300.000 Briefe blieben gestern liegen

Rund drei Millionen Briefe verlassen jeden Tag das Briefzentrum in Essen. Nicht so gestern. Denn Verdi hat alle Mitarbeiter aufgerufen, die Arbeit in den 14 Briefverteilzentren in Nordrhein-Westfalen von Donnerstag 22 Uhr bis Samstag 3 Uhr niederzulegen. Grund: Die Deutsche Post hat Firmen gegründet, um die Tariflöhne absenken zu können. Das sei laut Verdi ein Vertragsbruch.

Alle Städte, bei denen die Postleitzahl mit 45 beginnt, erhalten Sendungen vom Briefzentrum in Essen und sind somit betroffen – neben Essen unter anderem Mühlheim, Recklinghausen und Gelsenkirchen. „Wir können nur durch eine Vertriebsstörung am Dreh- und Angelpunkt auch eine Wirkung erzielen“, betont Thomas Großstück, Gewerkschaftssekretär bei Verdi für die Sparte Postdienste. Heißt unterm Strich: Circa 300.000 Sendungen blieben allein gestern liegen. „Vereinzelte Arbeiter streiken nicht. Entweder, weil sie dem Aufruf nicht folgen möchten oder weil sie verbeamtet und somit nicht betroffen sind“, erklärt Großstück.

Doch was passiert, wenn wichtige Sendungen wie die Steuererklärung nicht zugestellt werden und somit die Frist bis zum 31. Mai nicht eingehalten werden kann? „Diejenigen, die zu einer Steuererklärung verpflichtet sind wie Gewerbetreibende oder Freiberufler haben noch bis zum 1. Juni Zeit, da der Abgabetermin auf einen Sonntag fällt“, sagt Anke Isenberg, Pressereferentin der Oberfinanzdirektion NRW und ergänzt, dass die Frist auf Antrag vom Finanzamt auch verlängert werden könne. Sofern die Steuererklärung durch einen Steuerberater erstellt wird, endet die Frist sogar erst Ende Dezember.

Alle, die einen Bußgeldbescheid erwarten, können hingegen nicht aufatmen. „Bisher ist die Stadt Essen so gut wie gar nicht betroffen gewesen“, meint Martin Rätzke, Pressereferent der Stadt Essen: „Sollte jemand einen Bußgeldbescheid erhalten, auf dem die Frist bereits abgelaufen ist, dann sollte sich derjenige umgehend telefonisch melden.“ Die Stadt sei auf den Streik eingestellt.

Heute, spätestens aber am Montag dürften alle liegen gebliebenen Sendung aufgearbeitet und verschickt worden sein. Doch ein Ende des Streiks könnte in weite Ferne rücken, wenn sich Verdi und die Deutsche Post in den Verhandlungen am 1. und 2. Juni nicht einigen können. Dann droht ein unbefristeter Ausstand.