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50 Jahre Gemeinheit

02.01.2009 | 19:50 Uhr

UNTERHALTUNG. 1959 erfand Werner Schöppner aus Bergerhausen ein Gesellschaftsspiel, das Weltruhm erlangte: "Malefiz".

Playstation? Gab es damals noch nicht. Das Fernsehen? Hatte wenig zu bieten. Und die alten Klassiker zwischen Halma, Mensch-ärgere-dich-nicht und Monopoly? Waren dem jungen Mann aus der Leinestraße in Bergerhausen als Abendunterhaltung nach einem langen Arbeitstag irgendwie viel zu langweilig: "Es fehlte der Kitzel."

Dabei konnte man in jenen letzten Tagen der verblassenden "goldenen" Fünziger etwas Zerstreuung gut gebrauchen: Nach einem langen trockenen Frühjahr war Ende Juli von Amts wegen der Wasserhahn zugedreht worden: Per Verordnung blieb es vorerst untersagt, Autos zu waschen, private Schwimmbecken zu füllen und den eigenen Ziergarten zu berieseln. Derweil marschierten die um ihren Job fürchtenden Bergleute zu Tausenden mit schwarzen Fahnen zum Burgplatz, während ein paar hundert Meter weiter der steinerne Berliner Bär mahnte: Denkt an Berlin!

Eine Zeit also, um kleine Brötchen zu backen, und das tat Werner Schöppner in jenen Tagen auch als 26-jähriger Angestellter einer Essener Großbäckerei. Womöglich ist ihm dort beim Teigkneten der glorreiche Einfall gekommen, vielleicht aber auch - so will es die Legende - eines Abends auf dem stillen Örtchen: Es müsste auch im Spiel wie im Leben zugehen - wo man Freunde findet und Freunde verliert, wo man zum eigenen Fortkommen trickst und täuscht, Koalitionen schließt und löst, Rückschläge wegsteckt und anderen aus blankem Eigennutz Hindernisse in den Weg stellt.

Schöppner macht sich ran und bastelt, testet sein Spiel, das sich an den indischen Spieleklassiker Pachisi anlehnt, im Freundes- und Bekanntenkreis und erntet nur positive Reaktionen. Derart bestärkt schreibt der junge Mann aus Essen im Oktober 1959 drei Spielverlage an: "Vor einiger Zeit", so formuliert er da, habe er ein Unterhaltungsspiel entwickelt, das "für alle Bevölkerungsschichten und für alle Altersstufen in gleicher Weise nervenaufreibend spannend" daherkommt. Interesse?

Einer der drei Verlage hält es erst gar nicht für nötig zu antworten, ein zweiter meldet sich nach Wochen: Schönen Dank, aber das Spiel passe nicht in sein Programm. Anders Adressat Nummer drei, Karl Maier vom Otto Maier Verlag Ravensburg: Der meldet sich nach nur wenigen Tagen per Postkarte, erbittet den Spielplan und testet das Spiel zunächst mit seiner Sekretärin, "Fräulein Allmendinger".

Dem Frollein muss es genauso viel Spaß gemacht haben wie Maiers Frau, die als weitere Testerin eingespannt wird. Und die, wie Spieleverleger Maier begeistert an Werner Schöppner schreibt, für die Namensgebung verantwortlich ist (siehe Box). "Malefiz" ist geboren.

Auch wenn sowohl der Ravensburger-Chef als auch der junge Erfinder aus Essen nur von begeisterten Rückmeldungen zu berichten wissen - keiner von ihnen ahnt wohl, dass "Malefiz" zu einem echten Welterfolg wird, von dem bis heute nach Unternehmensangaben bereits weit über fünf Millionen Exemplare verkauft wurden und noch immer werden: Für die Playstation-Generation gibt es eine eigene "Sheepworld"-Variante und eine mit dem kleinen Unterwasser-Chaoten Spongebob Schwammkopf. Aber daneben rangiert natürlich der unverwüstliche Klassiker mit dem Pistolero samt Zwirbelbart auf dem Karton - neben der Dame im Spagettikleid, dem Mädel mit Schleife im Haar und Opa hinterm weißem Rauschebart.

Das Bild des niederländischen Grafikers Alfons van Heusden mag heute auf eine putzige Weise altmodisch wirken - zum Ende der 1950er Jahre war der Entwurf ein Schockeffekt in einer ansonsten betulichen Spielelandschaft und mehr als eine kleine Provokation, angesichts der für damalige Verhältnisse überreichlich dekolletierten Räuberbraut.

Anders als viele im eigenen Hause riskieren Karl Maier und sein damaliger Programmleiter Erwin Glonnegger dennoch den Titel, weil sie finden, das Bild treffe "in glücklicher Weise die spannend-ärgerliche Dramatik des Spiels". Außerdem wolle man Malefiz ja auf der nächsten Spielemesse im Februar 1960 präsentieren, und für einen Neuentwurf sei die Zeit eh zu knapp.

Der Verkauf gibt ihnen Recht: Immerhin 830 Exemplare wird der Verlag auf der Messe los und nimmt das Spiel dann im Juni des gleichen Jahres ins offizielle Programm auf. Ende 1960 sind 8000 Spiele verkauft, 1965 landet man bei 35 000 Exemplaren, 1970 fällt die 175 000er-Marke.

Seinen Siegeszug verdankt "Malefiz" nicht zuletzt einer ganz neuen Form des Marketings, die Ravensburger-Chef Maier damals ausprobiert: Der Unternehmer klappert selbst die großen Spielwaren-Geschäfte der Republik ab, betätigte sich "als Apostel", wie er 1960 in einem Brief an Erfinder Schöppner schreibt, und schickt überdies Mitarbeiter zu Verkäuferschulungen in die Läden. Daneben lässt er hunderttausende Prospekte drucken und verteilen - eine enorme Starthilfe.

Wer so erfolgreich ist, findet Nachahmer: Werner Schöppner, der dem Backofen längst den Rücken gekehrt hat und zum System-Analytiker avanciert ist, erlebt, wie "Malefiz" als französisches "Barricade" oder US-amerikanisches "Obstruction" für Zeitvertreib sorgt. Selbst Fälschungen gibt es ("Goldrausch") sowie eine von Loriot gestaltete Variante, in der die Barrikaden als Beamte dargestellt werden.

Bundesweites Aufsehen erregt "Malefiz in Essen" auch, weil im angesehenen Kulturmagazin "Transatlantik" unter dieser Überschrift 1990 ein fünf Seiten langer und sehr wahrer Artikel den damaligen Polit- und Intrigenstadl der hiesigen SPD beleuchtete: "Karriere, Komplott und Konspiration - wie es die Sozis machen".

Werner Schöppner kann sich darüber nicht mehr freuen oder ärgern, je nachdem: Der Essener, der in späteren Jahren nach Dortmund umgezogen ist, stirbt im Januar 1983. "Malefiz" dagegen feiert in diesem jahr sein 50-jähriges Jubiläum. 50 Jahre gemein sein, 50 Jahre Mitspieler ausbooten, 50 Jahre Hürden bauen und einreißen. Wenn der Titel nicht schon vergeben wäre, könnte man sagen: 50 Jahre das Spiel des Lebens."Räume oder warte"? Findet keinen Anklang. Auch Werner Schöppners Alternativnamen "Bleib ruhig", "Sperrenknacker" und "Die roten Stopper" gefallen Spieleverleger Karl Maier nicht. Der schreibt dem Erfinder am 3. November 1959: "Was nun die Wahl des Titels betrifft, so bin ich mehr durch Zufall auf einen vielleicht ganz originellen und passenden Titel gestoßen. Meine Frau sagte mitten in einem Spiel: ,Du bist jetzt doch ein Malefiz´, als ich ihr alle Positionen wegnahm, und da kam mir dann plötzlich, ob man nicht vielleicht das Spiel einfach ,Das Malefiz-Spiel´ heißen soll. Malefiz hat ja eine doppelte Bedeutung: eine weniger gute von male ficere (Böses tun, die Red.), und dann - übertragen - wird einer so benannt, den man (im Lexikon) mit der oberdeutschen Bezeichnung Malefizkerl = Hauptkerl, Draufgänger usw. bezeichnet. An sich trifft die Bezeichnung auch in beiden Fällen nicht übel zu..."

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