Das aktuelle Wetter Essen 10°C
Prozesse

Acht Jahre Gefängnis für Überfall auf Hausbesitzerin

13.06.2012 | 17:09 Uhr
Acht Jahre Gefängnis für Überfall auf Hausbesitzerin

Essen.   Fast acht Jahre lang saß er in Polen ein, jetzt kommen übergangslos weitere acht Jahre Haft für den Polen Cezary P. (43) hinzu, urteilte am Mittwoch das Schwurgericht. Am 27. Juli 2004 hatte er in Werden eine heute 59 Jahre alte Frau in ihrem Haus übel misshandelt, nachdem sie ihn beim Einbruch überrascht hatte.

So lang die Tat auch zurück liegt, die Folgen sind noch heute zu sehen. Das Opfer hat weiterhin Angstzustände, befindet sich immer noch in psychologischer Behandlung. Die Frau weint, wenn sie vor Gericht die schrecklichen Minuten in ihrem Leben schildern muss. Ihren Beruf als freie Handelsvertreterin hat sie aufgeben müssen. Todesangst empfand sie, als der Angeklagte sie brutal attackierte und ihr drohte: „Wenn Du mich verrätst, bringe ich Dich um.“ Und der Angeklagte? Er hat sein Leben selbst zerstört. Fast 16 Jahre lang wird er ununterbrochen in Haft gesessen haben, wenn sich für ihn in ferner Zukunft das Gefängnistor öffnen wird.

Mit Faust ins Gesicht geschlagen und gefesselt

Ab Sommer 2003 hatte Cezary P. sich unter falschem Namen als Slawomir Starzewski in einer Wohnung in Huttrop vor der polnischen Strafjustiz verborgen. Wie er das Leben auf der Flucht finanzierte, blieb im Prozess unklar. Sicher ist, dass er er mit einem falschen Pass auch häufiger in sein Heimatland fuhr, wo seine Lebensgefährtin und das gemeinsame Kind lebten.

Am 27. Juli 2004, stellte das Schwurgericht fest, brach er in das Werdener Haus am Viehauser Berg ein. Es war in den Monaten zuvor von polnischen Bauarbeitern, die er kannte, renoviert worden. Reiche Beute versprach er sich angesichts des aufwendigen Umbaus. Gegen zwölf Uhr mittags war er gerade dabei, seinen Rucksack mit Schmuck und Handys zu füllen, als die Hausbesitzerin von ihrem Einkauf in der Werdener Innenstadt zurückkehrte. Sofort überrumpelte er sie, schlug ihr mehrfach die Faust ins Gesicht, sprühte Pfefferspray und fesselte die Frau, als sie sich bewusstlos stellte. Dann warf er sie die Kellertreppe herunter.

Polen liefert ihn aus

Nach kurzer Zeit konnte die Frau sich befreien und zu Nachbarn fliehen. Cezary P. setzte sich nach Polen ab, wo er nach wenigen Tagen wegen früherer Delikte in der Heimat inhaftiert und zu fast acht Jahren Haft verurteilt wurde. Als er diese Zeit im Gefängnis verbüßt hatte, lieferte die polnische Justiz ihn zum Jahresende 2011 nach Essen aus.

Auf versuchten Raubmord lautete die Anklage gegen den 43-jährigen Polen. Doch dieses Etikett erspart das Schwurgericht ihm. Im Prozess hatte der Angeklagte die Tat gestanden, die Misshandlungen aber als nicht so massiv dargestellt. Tatsächlich sah Rechtsmediziner Thomas Bajanowski keine lebensgefährlichen physischen Verletzungen. Gravierender, so der Gutachter, seien sicher die psychischen Folgen für das Opfer.

Kein versuchter Mord

Richter Andreas Labentz sprach zu Beginn der Urteilsverkündung das Opfer direkt an: „Es ist gut, dass Sie hier sind. Wir als Gericht können die Tat nicht ungeschehen machen. Es ist aber eine Hilfe zur Verarbeitung, dass Sie sehen, wer der Täter ist und was er sagt.“ Wichtig für das Opfer sei auch, dass das Gericht „ganz eindeutig“ keine Tötungsabsicht des Täters feststelle. Labentz erinnerte an das „etwas hilflose und unvollständige Fesseln“ der Frau.

Daraus habe das Gericht den Schluss gezogen: „Wer töten will, muss sein Opfer nicht fesseln.“ Kein versuchter Mord also, kein versuchter Totschlag. Dafür aber „ein besonders schwerer räuberischer Diebstahl und eine sehr gefährliche Körperverletzung“. Denn der Angeklagte habe die Hausbesitzerin „so heftig attackiert, dass sie nicht glaubte, den Angriff zu überleben“.

Geständnis mildert Strafe

Labentz ging auf die Behauptung von Cezary P. ein, aus dem Haus weit weniger gestohlen zu haben, als die Hausbesitzer später angaben. Diese Diskrepanz könne das Gericht nicht aufklären. Es habe aber keinerlei Zweifel, dass die Liste der Hausbesitzer korrekt gewesen sei. Im Grunde komme es aber nicht darauf an, den Wert der Beute festzustellen, weil in diesem Fall „die Gewalt maßgeblich ist“.

Dem Angeklagten, dem das Gericht sein Geständnis strafmildernd anrechnete, sei die Situation entglitten, als er plötzlich von der Hausbesitzerin überrascht wurde. Allerdings sei dies ein Geschehen gewesen, mit dem er rechnen musste und auf das er sich eingestellt hatte. Strafschärfend berücksichtigte das Gericht den Tatort: „Es handelte sich um einen Überfall im geschützten Bereich des eigenen Hauses.“

Stefan Wette



Kommentare
13.06.2012
17:54
Erstaunt
von Erbeck1 | #1

Ich bin positiv überrascht - selten kann ich mich mal mit einem Urteil und dessen Erklärung auf sachlicher Ebene so anfreunden .

Aus dem Ressort
Zeche Zollverein rüstet sich für Eislauf-Saison
Zollverein
Der Reiseführer Marco Polo spricht vom „wohl faszinierendsten Ort zum Schlittschuhlaufen bundesweit“ und meint die Eisbahn auf Zollverein, die diesen Winter einen Monat lang öffnet: Vom 6. Dezember 2014 bis zum 4. Januar 2015 bietet sie neben der Eisbahn auch eine 180 Quadratmeter große Fläche zum...
Poesie in Gebärdensprache - erster Poetry Slam für Gehörlose
Poetry Slam
In Essen findet erstmals ein Poetry Slam in Gebärdensprache statt. Der Dichter- und Autorenwettbewerb im evangelischen Jugendzentrum „Emo“ in Rüttenscheid richtet sich ausdrücklich an nicht-hörendes und hörendes Publikum. Die Kandidaten können sich mit einem Video bewerben.
Stadt Essen will Ehrenamtlichen mit Freiwilligenkarte danken
Ehrenamt
In diesem Jahr sollen die ersten Essener eine Freiwilligenkarte erhalten. Die Stadt will ihre Anerkennung ausdrücken, Vergünstigungen gibt es derzeit nicht. Die Bürger, die sich ehrenamtlich engagieren, wünschen sich bei ihren Einsätzen ermäßigten Eintritt ins Museum oder freie Fahrt mit dem Bus.
Essener Forscher erhalten Preis für Hunde-Pipi-Ergebnisse
Magnetsinn
Sabine Begall, Professor Hynek Burda und Pascal Malkemper von der Universität Duisburg-Essen ergatterten den Ig-Nobelpreis der Harvard-Universität mit einem Forschungsergebnis der ganz besonderen Art: Hunde richten sich instinktiv beim Pinkeln nach Norden oder Süden aus.
Innenministerium lenkt beim geplanten Groß-Asyl in Essen ein
Flüchtlinge
In einem Gespräch im NRW-Innenministerium haben die Stadt Essen und das Land einen Zwist über das geplante Groß-Asyl auf dem früheren Kutel-Gelände im Stadtteil Fischlaken beigelegt. Die Trägerschaft liegt beim Land. Damit ist nun der Weg für die Einrichtung mit bis zu 800 Plätzen frei.
Umfrage
Die Stadt Essen will Ehrenamtliche mit einer sogenannten Freiwilligenkarte würdigen. Dass die Ehrenamtlichen mit dem Ausweis auch Vergünstigungen - beispielsweise für kulturelle Einrichtungen - erhalten, ist derzeit nicht möglich. Was halten Sie davon?

Die Stadt Essen will Ehrenamtliche mit einer sogenannten Freiwilligenkarte würdigen. Dass die Ehrenamtlichen mit dem Ausweis auch Vergünstigungen - beispielsweise für kulturelle Einrichtungen - erhalten, ist derzeit nicht möglich. Was halten Sie davon?

 
Fotos und Videos