Puste hat nur, wer richtig atmet
In jedem Jahr suchen die Domsingknaben Nachwuchs für Jungen, die aufhören. Zurzeit hat der Chor 130 Mitglieder. Auch der Fußballer Oliver Bierhoff oder Aalto-Sänger Rainer-Maria Röhr gehörten dazu
Die Hände zum Himmel: Das bedeutet in der Domsingschule natürlich nicht die Körperhaltung passend zum Schlager, sondern gehört dort zum Repertoire der Atemübungen. Die Jungen-Soprane sind da schon ganz fit. Fotos (3): WAZ, Arnold Rennemeyer
Foto: WAZ
"Gloria, Ave Maria, Cantate" steht an der Tafel im Domsingsaal geschrieben. Moritz, Samuel, Friedrich und die anderen sitzen im Halbkreis um den Flügel, der eine lässt sein Blatt fallen, der andere flüstert mit seinem Nachbarn oder zieht eine Grimasse. Was die lateinischen Begriffe an der Tafel bedeuten, werden die neun Jungen aus der Vorschule später lernen. Sie sind zwischen fünf und sieben Jahre alt. Es geht erstmal um Technik. "Ein Sänger braucht Puste. Die bekommt nur, wer richtig atmet", erklärt Georg Sump. Der Domkapellmeister weiß, wie man Jungen das Singen beibringt. Seit 28 Jahren leitet er die Domsingschule an der Klosterstraße.
Also atmen Moritz, Samuel und Friedrich kräftig ein, bis sich ihr Bauch zu einer Kugel wölbt und sie lachen müssen. Dann wird gesungen: "Nun danket all und bringet Ehr", erst alle zusammen, dann Johannes alleine. "Wenn einer alleine singt, heißt das Solo. Wenn vier singen Quartett - wie das Kartenspiel." Georg Sump lässt die Theorie-Begriffe fast beiläufig einfließen. Ab vier Jahren können Jungen singen lernen, zuerst bei der musikalischen Früherziehung, dann in der Vorschule, bis sie in den Hauptchor aufgenommen werden. 130 Sänger proben hier zweimal wöchentlich.
Auch Fußball-Star Oliver Bierhoff gehörte zu ihnen. Oder Aalto-Sänger Rainer Maria Röhr. "Es war eine tolle Zeit, schön aber auch zeitaufwenig", erinnert er sich der Aalto-Tenor an zehn Jahre als Domsingknabe. Viele Freundschaften habe er geknüpft. Die Gemeinschaft sei das wichtigste, sagt auch Sump. "Hier kann sich jeder auf den anderen verlassen". Also gibts auch Ferienfreizeiten oder Kinoabende.
Ihre Stimme richtig zu bilden, lernen die Jungen im Einzelunterricht bei Mechthild Zander. "Wenn Du gerade stehst, kannst Du auch stundenlang ein Konzert singen", erzählt sie dem zehnjährigen Vincenz. In ihrem Raum hängen Bilder der Kinder. Bach, Mozart, der Petersdom sind zu erkennen. Und Elvis . . .
Musikausbildung heißt in der Domsingschule auch christliche Ausbildung, auch wenn die Taufe keine Voraussetzung für die Aufnahme ist. Regelmäßig gestaltet die Knaben den Dom-Gottesdienst. Die Jungen sollen wissen, was sie singen. Also erklärt Georg Sump, der auch Religionslehrer ist, zu den Noten auch Liturgie. Den Kontakt zur Kirche schätzt die Mutter des sechsjährigen Friedrich. Die Domsingschule sieht sie als "optimale Freizeitgestaltung".
Vincenz sieht das anders. Der Zehnjährige würde lieber zuhause hocken als hier gerade stehen zu müssen. Aber als Sump ihn für seine gute Atemtechnik lobt, strahlt er. Vincenz und seine Freunde aus dem Sopran-Chor proben direkt nach den Vorschülern. Sie singen aus Haydns "Die Schöpfung". So klar und rein, dass auch ein Laie hört, was Musikausbildung bedeutet.










