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19. Oktober 2014. Die Verlängerung der Linie 109 über den Berthold-Beitz-Boulevard nach Frohnhausen war der letzte Neubau, der realisiert wurde.
19. Oktober 2014. Die Verlängerung der Linie 109 über den Berthold-Beitz-Boulevard nach Frohnhausen war der letzte Neubau, der realisiert wurde.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Evag befördert jeden Tag 340.000 Fahrgäste. Die meisten Kunden begrüßen laut Umfrage die Leistungen des Verkehrsbetriebes. Doch für neue wichtige Verbindungen zum nördlichen Krupp-Gürtel und zum Stadion fehlt wohl das Geld

Essen.. Die aktuelle Spardebatte um die Evag bringt beim Nahverkehr alles auf den Prüfstand. Was kann die Essener Verkehrsgesellschaft -- was soll sie in Zukunft können? Eine Bestandsaufnahme.

Die Essener Evag bewegt viel – eine ganze Stadt. So viele Kilometer kann ein Tacho gar nicht anzeigen – die die Evag gefahren ist. Ihre jährliche Kilometerleistung entspricht mehr als 500 Erdumdrehungen. 144.000 Fahrten mit bis zu 350 Bahnen und Bussen stehen auf dem Monatsplan. Jeder fünfte Essener hat inzwischen ein Evag-Monatsticket. 340.000 Fahrgäste (darunter 35.000 Schüler) werden täglich befördert. Und doch nicht genug.

Die Düsseldorfer Rheinbahn erbringt eine Kilometerleistung von rund 37 Millionen. Die Evag kommt auf etwas mehr als die Hälfte: rund 20 Millionen. Der Bahn- und Busverkehr der Evag macht nur 19 Prozent des Essener Gesamtverkehrs aus. Das Rathaus will den Anteil aber bis 2025 auf 25 Prozent erhöhen. Dann wäre die Evag, was die Verkehrsleistung angeht, mit den Autofahrern sozusagen auf einer Augenhöhe. Weil deren Anteil bis dahin auf ein Viertel schrumpfen soll.

Weniger Staus, bessere Luft

Auch mit diesem Argument bewirbt sich Essen gerade als „Grüne Hauptstadt Europas 2017“. Schon jetzt macht die Evag umgerechnet 230.000 Autofahrten täglich überflüssig. Ohne den Essener Verkehrsbetrieb würde es zu noch längeren Staus auf den Autobahnen und in der Stadt kommen. 115.000 Pendler nutzen täglich das Nahverkehrsangebot der Ruhr-Metropole. Und zum Einkaufen am Limbecker Platz kommt gar jeder zweite mit Bahn und Bus.

Zusätzliche Fahrgäste gewinnt man aber nur, wenn die Ziele schnell und ohne langwieriges Umsteigen zu erreichen sind. In Essen stehen drei U-Bahn-Linien (Länge 23 km), sieben Straßenbahn-Linien (über 90 km) und 57 Buslinien zur Verfügung, die insgesamt 50 Stadtteile versorgen. Wichtige Kennzahlen für die Evag dabei sind:

  • 92 Prozent der Essener Bevölkerung können in unmittelbarer Nähe zu ihrem Wohnsitz Bus und Bahn erreichen. Heißt: Die Haltestelle ist nicht weiter als 500 Meter entfernt.
  • 70 Prozent der Einwohner haben in der Hauptverkehrszeit ein Angebot im 10-Minuten-Takt. Der Kunde muss also nicht lange auf seinen Anschluss warten.
  • Auf 16 Bus- und 20-TaxiBus-Linien gibt es ab 23.30 Uhr einen Nachtverkehr, der montags bis freitags bis 1.30 Uhr, samstags bis 6.30 Uhr und sonn- sowie feiertags bis 7.30 Uhr angeboten wird.
  • Auch wegen der demografischen Entwicklung spielt die Barrierefreiheit eine immer größere Rolle. Von den hundert Straßenbahn-Haltestellen sind über 20 Prozent barrierefrei ausgebaut. In den U-Bahnhöfen (35) sind es immerhin 85 Prozent, bei den 600 Bushaltestellen aber nur 13 Prozent.
  • Insgesamt, so Evag-Sprecher Olaf Frei, liegt die Zufriedenheit der Kunden im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) „über dem Bundesdurchschnitt“.
  • Doch auf der anderen Seite steht bei der Evag ein riesiger Investitionsstau, der auf Dauer sogar zu Leistungseinschränkungen – etwa im U-Bahn-Verkehr – führen könnte. „Sorgenkinder“ sind u.a.:
  • Die Schieneninfrastruktur ist kompliziert und sanierungsbedürftig. Das Netz hat zwei verschiedene Spurbreiten, das Gleisalter liegt bei 26 Jahren.
  • Die knapp 15 Kilometer langen unterirdischen Strecken sind rund 40 Jahre alt – und müssen in den nächsten 15 Jahren erneuert werden.
  • Die 4,8 Kilometer lange Busspur-Trasse gilt als überholt und ist zu teuer. Eine Alternative für die Strecke nach Kray gibt es aber nicht.

Die Förderung neuer Linienstrecken ist in Zukunft ungewiss. Aus eigener Kraft kann die Stadt aber die gewünschte Verlängerung der Linie 101 durch das nördliche Kruppviertel bis zum Stadion und von der Frohnhauser Straße über die Hachestraße zum Hauptbahnhof (Bahnhofstangente) nicht stemmen – obwohl eine politische Mehrheit im Rathaus diese Projekte gerne umsetzen würde. Der Bau der 105-Strecke nach Oberhausen scheiterte vor kurzem am Ratsbürgerentscheid der Nachbarstadt. Zuletzt von Land und Bund zu 90 Prozent bezuschusst wurde die 14 Millionen Euro teure Verbindung der Linie 109 über den Berthold-Beitz-Boulevard im vergangenen Jahr.

Nahverkehrsplan in Vorbereitung

Wie es weiter geht, werden die Diskussionen um die Evag zeigen – und um den Nahverkehrsplan, der gerade in Vorbereitung ist. CDU und SPD sind bisher jedenfalls von ihrer Position zum Nahverkehr, die sie in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt haben, nicht abgekehrt. Darin heißt es schwarz auf weiß auf Seite 15:
"..SPD und CDU sprechen sich ... dafür aus, die Attraktivität des ÖPNV in Essen zu erhöhen, um den Anteil der ÖPNV-Nutzer nachhaltig zu steigern.“

Und dazu zählen „direkte Verbindungen“, „funktionierende Umsteigemöglichkeiten“ und „bedarfsgerechte Taktfrequenzen“.