15-jährige lernt mit Flüchtlingskindern in Essen

„Mathe klappt richtig gut“ – Janina Quanz rechnet mit den Kindern aus Syrien nicht nur, sondern hilft ihnen auch dabei, Deutsch zu lernen.
„Mathe klappt richtig gut“ – Janina Quanz rechnet mit den Kindern aus Syrien nicht nur, sondern hilft ihnen auch dabei, Deutsch zu lernen.
Foto: Foto: Jakob Studnar / FUNKE Foto Services
Janina Quanz (15) unterstützt syrische Kinder bei den Hausaufgaben und lernt mit ihnen Deutsch. Nun ist sie eine Kandidatin für den Solidaritätspreis.

Essen.. Zwei Mal in der Woche schnappt sich Janina Quanz ihr Federmäppchen und macht sich auf den Weg zur Hatzper Straße. Nicht, um dort über mathematischen Gleichungen und Gedichtsanalysen zu brüten. Die 15-Jährige hilft den Kinder in der Haarzopfer Flüchtlingsunterkunft bei ihren Hausaufgaben, lernt mit ihnen Deutsch, bastelt oder spielt mit ihnen. Ehrenamtlich.

Janina hat es nicht weit bis zu dem Übergangsheim auf dem Gelände der ehemaligen Grundschule; sie wohnt nur ein paar Häuserblocks entfernt. Dennoch taucht sie bei jedem Besuch ein in eine andere Welt. Trifft Menschen, die geprägt sind von Armut, Schrecken und Angst. Ein halbes Jahr lang kümmerte sie sich um die Brüder Achmed und Sarkubon, die mit ihrer Familie aus Aleppo geflohen sind – die Stadt im Norden von Syrien ist seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges umkämpft, die Bilder von dort zeigen Zerstörung, große Teile der Bevölkerung sind geflohen.

Mathe fällt den Kindern leichter

Die beiden Brüder gehen in Essen auf eine gewöhnliche Grundschule, obwohl sie anfangs kein Wort Deutsch sprachen. Janina bastelte ihnen ein Memory, mit Wörtern und Bildern passend zu dem, was sie gerade in der Schule gelernt haben. „Die Jungs sind sehr intelligent“, erzählt die Schülerin. Hund, Haus, Ente – ein paar Grundbegriffe hatten Achmed und Sarkubon schnell drauf. Noch leichter fielen ihnen Zahlen. „Mathe klappte schon richtig gut.“ Über die Schicksale der Kinder weiß sie nicht viel, ein paar Brocken Deutsch reichten eben nicht aus, um die Erfahrung einer Flucht aus der Heimat begreifbar zu machen. Das Mädchen hat ihnen aber angesehen, dass sie Schreckliches erlebt haben müssen. „Einer der Jungen hat in der ganzen Zeit nur zwei Mal gelacht.“

Mittlerweile sind die Brüder nicht mehr in der Unterkunft untergebracht, sie durften mit ihren Eltern in eine eigene Wohnung umziehen. Janina half beim Umzug, organisierte zusammen mit anderen die Grundausstattung: Geschirr, Sofa, ein Bett. „Sie hatten ja selber nichts.“ In dem Heim lebte die Familie in einem alten Klassenraum, unterteilt mit einer Holzwand. Mit den Jungs lernt Janina jetzt nicht mehr, die Arbeit geht ihr aber nicht aus. Seit der vergangenen Woche unterstützt sie zwei syrische Mädchen bei den Schulaufgaben.

Erst Skepsis, dann Begeisterung

Mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz ist Janina eine Exotin und an der Hatzper Straße die einzige Jugendliche. Dabei hat die 15-Jährige ohnehin schon ein ziemlich gut gefülltes Wochenprogramm: Trainiert eine Mädchen-Mannschaft im Haarzopfer Handballverein, ist Stufensprecherin des Goethe-Gymnasiums in Essen-Bredeney, geht zum Sporttanz und zum Ballet.

Im vergangenen Sommer wurde sie dann von ihrer Lehrerin Nadine Lietzke-Schwerm gefragt, ob sie nicht Lust hätte, die Flüchtlingskinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Zuerst war Janina skeptisch, erinnerte sich an einen Vorfall in der Nähe einer anderen Asyl-Unterkunft. „Dort wurde ein Freund von mir mit einem Messer bedroht“, sagt sie. „Außerdem war meine Mutter dagegen.“ Ihre Mitschüler? Zwiegespalten. Viele können sich bis heute nicht vorstellen, so etwas zu machen. Schließlich nahm Janina den Vorschlag ihrer Lehrerin an, besuchte die Flüchtlinge – und war sofort begeistert. „Das sind alles so nette Menschen.“

Es geht bei ihrem Einsatz längst nicht nur um Hausaufgaben. Als Sozialarbeiter vor Weihnachten einen Baum aufstellten, an den die Bewohner einen Zettel mit ihren Wünschen hängen sollten, wurde Janina auf ein Mädchen in ihrem Alter aufmerksam. Rezma schaute sie mit riesigen Augen an – und bei ihrem Wunsch prallten die Welten drastisch aufeinander. „Sie hat sich Schulsachen gewünscht“, erzählt Janina. „Das war beeindruckend.“ Sie kaufte von ihrem Taschengeld eine Ausstattung und schenkte sie dem Mädchen. Der Dank war gleichzeitig Motivation: Ein großes Lächeln und ehrliche Freude.

Weitere Vorschläge?

Kennen Sie auch jemanden der sich für Flüchtlinge engagiert und für den Solidaritätspreis in Frage kommt? Schlagen sie ihn vor, die Auszeichnung der NRZ und der Freddy Fischer-Stiftung ist insgesamt mit 9.500 Euro dotiert. Bewerbungen bitte an: Freddy Fischer Stiftung, Severinstraße 20, 45127 Essen oder an die NRZ-Lokalredaktion, Friedrichstraße 34-38, 45128 Essen, oder per Mail: lok.essen@nrz.de