Dorfkneipe wurde im vergangenen Jahr auf rauchfrei umgestellt. Das ist bei uns nicht mehr so ein Thema“, so Hilser.

Für die Nichtraucher Norbert Tohl und Klaus Lindemann, die seit 20 Jahren jeden Freitag in der „Eule“ sind, ist die rauchfreie Kneipe angenehm: „Der Qualm hat uns aber früher nicht gestört. Jetzt haben wir immer ein Empfangskomitee, das uns schon vor der Tür begrüßt“, sagt Lindemann lachend.

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