Technische Perfektion und unglaubliches Gefühl

15. Gitarrenfestival in Gevelsberg Meisterkonzert in der Erlöserkirche. Konzert von David Dyakow aus Bulgarien
15. Gitarrenfestival in Gevelsberg Meisterkonzert in der Erlöserkirche. Konzert von David Dyakow aus Bulgarien
Foto: WP

Gevelsberg..  Großartige Saitenkunst wurde den Besuchern in dieser Woche in der Erlöserkirche geboten. Die großen Könner an der Gitarre – und der Mandoline – zeigten bei den Meisterkonzerten im Rahmen des 15. Internationalen Gitarrenfestivals Gevelsberg, was aus ihrem Instrument herauszuholen ist. Eine enorme stilistische Vielfalt und ein Programm von Bach, Mozart und Schubert bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen war im wunderbaren Klangraum der Kirche zu hören. Erfreulicherweise steigerte sich die Zuhörerzahl von Abend zu Abend.

Thomas Müller-Pering

Seit bald 40 Jahren ist Thomas Müller-Pering auf den ganz großen Bühnen dieser Welt unterwegs. Zu Recht! In Gevelsberg zeigte er, was auf der klassischen Gitarre möglich ist und lebt dabei von krassen Gegensätzen. Optisch unbeteiligt, fast reglos saß er im Altarraum, man hätte meinen können, gar gelangweilt. Doch was er seinen sechs Saiten entlockte, war technisch ohnehin perfekt und gleichzeitig von unglaublichem Gefühl getragen. Stets mit perfekt abgestimmter Intensität – und dem zeitweise draußen donnernden Gewitter zum Trotz – ließ er die Saiten erklingen, zeigte eine Dynamik, die stets die Stimmung der jeweiligen Passage – Werke von Fernando Sor, Franz Schubert, Joaquín Rodrigo und Benjamin Britten – traf. Mal bot er seinem Instrument fast orchestralen Raum, mal ließ er zarte Flageoletts erklingen. Was er neben den Hauptlinien des Stückes zauberte, verdient das Prädikat „Champions-Leaugue“. Leider bekamen das viel zu wenige Besucher an diesem wunderbaren Sonntagabend mit.

Detlef Tewes,Frank Gerstmeier undHans-Werner Huppertz

Es war ein Meisterkonzert, das seinen Namen verdiente: Detlef Tewes, Frank Gerstmeier und Hans-Werner Huppertz zeigten am Montag in der Erlöserkirche solistisch, im Duo und – bei der Zugabe – im Trio ihre Virtuosität auf ihren Instrumenten. Der schärfer klingenden Mandoline von Tewes mit wenig Widerhall stand der wärmere Gitarrenklang mit größerem Volumen perfekt zur Seite. Etwa in der Bearbeitung der zauberhaften poetischen Walzer von Enrique Granados, ursprünglich für Klavier geschrieben. Bravourstücke für Mandolinen-Soli sind Raffaele Calaces Preludien, wo Tewes das typische Tremolo im italienischen Stil perfekt beherrschte. Huppertz konterte in Mauro Giulianis Variationen für Gitarre Solo mit wahrer Fingerakrobatik, weil die latente Mehrstimmigkeit höchste Spielkunst verlangte. Auch die „Große Sonate“ von Mauro Giuliani, dem „Mozart der Gitarre“, forderte die Meisterschaft vom Duo Tewes/Huppertz: Unterschiedliche Themen-Variationen, ein tänzerisches Menuett und ein fröhliches Rondo nahmen die vielen Zuhörer in der Kirche gefangen. Mit Paganini-Musik und Mozarts „Rondo alla Turca“ im aberwitzigen Tempo als Rausschmeißer endete das bemerkenswerte Konzert. Doch nicht ohne feurige Zugabe des Trios wollten die begeisterten Zuhörer die Meister gehen lassen.

David Dyakow

Die Worte eines Teilnehmers des Nachwuchswettbewerbs sagen alles: „Krass! Der Typ ist der Wahnsinn!“ Was David Dyakow am Mittwoch in der Erlöserkirche ganz allein mit seiner Gitarre veranstaltete, ging weit über die sonst oft sterile Atmosphäre klassischer Konzerte hinaus. Vergleichbar mit Teufelsgeiger Niccoló Paganini vereint er atemberaubende Geschwindigkeit und ein blitzsauberes Spiel dank kaum zu überbietender Technik. Doch die eigentliche Zutat, die diesen Abend so außergewöhnlich werden ließ, war Dyakows Liebe zu seinem Instrument. Aus jeder Pore seines Körpers lebte er die Stücke von Michel Lysight, Leo Brouwer, Agustin Barrios Mangore, Johann Sebastian Bach und Mauro Giuliani. Zärtlich streichelte er die Saiten, blickte die Gitarre fast verliebt dabei an, um im nächsten Moment mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Geliebte mit so sensationellen Lauf zu bespielen, dass dem Publikum die Kinnladen hinunterfielen. David Dyakow ist ein Gesamterlebnis. Das machte ihn auch beim Gitarrenfestival unter all den Weltklasseleuten, die ohnehin technisch in der gleichen Liga spielen, zu etwas ganz Besonderem.

Tomasz Zawieruchaund Gary Ryan

Einen gelungeneren Abschluss für den Reigen der Meisterkonzerte hätte man sich kaum vorstellen können: Gary Ryan zauberte am Donnerstag auf seiner Gitarre. Sarabande und Bourée aus der Partita für Violine Nr. 1 h-Moll von Johann Sebastian Bach (BWV 1002) interpretierte er mit unglaublicher Präzision, aber eben auch traumhaft lebendig und warm. Die Melancholie der „Cancion del Emperador“ von Luys de Narvaez machte er greifbar und die „Nightshade Rounds“ des zeitgenössischen Komponisten Bruce MacCombie sorgten für eine spannende Atmosphäre. Klangliche Grenzen sprengt Gary Ryan dann vor allem mit seinen eigenen Stücken. Wenn er im Dschungel Insekten umherschwirren lässt, entlockt er seiner Gitarre Töne, die kaum fassbar sind. Und stilistisch erweist er sich als Grenzgänger, indem er afrikanische Rhythmen, Jazz, Blues und Pop in seine Musik einfließen lässt.

Den ersten Teil des Abschlussabends bestritt Tomasz Zawierucha, den Gary Ryan später auch für eine Zugabe zum Duett auf die Bühne holte. Der Pole erntete ebenfalls viel Applaus für sein virtuoses Spiel, das sich durch den souveränen Wechsel der Tempi und Klangfarben auszeichnete. Luftig-leichte Tänze von Enrique Granados bildeten einen schönen Kontrast zum barocken Klang einer Bach-Chaconne. Und mit den „Recuerdos de la Alhambra“ von Francisco Tarrega als Zugabe bewies Zawierucha große Fingerfertigkeit.