92-jähriger Essener ist der letzte Überlebende der „Bismarck“

Bernhard Heuer aus Steele diente als junger Matrose auf der „Bismarck“. Der 92-Jährige ist der letzte Überlebende des Untergangs.
Bernhard Heuer aus Steele diente als junger Matrose auf der „Bismarck“. Der 92-Jährige ist der letzte Überlebende des Untergangs.
Foto: Jörg Schimmel
Als blutjunger Mann meldete Bernhard Heuer sich freiwillig zur Kriegsmarine. Seinen Dienst trat er auf der „Bismarck“ an. Am 27. Mai 1941 versank das Schlachtschiff im Atlantik. Der 92-jährige Essener ist der letzte Überlebende.

Essen.. Jüngst hatte ihn die Steeler Bürgerschaft als Ehrengast zur Kranzniederlegung am Volkstrauertag eingeladen, und es ist nicht lange her, da besuchte ihn eine Delegation der Marinekameradschaft in seiner Seniorenwohnung am Kaiser-Wilhelm-Platz.

„Einige der Herren trugen sogar Uniform“, erzählt Bernhard Heuer und staunt noch immer ein wenig über die Aufmerksamkeit, die ihm mit seinen 92 Jahren zuteil wird. Aber Bernhard Heuer ist ein gefragter Gesprächspartner, denn er ist der letzte Überlebende der „Bismarck“. Der letzte, der dabei war, als das größte Schlachtschiff seiner Zeit am 27. Mai 1941 in den Fluten des Atlantik versank.

Mit 17 Jahren freiwillig zur Marine

Ein Schwarzweißfoto auf dem Bücherregal zeigt Bernhard Heuer als jungen Matrosen der Kriegsmarine. Mit 17 Jahren hatte er sich freiwillig gemeldet – aus Eifer, jugendlichem Übermut und befeuert auch durch seinen Stiefvater, der selbst zur See gefahren war. Immer wenn der alte Herr Besuch bekam und zu erzählen begann, dann lauschte der kleine Bernhard in seinem Bett hinter dem Vorhang den abenteuerlich klingenden Geschichten. Die grausame Wirklichkeit auf See aber sollte ihn in seinen noch jugendlichen Jahren sehr bald einholen.

Nach der Ausbildung zum Matrosen wird Bernhard Heuer mit neun Kameraden auf die „Bismarck“ abkommandiert. Alle sind im gleichen Alter. Nur zwei sollen den Untergang des stählernen Koloss überleben.

Die in der Werft von Blohm & Voss erbaute „Bismarck“ war das modernste Kriegsschiff Nazi-Deutschlands. Die Marineführung schickt das schwer bewaffnete Ungetüm in den Nordatlantik, wo es Jagd auf Handelsschiffe machen soll, die Kriegsgegner Großbritannien mit überlebenswichtigen Gütern versorgen. In der Dänemarkstraße zwischen Island und Grönland kommt es zum Seegefecht mit einem britischen Verband. Eine Salve der „Bismarck“ versenkt das Schlachtschiff „Hood“, den Stolz der britischen Marine. Die Jagd auf die „Bismarck“ beginnt. Ihr Untergang soll zum Mythos werden.

Ein Geschenk von „Blohm & Voss"

„Da ist der Torpedo reingerumst“, sagt Bernhard Heuer und zeigt auf eine gerahmte Fotografie der Bismarck - ein Geschenk von „Blohm & Voss“ aus den 50er Jahren. Das von einem Doppeldecker abgefeuerte Geschoss traf die „Bismarck“ am Heck, blockierte das Ruder. „Von da an waren wir nicht mehr manövrierfähig.“ Das Schicksal des Schiffes und das seiner Besatzung war damit besiegelt.

Von dem folgenden Gefecht hat Bernhard Heuer nach eigenen Worten nicht viel mitbekommen. Als Maschinist tut er Dienst im Turbinenraum an Steuerbord, geschützt durch Panzerstahlplatten. „Als auf Deck Granaten einschlugen, flogen unten Schrauben durch die Luft“, erinnert sich Heuer. „Dann kam ein Offizier rein und gab den Befehl zum Aussteigen.“

Untergegangen wäre die „Bismarck“ wohl so der so

Bis heute ist umstritten, ob die Besatzung die „Bismarck“ versenkt hat oder ob die Nazi-Propaganda mit dieser Darstellung den Verlust des für unsiegbar erklärten Schlachtschiffes zu einem vermeintlich heroischen Akt umgedeutet hat. Bernhard Heuer will mit eigenen Augen gesehen haben, wie ein Obermaschinist einen Sprengsatz platziert hat. Untergegangen wäre die „Bismarck“ wohl so der so. Den Mythos aber hat es nur befeuert.

Bevor das schwer getroffene Schiff sinkt, kämpft Bernhard Heuer sich an Deck. Bald darauf treibt er im 13 Grad kalten Wasser. Die „Dorsetshire“, ein englischer Kreuzer, nimmt den Schiffbrüchigen auf, mit letzter Kraft erreicht er die Reling, zwei Matrosen ziehen ihn an Bord. „Ich hatte einfach Glück“, sagt er. Von 2104 Mann Besatzung werden 116 gerettet.

Bernhard Heuer verbringt den Krieg in Gefangenschaft, im Januar 1947 kehrt er heim. Eine Fotografie zeigt ihn im Kreise von Kameraden, mit denen er sein Schicksal teilte. Einmal im Jahr haben sich Überlebende des Untergangs am Bismarck-Mausoleum bei Aumühle in Schleswig-Holstein getroffen. An diesem 27. Mai war Bernhard Heuer der letzte Verbliebene. Im nächsten Frühjahr will er wieder hin. Leicht fallen wird es ihm nicht.

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