Abenteuer trifft echte Emotionen im Aalto-Theater in Essen

Das Tänzerpaar Elisa Fraschetti und Tomás Ottych sorgt für spürbare Emotionen in dem Ballett „Die Odyssee“ von Patrick Delcroix.
Das Tänzerpaar Elisa Fraschetti und Tomás Ottych sorgt für spürbare Emotionen in dem Ballett „Die Odyssee“ von Patrick Delcroix.
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Choreograf Patrick Delcroix erzählt „Die Odyssee“ in einer Tanzversion für das Aalto-Ballett. Die Uraufführung verankert Irrfahrt und Liebesgeschichte.

Essen.. „Ich liebe Emotionen“, sagt Patrick Delcroix. Sie sind der Boden, aus dem seine Arbeit wächst. So war seine erste Kreation „Son chemin“, die vor 20 Jahren am Nederlands Dans Theater entstand, beeinflusst von der Trennung seiner Eltern nach 32 Jahren. Bei „End-Los“ aus dem dreiteiligen Abend „Zeitblicke“ am Aalto-Theater war es der Schock über den Tod des geliebten Vaters. „Es ist immer ein Teil meiner Geschichte“, sagt der gebürtige Franzose mit Wohnsitz in Den Haag. Das gilt einmal mehr für „Die Odyssee“ in Essen.

Seine eigene Reise nahm ihren Lauf in einem kleinen Ort am Rande der Pyrenäen. Mit 16 begann er, zu tanzen. Zu spät für den klassischen Tanz, nicht für den zeitgenössischen. Er gehörte zur Iwanson Dance Company in München und zum Scapino Ballet Rotterdam, bevor ihn Jirí Kylián 1986 für das Nederlands Dans Theater entdeckte. „Es war ein Traum, in eine große Compagnie zu kommen“, meint Patrick Delcroix. 17 Jahre währte er und umfasste Arbeiten mit bedeutenden Choreografen wie William Forsythe, Hans van Manen oder Mats Ek. Am meisten geprägt wurde er als Tänzer und Choreograf vom damaligen künstlerischen Leiter Kylián, dessen Abende er bis heute weltweit einstudiert. „Du musst Tänzer lieben, wenn du mit ihnen arbeiten willst“, lautet sein oberstes Gebot, dem er mit bisher 50 eigenen Stücken für 25 Ensembles von Antwerpen bis Wien folgte. Dennoch bedeutet sein erstes abendfüllendes Werk eine große Herausforderung: „Es stellt mich vor einen Berg, den ich bewältigen muss.“

In der Tanzversion der „Odyssee“ bleibt er an Homers Dichtung nah dran und verzahnt die Geschichte von Odysseus mit der seiner Frau Penelope: „Für ihn ist es ein Abenteuer. Für sie eine Liebesgeschichte. Ich will chronologisch im Wechsel von ihren beiden Welten erzählen.“ Am Anfang steht der Abschied des Paares. Odysseus zieht in den Krieg und kehrt erst 20 Jahre später zurück.

Die Liebe ist echt

Dazwischen liegen Gefahren und Verlockungen. Er begegnet dem Zyklopen, den Lotus-Essern und dem sechsköpfigen Ungeheuer, vor allem aber begleiten jede Menge charakteristisch ausgeformte weibliche Figuren und Pas de deux’ seine Fahrt - von der schützenden Göttin Athene bis zu der besitzergreifenden Kalypso. Penelope bleibt derweil ebenfalls nicht ohne Männer, muss sich machtgieriger Freier erwehren, spielt aber auch mit ihnen. „Wir sind nicht nur für einen Menschen bestimmt“, erklärt der Choreograf. Am Ende finden sie trotz aller Irrungen wieder zusammen. „Sie sind leidenschaftlich, stark, glauben an sich. Ich weiß nicht, ob dieses Ideal eines Paares wirklich existiert. Doch ihre Gefühle habe ich selbst schon gefühlt.“

Nach Schönheit strebt Patrick Delcroix dabei. Und die braucht nur wenige Mittel. Mit einer Mauer, einem Seidenstoff und Steinen markieren er und der ihm lange vertraute Bühnenbildner Kees Tjebbes den Weg der zwei. Getragen werden sie von Musik, die für ihn 50 Prozent der Choreografie ausmacht. Die passenden Töne von Ólafur Arnalds, Giya Kancheli oder David Lang zu finden, habe ein Jahr gebraucht, berichtet er.

Seine bildhafte Sprache, die zugleich kraftvoll und sinnlich ist, entwickelt er mit den Tänzern in einem Akt von Geben und Nehmen. „Als Tänzer wollte ich einbezogen werden, nicht nur Schritte lernen“, erinnert sich der 52-Jährige. Tomás Ottych und Elisa Fraschetti, die Odysseus und Penelope verkörpern, geht es ebenso, und sie bieten ihm etwas ganz Besonderes. „Es ist spannend, weil sie auch im Leben ein Paar sind“, sagt er. „Da gibt es keine Distanz. Du spürst, dass ihre Liebe echt ist.“