Textor vermutlich Nazi-Denunziant

Professor Dr. Ulrich Pfeil  weiß über Ennepetal ersten Bürgermeister Dr. Fritz Textor (Bild) einiges zu berichten.
Professor Dr. Ulrich Pfeil weiß über Ennepetal ersten Bürgermeister Dr. Fritz Textor (Bild) einiges zu berichten.
Foto: Hans Hermann Pöpsel

Ennepetal..  Es war schon ein seltener Zufall, den die Kulturgemeinde Ennepetal da erlebte: Sie hatten den Wissenschaftler und Frankreichkenner Professor Dr. Ulrich Pfeil aus Metz zum Vortrag über den Deutsch-Französischen Vertrag in das Reichenbach-Gymnasium eingeladen. Weil Pfeil aber so gut wie nichts über Ennepetal wusste, suchte er im Internet und stieß dort auf den Namen des ersten Ennepetaler Bürgermeisters. Und dieser Dr. Fritz Textor sagte ihm etwas: Er kam nämlich bereits vor einigen Jahren in einer von Pfeils Forschungsarbeiten vor – als Denunziant in der Nazi-Zeit.

Noch vor seiner Rede in Ennepetal suchte der Historiker daher über Ulrich Montag von der Kulturgemeinde den Kontakt zum Arbeitskreis Ennepetaler Stadtgeschichte. Dessen Vorsitzender Hans Hermann Pöpsel, ebenfalls Historiker, wunderte sich über einen weiteren Zufall, denn Renate Hülsenbeck, eine Mitarbeiterin des Arbeitskreises, arbeitete gerade an einem Aufsatz über das Leben Fritz Textors, der in den nächsten „Ennepetaler Forschungen“ erscheinen soll. Pöpsel traf sich mit dem in Hamburg geborenen Professor und stellt im Folgenden dar, was der Wissenschaftler seinerzeit über Textor ermittelte und aufschrieb. Die Vergangenheit des ersten Bürgermeister Ennepetals in der NS-Zeit hat dunkle Seiten.

Arbeit über Dr. Hübinger

Professor Pfeil war vor sieben Jahren an einem Sammelband über die Geschichte des Deutschen Historischen Instituts in Paris beteiligt. Pfeil befasste sich darin mit dem Historiker Paul Egon Hübinger, der aus dem katholischen Milieu des Niederrheins stammte und deshalb dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stand. Hübinger konnte wie ähnlich denkende Wissenschaftler zwar an der Universität in Bonn seinen Doktortitel erwerben, doch statt einer anschließenden wissenschaftlichen Laufbahn, wie er das wünschte, wurde er ins Zentralarchiv nach Koblenz und später nach Kiel abgeschoben.

Er versuchte, mit Hilfe befreundeter Professoren eine Habilitation, also eine Lehrbefugnis mit späterer Professur zu erreichen. Im Jahr 1943 wurde Hübingers Absicht jedoch durch den Nationalsozialistischen Dozentenbund Bonns vereitelt, weil der katholische Wissenschaftler nicht in die NSDAP eingetreten sei und sich auch keiner anderen Parteigliederung angeschlossen habe, wie es in einem Brief an den Rektor hieß. Der lehnte Hübingers Gesuch deshalb ab, „bis mir Unterlagen positiver Natur in politisch-weltanschaulicher Richtung über Herrn Dr. Hübinger zugehen“.

Paul Egon Hübinger vermutete dahinter eine gezielte Denunziation, was ihm auch sein Doktorvater Fritz Kern in einem Brief von Dezember 1943 bestätigte: Kerns nach dessen Aussage „schlechtester Doktorand“, nämlich Fritz Textor, stecke hinter der Denunziation. Der Bonner Geschichtsdozent Dr. Textor gehörte laut eigenem Lebenslauf der SA an und wurde bereits seit dem 1. Mai 1937 als Mitglied der NSDAP unter der Nummer 5310174 geführt, wie Professor Pfeil ermittelte.

In einem Neujahrsgruß an seinen Doktorvater hatte Textor bereits 1941 geschrieben: „Möge es uns auch sichtbar dem Endsieg näher rücken. Ich erhielt heute die fast sichere Gewissheit, dass ich noch in diesem Winter zur Truppe versetzt werde. Ich hoffe und wünsche, dass ich auf diese Weise auch zur kämpfenden Truppe komme und nicht in der Heimat oder in irgendeinem besetzten Gebiet lande. Wir müssen allmählich alles einsetzen, um dem Krieg notfalls mit Gewalt ein Ende zu machen.“

Kern zeigte sich gegenüber Hübinger angewidert. Er habe seinerzeit dem Denunzianten „stumm die Tür gewiesen“. Nach der Befreiung wendeten sich das Blatt auch für viele ehemalige Nazis.

Dr. Textor trat unmittelbar nach dem Krieg der neuen FDP bei, die im Amt Milspe-Voerde bei der ersten Kommunalwahl nach 1945 fast 25 Prozent erreichte. Er wurde Amtsbürgermeister und nach der Stadtgründung auch der erste Ennepetaler Bürgermeister. Nach seiner NS-Vergangenheit wurde nicht gefragt.

Seit 1937 Mitglied der NSDAP

Der durch Textor so sehr geschädigte Dr. Hübinger konnte seine Habilitation nachholen. Er wurde Professor in Bonn und später unter seinem langjährigen Freund, dem damaligen Bundes-Innenminister Gerhard Schröder (CDU), als Ministerialdirektor in der Regierung mit den Deutsch-Französischen Kulturbeziehungen betraut.

Er stieg „zu einem der bedeutendsten Wissenschaftspolitiker“ der jungen Bundesrepublik auf, wie Ulrich Pfeil schreibt, und auch die Begründung der Deutsch-Französischen Freundschaft durch den entsprechenden Vertrag hat Professor Paul Egon Hübinger viel zu verdanken.