Stadt verbietet Einzelhandel im Ex-Praktiker

Wie lange der ehemalige Praktiker-Baumarkt an der Drehbank noch leer steht? Nichts Genaues weiß man nicht. Die Stadt schiebt nun aber großflächigem Einzelhandel einen Riegel vor, um die Kaufkraft nicht aus der Innenstadt abzuziehen.
Wie lange der ehemalige Praktiker-Baumarkt an der Drehbank noch leer steht? Nichts Genaues weiß man nicht. Die Stadt schiebt nun aber großflächigem Einzelhandel einen Riegel vor, um die Kaufkraft nicht aus der Innenstadt abzuziehen.
Foto: WP

Gevelsberg..  Die Stadt Gevelsberg steht an einem Scheideweg, was die generelle Ausrichtung des Einzelhandels betrifft. Die Gretchenfrage, die in Zukunft wohl immer öfter auf Rat und Verwaltung zukommt, lautet: „Wo lassen wir welche Branchen in welcher Größe zu?“ Im Fall der Praktiker-Brache krachte es nun im Stadtrat. Nur Bürgermeister Claus Jacobi und seine SPD stimmten dafür, alles in die Wege zu leiten, um dort Ansiedlungen von großflächigem Einzelhandel mit zentrums- und nahversorgungsrelevantem Sortiment ein für alle Mal einen Riegel vorzuschieben. Bei Enthaltungen der Grünen stimmten CDU, FWG/FDP sowie die Linke gegen den Vorschlag der Verwaltung.

Alles deutet auf Kaufland hin

Die Gemengelage ist kompliziert, Argumente hüben wie drüben nachvollziehbar, und die Entscheidung zieht einen Rattenschwanz an Folgen nach sich. Ursache ist eine Bauvoranfrage, die am 21. Mai bei der Verwaltung eingegangen ist, einen Verbrauchermarkt auf einer Fläche von 2600 Quadratmetern im alten Praktiker zu errichten. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich beim Interessenten um Kaufland handelt.

Es ist kein Geheimnis, dass sich der Vollsortimenter im Centrum am Vendômer Platz nicht mehr hundertprozentig wohl fühlt. Das Lager ist zu klein, das Gebäude in die Jahre gekommen, die Parkplätze entsprechen längst nicht mehr gängigen Größen. Der Mietvertrag läuft noch bis ins Jahr 2018 und Kaufland soll mit dem Eigentümer des Gebäudes bereits über zwei Varianten der Modernisierung im Gespräch stehen. Entweder: Abriss und Neubau. Oder: Verlagerung des Kaufland-Markts ins Erdgeschoss bei gleichzeitigem Ausbau der ersten Etage zu weiteren Parkplätzen. So weit die aktuelle Situation.

Die Befürchtung, die Bürgermeister und Verwaltung nun sehen: Sollte die Bauvoranfrage positiv beschieden werden und sollte es sich tatsächlich um Kaufland bei dem Interessenten handeln, würden die Modernisierungspläne in der Innenstadt hinfällig, weil der Vollsortimenter eine neue Heimat an der Hagener Straße gefunden hätte. „ Das Center stand ja schon einmal zehn Jahr lang leer, es gab keine größeren Diskussionen in dieser Stadt“, sagte Bürgermeister Claus Jacobi.

Gleichwohl besteht verwaltungsseitig die Befürchtung auch für jeden anderen großflächigen Einzelhandel mit entsprechendem Sortiment, dass dieser Kaufkraft aus der Innenstadt abzieht und das Herz von Gevelsberg damit deutlich schwächt. Die Argumentation aus dem Rathaus, warum dies nicht zugelassen werde dürfe, fußt einerseits auf den konsequent zentrumsorientierten Entwicklungen der vergangenen Jahre – allem voran mit dem Bau des Tunnels und der Aufwertung der Mittelstraße; aber auch darauf, dass die Erlaubnis an dieser Stelle weiteren Anfragen – zum Beispiel entlang der Hagener Straße – Tür und Tor öffne, dass dort die Märkte außerhalb der Innenstadt sprießen würden.

Bürgermeister Claus Jacobi, Fachbereichsleiter Björn Remer und Rechtsanwalt Alexander Wirth erläuterten dem Stadtrat zudem, welche weiteren Gefahren sie darin sehen, das Vorhaben zuzulassen. Es stünde einerseits gegen das Einzelhandelskonzept, das spätestens im kommenden Jahr aktualisiert sein soll, gegen die Raumplanung der Stadt Gevelsberg und könne eventuell die Rückzahlung von Fördermitteln nach sich ziehen, die die Kommune für Innenstadtprojekte bezogen hat. Auch dort sei als Voraussetzung aufgeführt, das Zentrum auf keinen Fall zukünftig zu schwächen. „Zudem“, so Björn Remer, „könnten sich weitere Einzelhändler dann auf dem Areal ansiedeln, die in Summe der Innenstadt deutlichen Schaden zuführen.“

Kritik an Verwaltung

Mit Ausnahme der SPD-Fraktion bekam die Verwaltung jedoch keinerlei Zustimmung. Während die Grünen verkündeten, dass sie sich enthalten, weil die Beratungszeit nicht ausgereicht hätte, bezogen alle anderen Parteien klar Stellung gegen das Vorhaben, einen Bebauungsplan mit diesem Ziel auf das Areal zu legen.

Linken-Fraktions-Chef Thomas Schock: „Wir haben Probleme damit, so explizit einzugreifen und die Wirtschaft zu reglementieren. Außerdem ist das alles bisher nur Spekulation.“ Seine Fraktion sehe die Gefahr, dass man etwas steuern wolle, das nicht gesteuert werden könne. Dafür gab es Applaus von FWE/FDP-Mann Heiko Schack, der zudem anmahnte, dass man Bemühungen unterstützen müsse, die Brache an der Drehbank zu attraktivieren.

Ein Argument, das auch die CDU ins Feld führte. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wieland Rahn: „Wir können die Verbraucher nicht lenken und müssen daher diesen Standort sichern, der früher mal ein prosperierender Kiez war.“ Fraktionsvorsitzender Hans-Günther Adrian mahnte an, dass an dieser Stelle eine gegenläufige Argumentation wie beim Zulassen des Edeka-Markts am Börkey notwendig sei und die Verwaltung eine Gleichung mit vielen Unbekannten aufmache: „Wir haben Bedenken, ob das nicht in Klagen münden wird, die die Stadt verliert.“

SPD-Fraktionsvorsitzender Gerd Vollmerhaus hielt dagegen: „Am Börkey profitieren 11 000 Menschen davon, und entlang der Hagener Straße gibt es bereits zahlreiche Märkte, die die Versorgung gewährleisten. Das sind zwei Paar Schuhe.“ Am Ende hoben er und seine Fraktion die Hände, und das Thema war ohnehin gegessen. Bürgermeister Claus Jacobi: „Ich bin sehr traurig, dass wir den Konsens in Stadtentwicklungsfragen nicht fortsetzen.“

Nun wird der Baugesuch zurück-, ein B-Plan aufgestellt. Autohäuser, Baumärkte und so weiter werden zugelassen sein. Für den Bestandsschutz des Bio-Markts könnte eine Klausel eingezogenwerden, dass dort nur Verkaufsfläche von weniger als 800 Quadratmetern ansiedeln darf. Die genaue Ausarbeitung ist nun eine der vordringlichsten Aufgaben der Verwaltung.