3.600 Eltern verzichten aufs Betreuungsgeld

ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine junge
ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine junge
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Die Zahl der Familien, die die umstrittene „Herdprämie“ in Anspruch nehmen, liegt nur bei gut 2.400. Dabei gibt es sie auch dann, wenn das Kind in einer privaten Kindertagesstätte, von der Oma oder der netten Nachbarin betreut wird.

Essen. Monatlich überwiesen werden 150 Euro – den Spott gibt’s dann noch gratis obendrauf: Als „Herdprämie“ ist bei vielen das so genannte Betreuungsgeld verpönt, weil es vermeintlich alte Rollenbilder festigt: Der Mann geht zur Arbeit, die Frau kümmert sich um Küche und Kinder.

Es gibt aber auch andere Stimmen: Danach ist das Betreuungsgeld gerechte Entlohnung all jener Eltern, die ihr Kind selbst beaufsichtigen. Dabei zeigt ein Blick auf die lokale Statistik: Nur vier von zehn Essener Eltern rufen das ihnen zustehende Betreuungsgeld ab, alle anderen verschenken bares Geld, Monat für Monat.

Die exakten Zahlen: Eltern von 9016 Kindern zwischen Karnap und Kettwig haben einen Anspruch auf Betreuungsgeld, weil sich der Nachwuchs derzeit zwischen dem 15. und 36. Lebensmonat befindet.

Zieht man hiervon jene 2.901 Kinder ab, die in einer geförderten Kindertagesstätte (1.456 Kinder) oder einer Kindertagespflege (1.445 Kinder) unterkommen, bleiben noch 6115 übrig.

Für sie könnten Eltern das Betreuungsgeld bekommen, aber nur 2.442 tun es nach NRZ-Informationen aus dem Sozialamt tatsächlich. 3.673 Familien gehen damit leer aus. Freiwillig? Oder weil sie es nicht besser wissen?

Entscheidendes Kriterium für die Zahlung ist die Frage, ob das Kind in einer öffentlich geförderten Kindertagesstätte oder Kindertagespflege (auch Tagesmutter/-vater genannt) untergebracht ist – unabhängig von der Stundenanzahl.

Öffentlich gefördert heißt hier, dass das Jugendamt für Betreuungskosten aufkommt. Träger entsprechender Einrichtungen sind neben der Stadt die Awo, das Diakoniewerk, der Sozialverband katholischer Frauen und der Verband allein erziehender Mütter und Väter. Eltern zahlen nur einen einkommensabhängigen Beitrag an die Stadt Essen.

Wer das Betreuungsgeld beantragt, muss unterschreiben, dass sein Kind nicht parallel einen Platz in einer öffentlich geförderten Einrichtung hat. Ein Datenabgleich zwischen dem Sozialamt, das die Anträge bearbeitet, und den Kitas wie den Tagespflegern gibt es aber nicht. Immerhin, „wer wissentlich falsche Angaben in die Welt setzt, macht sich strafbar“, sagt Hartmut Peltz, der Leiter des Sozialamtes.

Besonders häufig gebe es folgenden Fall: Eltern warten auf ihren Wunsch-Kitaplatz oder wollen ihre Kinder erst ab drei Jahren von Erziehern betreut wissen. „In dieser Zeit nehmen sie dann das Betreuungsgeld in Anspruch“, sagt Hartmut Peltz. Wird bis zum 36. Lebensmonat ein Platz gefunden, wird das Betreuungsgeld abgesetzt.

Der Spott über die „Herdprämie“ mag manchen auch in die Irre geführt haben. Denn wer Betreuungsgeld bezieht, ist keineswegs dazu verpflichtet, sein Kind ausschließlich selbst und zuhause zu betreuen. „Es gibt keine Vorschrift, wofür das Betreuungsgeld dann verwendet werden muss“, sagt Hartmut Peltz vom Sozialamt. Ob das Kind bei der Oma, bei einer Freundin oder in einer privaten Einrichtung bleibt – das ist egal, immer darf man das Geld parallel beziehen.

Laut Bundesfamilienministerium ist das Betreuungsgeld eben eine Leistung für Eltern, „die für ihr Kind keine frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in Kindertagespflege in Anspruch nehmen.“ Da sich das aber nur auf die öffentlich geförderten Einrichtungen bezieht, ist eine frühkindliche Förderung in einer privaten Kita und gleichzeitig Betreuungsgeld für das Kind zu bekommen, paradoxerweise gestattet.

Rundum-Betreuung gibts auch privat

Das wissen nicht alle Eltern, wie die Leiterin einer privaten Kita festgestellt hat. „Wir geben den Eltern immer auch den Tipp, Betreuungsgeld zusätzlich zu beantragen. Man ist ja dumm, wenn man es nicht tut“, sagt die Erzieherin, die namentlich nicht genannt werden möchte.

In ihrer Einrichtung betreut sie mit ihrem Team 15 Kinder im Alter von vier Monaten bis sechs Jahren. Wochentags steht die Tür von sieben bis 18 Uhr offen. Auch die private Kita brauche eine Betriebserlaubnis, betont Jürgen Schroer vom Jugendamt Wer regelmäßig fremde Kinder betreue, müsse Auflagen erfüllen, ein Konzept vorlegen und die Qualifikation erbringen. Private Spielgruppen, die sich einmal die Woche treffen, und Nachbarschaftshilfe bei der Kinderbetreuung sind dagegen nicht Sache des Jugendamtes.

Ist es denn möglich eine Betreuung mit dem Betreuungsgeld zu finanzieren? Also die 150 Euro zu beziehen und damit die private Kita oder Tagespflege zu finanzieren?

„Nein“, lautet die Antwort der Leiterin. „Damit kommt man bestimmt nicht hin.“ Da der öffentliche Zuschuss fehlt, müssen alle Kosten auf die Eltern umgelegt werden. Inge Losch-Engler, Sprecherin des Landesverbandes Kindertagespflege, geht dabei von einem Stundensatz von sechs bis sieben Euro aus. Das kann aber jede Einrichtung individuell entscheiden.

So kann es auch passieren, dass manche Kitas für die lieben Kleinen schon mal monatlich bis zu 1.000 Euro verlangen. Auch wenn das Betreuungsgeld für diese Kitas in der Regel nicht reicht, die Oma, die Nachbarin oder die beste Freundin – sie alle würden sich über zusätzliche 150 Euro für die Kinderbetreuung bestimmt freuen.

Das Betreuungsgeld

Etwa 3.400 Anträge auf Betreuungsgeld wurden seit Einführung im August 2013 gestellt. Voraussetzung für den Anspruch ist: Das Kind muss nach dem 31. Juli 2012 geboren worden und zwischen dem 15. und 36. Lebensmonat alt sein. Das zu versteuernde Einkommen bei Paaren darf 500.000 Euro nicht überschreiten. Gezahlt werden als Betreuungsgeld 150 Euro monatlich.