Spielzeugwaffen selbst für Experten „zu echt“

Die Waffen sind nicht "scharf", sind für den Fachmann aber alles andere als Spielzeug: Anscheinwaffen.
Die Waffen sind nicht "scharf", sind für den Fachmann aber alles andere als Spielzeug: Anscheinwaffen.
Foto: WP

Ennepe-Ruhr..  Als er in die Pistole sah und entdeckte, dass der Lauf vorne keine Sperre hat, sei ihm klar geworden, dass die Täter eine „echte“ Schusswaffe bei sich hatten. So schilderte Tankstellenpächter Hans-Joachim Paulus den Moment, als ihm klar wurde, dass der Überfall am vergangenen Montag auf die Oil-Station in Ennepetal kein übler Scherz war, wie er erst dachte. Die Zeiten, dass man scharfe Waffen von Spielzeugwaffen unterscheiden kann, sind jedoch längst vorbei. Im Gegenteil. Sie sind heutzutage so identisch, dass selbst Experten sie durch die bloße Inaugenscheinnahme nicht mehr auseinanderhalten können. Welche Risiken damit verbunden sind, auch für Kinder, die nur spielen, erläuterte im Gespräch mit unserer Zeitung Bernd Seifert von der Kreispolizei Ennepe-Ruhr.

Zuständig für das Waffenrecht

Seifert ist zuständig fürs Waffenrecht und damit zuständig für den Missbrauch von so genannten Anscheinswaffen. Auf seinem Schreibtisch liegen ein Schnellfeuergewehr, eine Maschinenpistole und mehrere Pistolen. Sie sehen bis aufs kleinste Detail aus wie „scharfe“ Waffen, sie haben die gleichen Maße, sie haben nahezu das gleiche Gewicht, ihre Handhabe ist dieselbe und sie werden geladen und gespannt wie „scharfe“ Waffen. Doch sie sind es nicht.

Bei den Spielzeugwaffen handelt es sich oft um Softair-Pistolen, aus denen erbsengroße Kügelchen abgefeuert werden. Sie sind nicht gefährlich, aber täuschend echt. So echt wie es heutzutage auch Schreckschusspistolen oder Gaspistolen sind. Die Industrie, vor allem die Spielzeugindustrie, wirft immer wieder Modelle auf den Markt, die den „scharfen“ in nichts mehr nachstehen. Man bekommt sie im Handel, auf der Kirmes und selbstverständlich im Online-Versandhandel.

Bei Spielzeugwaffen gibt es zwar eine Altersempfehlung, Verkauf erst an Kinder ab 14 Jahren. Bindend, so Seifert, ist das aber nicht. Theoretisch könnten sich Sechsjährige täuschend echte Waffen besorgen. Die Uzzi gibt es für 20 bis 25 Euro, das aktuelle Sturmgewehr der Bundeswehr in der Softair-Version angeblich schon unter 100 Euro.

Worüber sich viele nicht bewusst sind: Seit 2008 ist die Benutzung von Anscheinswaffen in der Öffentlichkeit verboten. Wer im Wald mit Softair-Pistolen „Krieg spielt“, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Und wer dabei erwischt wird, riskiert ein Verwarnungsgeld. Die Höhe bemisst sich am Einkommen und kann zwischen 75 und 150 Euro teuer werden. Die Spielzeugwaffe selbst wird eingezogen und bleibt es auch.

Im Ennepe-Ruhr-Kreis werden jährlich 25 bis 30 Mal Ordnungswidrigkeiten wegen Verstoßes gegen Paragraph 42a (Verbot des Führens von Anscheinswaffen) verhängt. In den meisten Fällen handelt es sich um 14- bis 18-Jährige. „Die jüngsten sind zwölf“, sagt Seifert.

Was jedoch schlimmer ist: Für Außenstehende ist die Situation nicht mehr einschätzbar. Sind die Waffen harmlos oder sind sie tödlich? Selbst für die Polizei führt das zu einem erhöhten Risiko. Bernd Seifert erzählt von Anrufen in der Leitstelle, dass Spaziergänger Jugendliche mit Waffen im Wald beobachteten. Die Polizisten fuhren raus und mussten damit rechnen, dass es sich um echte Waffen handelt. Das macht es heikel – für die Beamten und für die Jugendlichen.

Aus diesem Grund trainieren die Kolleginnen und Kollegen der EN-Polizei Einsatzsituationen unter Stress regelmäßig im Schießzentrum in Hattingen, wie Sprecher Dietmar Trust erklärte. „Übrigens nicht nur das Schießen, sondern auch das Nicht-Schießen“, so Trust, also das situative rechtzeitige Erkennen, wann die Waffe nicht eingesetzt werden darf.

Vorfall in USA mahnendes Beispiel

Mahnendes Beispiel ist der Tod eines Zwölfjährigen im vergangenen November in den USA. Der Teenager hatte eine Druckluft-Spielpistole gegen einen Polizisten gezogen und wurde von diesem erschossen.

Doch auch bei Straftaten spielen täuschend echte Spielzeugpistolen immer wieder eine Rolle. Auch im Ennepe-Ruhr-Kreis. So zuletzt beim Überfall auf den Aldi in Wetter im vergangenen Oktober. Auch jene Täter, die mehrere Spielhallen in der Region ausraubten, unter anderem im April 2012 die Spielhalle an der Hagener Straße in Gevelsberg, bedrohten ihre Opfer mit Spielzeugwaffen, wie sich später bei der Festnahme herausstellte.

Bei wievielen Straftaten genau dies der Fall ist, wird von der Polizeistatistik nicht erfasst. Das liegt auch daran, dass es bei der Einordnung der Straftat überhaupt keine Rolle spielt. Ob mit Spielzeugwaffe oder mit „scharfer“. Beide Male ist es eine bewaffnete Straftat, und die wird härter bestraft.

Umgekehrt warnt Bernd Seifert aber auch davor, sich eine Spielzeugpistole zur Verteidigung anzuschaffen, unter dem Motto: Ich will niemanden erschießen, aber dem Einbrecher oder Räuber zumindest Angst einjagen. „Im schlimmsten Fall hat der Täter eine scharfe Waffe dabei und benutzt sie auch“, so Seifert. Er rät daher vom Kauf einer Spielzeugwaffe ab. „Es ist überflüssig und das braucht auch keiner.“ Eines bleibt ihr Besitz aber immer: Riskant und gefährlich.