„Terroristen missbrauchen unsere Religion“

Aufeinander Zugehen leicht gemacht: Erst in dieser Woche war die Katholische Grundschule zu Gast in der Moschee an der Bahnhofstraße.
Aufeinander Zugehen leicht gemacht: Erst in dieser Woche war die Katholische Grundschule zu Gast in der Moschee an der Bahnhofstraße.
Foto: WP

Schwelm..  Die türkisch-islamische Gemeinde zu Schwelm (DiTiB) setzte gestern in den Redaktionsräumen dieser Zeitung ein großes Ausrufezeichen gegen Hass und Gewalt und für Toleranz, Religions- und Meinungsfreiheit, gegenseitigen Respekt und vor allem für eines: Zusammengehörigkeit, um Extremisten die Stirn zu bieten. Gleichzeitig schlossen die Muslime mit den Vertretern der christlichen Kirchen und den Politikern ein Bündnis für den Frieden.

Treffen in der Redaktion

Als Osman Nuri Yilmaz, bei DiTiB für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, sein Vorsitzender Mehmet Konduoglu und der neue Imam Levent Cihangir nach den feigen Morden an Mitarbeitern des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ darum baten, eine Stellungnahme in unserer Redaktion abzugeben, waren sie sofort herzlich willkommen. Sie luden zudem Vertreter der Kirchen und der Politik sowie Sven Flügge, den Kontaktbeamten der Kreispolizeibehörde zu den muslimischen Institutionen, ein. Auch hier mussten sie niemanden lange bitten.

Leben niemals antasten

Der Imam eröffnete das Treffen mit einer Sure aus dem Koran, bevor Osman Yuri Yilmaz die Stellungnahme mit Worten einleitete, die den Standpunkt der Schwelmer Muslime besser nicht auf den Punkt bringen könnten: „Ich bin davon überzeugt, dass diese Terroristen keine gläubigen Menschen sein können. Sie missbrauchen unsere Religion.“

Ihrem Glaubensbekenntnis nach habe niemand das Recht, an der Stelle Allahs zu handeln, geschweige denn über das Leben anderer zu richten. Der Islam sei eine Religion des Friedens. „Wir müssen als Religionsgemeinschaft deutlich machen, dass wir uns mit unserem Glauben und unseren Gemeinden für die Freiheiten und das Leben eines jeden einsetzen. Denn der freie Wille und die Freiheit, danach zu handeln ist ein Geschenk Allahs an die Menschheit“, führte Yilmaz aus. Daher sei der Terroranschlag auf das Leben von Medienschaffenden ein Anschlag auf „die tragenden Pfeiler nicht nur der französischen, sondern auch unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung.“

Das heiße noch lange nicht, dass immer alle einer Meinung sein müssen. Ganz im Gegenteil. Debatten, Streits, Kritik an Berichterstattung, auch gerichtliche Auseinandersetzungen gehörten zum Leben dazu, „niemals jedoch darf die körperliche Unversehrtheit oder das Leben eines Menschen wegen seines Glaubens oder seiner Meinung angetastet werden.“

Volle Unterstützung

Doch trotz dieser klaren Bekenntnisse in der ganzen Welt, werden Muslime – Stichwort Pegida – von ebensolchen Extremisten, wie sie sie selbst verurteilen, unter Generalverdacht gestellt. „Wir erleben daher mit großer Erleichterung, wie in den letzten Wochen zehntausende Menschen für uns, mit uns, für die Einheit unserer Gesellschaft in Vielfalt und Gleichberechtigung demonstrieren“, so der DiTiB-Mann, und weiter: „Sie setzen damit in Zeiten, in denen Hassprediger und Provokateure uns zu spalten versuchen, ein deutliches Zeichen. Das gibt unseren Gemeinden Hoffnung in einer Zeit, in der sich Angriffe auf Muslime bis hin zu Brandanschlägen auf Moscheen noch einmal dramatisch gesteigert haben. Denn wir gehören zusammen!“

Worte, die sämtliche Anwesende in vollem Umfang unterstrichen und im ausführlichen Dialog sogar noch ausweiteten. Fazit: Extremismus – egal welcher Ausprägung – darf in unserer Gesellschaft, darf in Schwelm keinen Nährboden finden.

Dazu will die türkisch-islamische Gemeinde beitragen. „Unsere Aufgabe ist es, den Menschen den Glauben richtig und friedlich beizubringen. Dafür setzen wir Imame uns ein“, sagte Levent Cihangir, der mit einer Sure 5, Vers 32 endete: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“