30 Jahre nach Mord an Jungen (7) beschäftigt Fall die Justiz

Reproduktion des Zeitungsartikel aus der WAZ vom 24. April 1985
Reproduktion des Zeitungsartikel aus der WAZ vom 24. April 1985
Foto: Essen
Was wir bereits wissen
Am 22. April 1985 trifft Nara Michael seinen Mörder auf einem Spielplatz in Essen-Stadtwald. Einen Tag später findet die Polizei die Leiche.

Essen.. Ein schrecklicher Verdacht: Sitzt ein geistig Behinderter seit 30 Jahren unschuldig in der geschlossenen Psychiatrie, weil ihm zu Unrecht der Mord an einem Siebenjährigen in Essen angelastet wird? Diesen Verdacht äußert der Hamburger Rechtsanwalt Achim Lüdeke, der die Wiederaufnahme des Sicherungsverfahrens wegen Mordes fordert. Denn für den Mord vom 22. April 1985 gibt es seit 1997 das Geständnis eines anderen Mannes. Das Oberlandesgericht Hamm wies jetzt das Landgericht Dortmund an, dieses Geständnis in einer Beweisaufnahme zu prüfen.

Der Mord erschütterte die Region in den 80er Jahren. Am Montag, 22. April 1985, ging der kleine Nara Michael von der elterlichen Wohnung in Essen-Stadtwald zum Spielplatz. Er kehrte nie zurück. Nara Michael traf seinen Mörder, der ihn missbrauchte, erwürgte.

„Es bot sich das Bild eines Sexualverbrechens“

Mit Großaufgebot samt Hubschraubern hatte die Polizei das Gebiet um den Schellenberger Wald abgesucht. Am Dienstagmorgen fanden die Beamten Nara Michael nur 300 Meter von Zuhause entfernt, die Leiche des kleinen Jungen lag in einem Ilexgebüsch. „Es bot sich das Bild eines Sexualverbrechens“, erklären Mordkommission und Staatsanwaltschaft. Das Kind war teilweise entkleidet, hatte Verletzungen am Hals.

Den Wald durchkämmten 60 Polizeibeamte nach Spuren und Tatwaffe, berichtete die WAZ. Allein, es gab keine heiße Spur. Bis die Ermittler Hinweis Nr. 81 nachgingen, der sie zu einem Verdächtigen führte. Am 29. April 1985, während die Familie sich am Grab von Nara Michael verabschiedete, nahm die Polizei seinen mutmaßlichen Mörder fest: Dirk K., 21 Jahre alt, geistig behindert und aus der Nachbarschaft des Jungen.

An diesem Nachmittag schrie Nara Michael

Bei seiner Vernehmung erzählt er von seiner Begegnung mit Nara Michael auf dem Spielplatz: Der Junge stand allein vor der Rutsche. Dirk K. habe ihn angesprochen, doch der Siebenjährige lief weg. Der junge Mann eilte hinterher, holte Nara Michael ein, zerrte ihn ins Gebüsch. Laut Polizei soll der 21-Jährige sich bereits früher kleinen Jungen genähert und „bei günstiger Gelegenheit sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben“. Gewalttätig soll er bis dahin nie gewesen sein.

An diesem Nachmittag schrie Nara Michael. Da legte der 21-Jährige die Hände um den Hals des Kindes und würgte ihn, um nicht entdeckt zu werden, um ihn zum Schweigen zu bringen. So sagte Dirk K. es bei der Polizei aus, doch wiederholte er es vor Gericht nicht, stritt die Tat ab. Am 11. November 1986 aber wurde er nach zwei Prozesstagen wegen Mordes verurteilt und in die Psychiatrie eingewiesen.

Anwalt meldet neues Geständnis

Elf Jahre später meldet sich ein Anwalt bei den Ermittlern. Für den Mord an Nara Michael habe sein Mandant, der damals in der Therapie war, ein Geständnis abgelegt. Die Staatsanwaltschaft prüft die Aussage, stuft sie als bedeutungslos ein. Sie passe auch nicht zu den objektiven Gegebenheiten, bestätigt am Freitag die Essener Staatsanwältin Birgit Jürgens, heute Leiterin der Kapitalabteilung.

Danach ruht das Verfahren wieder – bis der Hamburger Anwalt Achim Lüdeke, spezialisiert auf Unterbringungsrecht, Kontakt zu dem in der Psychiatrie untergebrachten Dirk K. bekommt. Er hört von dem zweiten Geständnis, lässt sich die Akte kommen und bekommt erhebliche Zweifel an der Täterschaft von Dirk K..

Beim zuständigen Landgericht Dortmund fordert er die Wiederaufnahme des Essener Mordverfahrens. Er hält das zweite Geständnis für glaubhaft, es enthalte Täterwissen. Die Essener Staatsanwaltschaft hält davon nicht viel. Aber auch das Dortmunder Schwurgericht sieht die Argumentation des Anwaltes nicht als zwingend an, auf 26 Seiten weist es 2014 den Antrag in einem Beschluss zurück. Das reicht dem OLG Hamm nicht aus. Jetzt wird eine andere Kammer des Dortmunder Landgerichtes den Fall prüfen müssen.