„Wir haben kaum einen Kratzer abbekommen“

Lennart Wiemer bekommt die Zerstörung und Verzweiflung in Kathmandu hautnah mit. Und ist dennoch beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen.
Lennart Wiemer bekommt die Zerstörung und Verzweiflung in Kathmandu hautnah mit. Und ist dennoch beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Schwelmer Lennart Wiemer war auf einer Tattoo-Convention in Kathmandu, als das Erdbeben Nepal überraschte und ins Chaos stürzte. Im Interview erzählt er, wie es sich anfühlt, die Katastrophe überlebt zu haben.

Schwelm/Nepal..  Heute vor genau zwei Wochen bebte in Nepal die Erde. Mit dabei war auch der 25-jährige Tätowierer Lennart Wiemer aus Schwelm, der mit zwei Arbeitskollegen an einer Tattoo-Convention in Kathmandu teilnahm. Mit unserem Mitarbeiter und seinem Abi-Kollegen Jan Schulte hat der Schwelmer sich zum Interview getroffen.

Lennart, Du bist bei dem schlimmen Erdbeben in Nepal dabei gewesen. Wie geht es dir jetzt, wo du wieder zu Hause bist?

Lennart Wiemer: Soweit, so gut. Hier ist ja alles nicht mehr so schlimm. Wir sind jetzt erst einmal froh, raus zu sein. Jetzt akklimatisiert man sich. Zumindest ein bisschen.

Was war denn der Grund deiner Reise in den Himalaya?

Wir wollten zur Tattoo-Convention, wo wir auch selber tätowiert haben. Das ging auch soweit, aber eben nur einen Tag. Dann kam das Erdbeben.

Tattoo-Convention 2015 in Kathmandu – für dich letztlich ein Albtraum?

Nein, das kann man so nicht sagen. Es war nicht vorhersehbar. Man nimmt das dort auch nicht so krass wahr. Wir haben auch nach dem ersten Erdbeben gefragt, ob es jetzt noch weitergehen würde oder nicht. Erst im Nachhinein haben wir realisiert, was da eigentlich passiert ist.

Was hast du in dem Moment, als die Erde bebte, gedacht und wo warst du da gerade?

Wir waren auf dem Vordach der Convention, um eine Zigarette zu rauchen. Und wir haben erst gedacht: „Wer schmeißt denn jetzt hier so einen großen Generator an?“ Dann haben wir aber festgestellt, dass die ganze Erde wackelte. Man denkt dann erst mal nichts mehr. Man merkt nur, wie das ganze Blut runter rauscht und man versucht, erst einmal cool zu bleiben. Der nächste Gedanke ist dann: Wo steht man hier sicher und wo nicht?

Wie groß war die Gefahr für euch selbst und wurdest du verletzt?

Wir hatten alle echt viel Glück und haben kaum einen Kratzer abbekommen – außer ein paar Leuten, die vor Panik aus dem Hotel herausgesprungen sind. Die haben sich einige Brüche zugezogen oder waren schlimmer verletzt. Wie groß die Gefahr für uns war, das können wir, glaube ich, gar nicht mehr nachempfinden oder richtig fassen. Wir hatten Glück, dass wir in einem nicht so dicht bebauten Gebiet waren.

Hattest du Angst?

Nein, eigentlich gar nicht. Man ist erst mal so überfordert von der Situation, dass man wirklich nur „Step by step“ denkt. Eher ist man so unter Schock, dass man nur noch funktioniert. Es reduziert sich wirklich nur auf die Grundinstinkte.

Wie ging es nach dem Beben weiter, wie habt ihr euch verhalten?

Wir haben überlegt, was am schlausten ist, als Nächstes zu tun. Das ging dann so in die Richtung „Wasser auftreiben, Essen auftreiben“ und schauen, was eigentlich passiert ist und welche Ausmaße das hatte. Man selbst sieht nur das, was da vor einem ist. Es gab ja kein Internet mehr. Man musste sich also erst mal selbst organisieren und gucken, dass man an einen sicheren Ort kommt.

Du bist jetzt seit gut anderthalb Wochen zurück in Schwelm. Hast du schon begriffen, was geschehen ist und welches Glück du hattest?

Wir haben sehr viel Zerstörung wahrgenommen, teilweise aber auch Areale, die gut erhalten waren. Jetzt, wo man wieder hier ist, sieht man erst einmal die Ausmaße. Wir haben jetzt verstanden, dass wir Glück hatten. Aber alles zu realisieren, wird, denke ich, noch einige Zeit dauern.

Wann und wie konntest du deine Angehörigen informieren, dass alles gut ist? Die waren doch sicher in großer Angst um dich?

Nach dem Erdbeben sind erst mal alle rausgelaufen und haben dann realisiert, dass die ganzen persönlichen Sachen noch in dem Convention-Raum waren. Dann sind wir zwischen zwei Beben wieder rein und haben alles rausgeholt. Auf dem Handy waren zum Glück noch ein paar Prozent Akku. Nach einer halben Stunde hat es funktioniert, eine SMS rauszuschicken. Ich habe dann allen geschrieben, dass wir soweit in Sicherheit waren.

Die Infrastruktur in Nepal war in großen Teilen überlastet oder ganz zerstört. Wie ist es euch gelungen, aus Kathmandu herauszukommen?

Das war nicht so einfach. Unser Flug ging ja erst eine Woche später. Und wir wollten da nicht noch so lange bleiben, weil wir auch kein Hotel mehr hatten. Wir konnten dann zwischen zwei Beben ein Ticket buchen, was aber ziemlich überteuert war. Ob das dann alles klappen würde, war nicht gewiss, weil der Flughafen ja immer mal wieder geschlossen wurde. Mit ein bisschen Wartezeit hat dann aber alles geklappt.

Wann hast du dich zum ersten Mal nach dem Beben wieder sicher gefühlt?

Sicher fühlt man sich eigentlich nie. Das erste Mal war, als wir von ein paar Nepalis zu einer Wiese gebracht wurden, wo wir mit anderen Tätowierern sprechen und etwas zur Ruhe kommen konnten. So richtig sicher fühlten wir uns erst hier in Deutschland wieder.

Wie hast du die Situation in Nepal nach der Katastrophe wahrgenommen? Wie klappte die Kommunikation und die Versorgung?

Man hatte überhaupt keine Infos, wusste gar nicht, was abgeht. Die Botschaft war auch nicht zu erreichen. Man hatte aber Glück, dass hier und da tatsächlich noch ein Restaurant geöffnet hatte. Wobei das auch ziemlich obskur war, sich da hinzusetzen und ein bisschen was essen zu können. Was man immer im Blick haben musste, war, irgendwie an Wasser zu kommen. Dafür musste man teilweise weit laufen.

Wie war die Szenerie nach dem Erdbeben, wie sah es aus?

Die Straßen waren leer, das ist sehr untypisch. Man hat da keinen Menschen mehr gesehen. Wenn doch, dann sind alle schnell gehuscht und haben geguckt, dass sie wegkommen.

Was war für dich das Prägendste, das Schlimmste überhaupt?

Ich denke, das schlimmste Bild war, als wir auf dem Weg zum Hotel am sonst viel belebten „Durbar Square“ vorbeikamen. Da sind ganz viele Bauwerke zerstört worden. Diese Kombination aus den zerstörten Kulturstätten, unter denen noch so viele Menschen lagen und teilweise noch Arme aus den Trümmern herausragten, wo die Nepalis nichts anderes machen konnten, als daneben zu stehen und mit bloßen Händen darin herumzukramen, das war das schlimmste Bild. Das Schönste war, dass gerade diese Menschen bereit waren, zu helfen und einem zum Beispiel Wasser gaben.

Nimmst du, trotz allem, auch andere schöne Erinnerungen aus Kathmandu mit?

Auf jeden Fall. Allein der Tag vor dem Erdbeben war echt schön. Es ist da halt anders, total durcheinander. Man muss das mögen. Was man aber mitnehmen kann, ist die Art der Leute. Die sind so hilfsbereit, so herzlich. Das werde ich nie vergessen.

Wie waren denn die anderen Touristen drauf?

Einige standen unter Schock, andere nahmen es mit Fassung. Was im Gedächtnis bleibt, ist, wie man sich voneinander verabschiedet. Man wusste ja nicht, was in der Zwischenzeit passiert. Deswegen hat man sich von jedem so verabschiedet, als ob man sich nicht mehr wiedersehen wird. Das Sprichwort war dann immer „Take care“.

Inwiefern ist „Take care“ etwas für dich geworden, das dich dein Leben lang begleiten wird?

Das war für mich so prägend und so eingängig, dass ich mir das nach der Rückkehr direkt habe tätowieren lassen. Vor allem an einer Stelle, die man immer sehen kann. Deswegen ist es über meiner linken Augenbraue. Damit man dem nicht entgehen kann.

Welchen Tipp hast du, wenn man von Deutschland aus helfen möchte?

Mein Tipp ist, dass man sich ein bisschen informiert, wohin man am besten spendet. Ich denke, UNICEF macht da einen ganz guten Job. Besser ist es aber, an kleinere Organisationen oder an Privatleute etwas zu schicken, wo man weiß, dass die in Ordnung sind. Ob man an die Regierung selbst spenden sollte, halte ich für fragwürdig. Hier und da haben die noch mit Korruption zu tun.