Zwiespalt zwischen Nähe und Distanz

Beim Kennenlerntreffen der Gevelsberger Flüchtlingspaten berichteten die Ehrenamtlichen über ihre Erfahrungen und Probleme.
Beim Kennenlerntreffen der Gevelsberger Flüchtlingspaten berichteten die Ehrenamtlichen über ihre Erfahrungen und Probleme.
Foto: Jacqueline Stork

Gevelsberg..  170 Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Nationen leben derzeit in Gevelsberg. Gut ein Drittel von ihnen sind Kinder. Damit ihnen der Start in ihr neues Leben in Gevelsberg etwas leichter fällt, gibt es inzwischen erste Flüchtlingspaten.

Nach einer Qualifizierungsmaßnahme kümmern sich Gevelsbergerinnen und Gevelsberg ehrenamtlich um die Neuankömmlinge. Sie helfen bei ganz alltäglichen Dingen, erklären Briefe vom Amt oder begleiten den Flüchtling zum Arzt, um Ängste und Sprachbarrieren zu verringern. Dass das nicht immer leicht ist, weiß Bürgermeister Claus Jacobi: „Es ist eine harte Aufgabe, die belastend sein kann, weil man sie teilweise mit in sein Privatleben nimmt.“ Diesen Zwiespalt zwischen Nähe und Distanz beschreibt auch Christiane Tovar beim ersten Kennenlerntreffen der Flüchtlingspaten. An diesem Runden Tisch sollten die ehrenamtlichen Helfer die Möglichkeit bekommen, sich über ihre Arbeit und Sorgen auszutauschen. Christiane Tovars „Patenkind“, wie sie selbst den 29-jährigen Flüchtling aus Somalia liebevoll nennt, war vier Jahre auf der Flucht. „Ich würde ihn am liebsten morgens zum Frühstücken einladen“, sagt Tovar. Gleichzeitig weiß sie, dass der 29-Jährige aber sein Leben selbst organisieren muss. Mittlerweile hat sich eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt und auch Christiane Tovars Tochter ist von dem Somalier begeistert. „Es war für beide eine ganz tolle Begegnung“, erinnert sich die Flüchtlingspatin.

Solch besondere Momente haben viele der Flüchtlingspaten mit ihren Schützlingen bereits erlebt. „Obwohl diese Menschen selbst kaum etwas besitzen, bieten sie einem sofort etwas zu Essen und Getränke an“, erklärt Patrizia Plaege. Sie unterstützt eine afghanische Mutter mit zwei Kindern, die über die Alpen zu Fuß bis nach Deutschland geflohen sind. Jeder Flüchtling hat seine eigene Geschichte, die teilweise die Paten belastet.

An diesem Punkt versuchen Jasmin Breer und Alexandra Konstantinopoulos vom Büro für Vielfalt und Zukunftschancen zu helfen. Sie organisieren das Projekt und stehen den Paten zur Seite. Ganz besonders schwer ist häufig die Verständigung. „Im Januar haben wir begonnen, einen Dolmetscher-Pool aufzubauen, um die Sprachbarrieren zu verringern“, erklärt Jasmin Breer. Mittlerweile deckt dieser Pool 18 Sprachen ab.

Weitere Dolmetscher gesucht

Es werden aber noch weitere Dolmetscher gesucht. Aber nicht nur die Sprache, auch kulturell bedingte Unterschiede sind eine Herausforderung. „Ich musste erst einmal lernen, dass man sich in Nigeria nicht lange in die Augen schaut, weil das unhöflich ist“, erinnert sich Flüchtlingspatin Rita Weustenfeld.

Dass sich die Flüchtlinge sehr engagieren, hat Andrea Rosteck erlebt. Sie unterstützt eine Familie aus dem Kosovo. „Der Mann hat die komplette Wohnung gestrichen und er sucht händeringend nach Arbeit“, erklärt Weustenfeld. Bis er allerdings eine Arbeitserlaubnis erhält, ist es noch ein weiter Weg.

Eine Sorge eint alle Flüchtlingspaten: „Wir wissen nicht, ob sie bleiben dürfen, da ist es nicht immer einfach, eine Beziehung auszubauen.“ In den Flüchtlingsunterkünften gibt es auch Probleme. „Es ist nicht alles rosa-rot, nicht alles funktioniert reibungslos“, gesteht Bürgermeister Claus Jacobi ein. „Manche Flüchtlinge haben Schwierigkeiten, sich hier einzuleben, teilen nicht immer unsere Werte“, so Jacobi weiter.

Immerhin, 60 Prozent der Flüchtlinge haben bereits einen Deutschkurs belegt. „Die Strategie, die Flüchtlinge so schnell wie möglich in private Unterkünfte zu vermitteln, ist richtig“, ist sich Michael Pfleging, Fachbereichsleiter Bildung Jugend und Soziales, sicher. „Öffentliche Strukturen machen den meisten Flüchtlingen Angst. Deshalb sind Paten so wichtig und ermöglichen eine positive Entwicklung“, sagt Claus Jacobi.