Soldatenschicksal, Feldpost und der Wunderbau

Verabschiedung junger Männer zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 am Bahnhof in Milspe.
Verabschiedung junger Männer zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 am Bahnhof in Milspe.
Foto: WP

Ennepetal..  Die erschütternde Geschichte des Milsper Soldaten Walter Hollweg, der 1942 hingerichtet wurde, Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg, Rennöfen auf Störringen und Interessantes über das Flurstück namens Wunderbau an der Stadtgrenze zu Gevelsberg stehen im Mittelpunkt der neuesten Ausgabe der „Ennepetaler Forschungen“. Das Heft, das der Arbeitskreis Stadtgeschichte heraus gibt, ist ab sofort erhältlich.

Tragische Familiengeschichte

Eine Geschichte aus seiner Familie, bei der bis heute viele Fragen ungeklärt sind, stellt Hartmut Grünewald dar. Sie handelt von Walter Hollweg, dem Bruder der Cousine seines Vaters. Walter Hollweg wurde 1914 in Milspe als drittes Kind des Schumachermeisters Otto Hollweg und dessen Frau Klara geboren. Nach dem Besuch der Harkortschule erlernte er den Beruf des Metzgers. 1935 ging er gezwungenermaßen zum Allgemeinen Wehrdienst. „Dieser Zwang sei wohl der Auslöser gewesen für das, was in der Folgezeit geschehen sei“, gibt Hartmut Grünewald wieder, was ihm seine Tante Gerda Hollweg erzählte. Aufgrund ihrer Erzählungen stellte er eigene Nachforschungen an.

1937 wurde Walter Hollweg wegen Fahnenflucht gesucht. Ein SA-Mann habe Tage später verbreitet, es habe einen tödlichen Schusswechsel bei Düsseldorf gegeben. Den beiden Tätern sei die Flucht nach Belgien gelungen. Seine Tante habe sich ein Leben lang die Frage gestellt, ob ihr Bruder ein Mörder war, schreibt Hartmut Grünewald.

Detailliert schildert er, was er bei seinen Nachforschungen herausgefunden hat. Für die Behauptung des SA-Mannes, Walter Hollweg sei an einem Schusswechsel beteiligt gewesen, bei dem ein Polizist getötet wurde, habe er keinen Hinweis entdeckt, so Grünewald. „Auch nach langen Forschungen im Polizeiarchiv und in Zeitungen aus der damaligen Zeit war über den Mord an einem Polizisten nichts zu finden“, schreibt Hartmut Grünewald. „Dies bestätigt, dass der SA-Mann L. gelogen haben muss.“

Für die folgenden fünf Jahre bis 1942 gibt es nur wenig Erkenntnisse. Walter Hollweg heiratete in Belgien, bekam mit seiner Frau Yvonne zwei Kinder. Wie er dort lebte und wie er verhaftet wurde, sei bisher nicht bekannt, so Hartmut Grünewald. Die letzte Tatsache, die bis heute über den Soldaten Walter Hollweg bekannt ist, sei, dass er am 26. September 1942 hingerichtet wurde. Kurz zuvor hatte Gerda Hollweg ihren Bruder im Gefängnis in Brandenburg noch besucht, nachdem besagter SA-Mann L. der Familie von der bevorstehenden Hinrichtung erzählt hatte.

Karten von TVA-Mitgliedern zitiert

Mit Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg hat sich Stadtarchivarin Frauke Blum in ihrem Beitrag befasst. Sie zitiert aus einem reichhaltigen Bestand von Postkarten, die im Krieg befindliche Mitglieder des Turnvereins Altenvoerde in die Heimat geschickt hatten. Auch die vom damaligen TVA-Vorsitzenden Christian Bernshausen verfassten Jahresberichte dienten ihr als Quelle. „Überall werden die Soldaten mit Musik & Fahnen von der Bevölkerung zum nächsten Bahnhof gebracht, woselbst dann begeisterte Vaterlands- und Abschiedslieder gesungen werden“, schrieb Bernshausen unter anderem. Auch der TVA habe seine Genossen zur Bahn begleitet. „Das waren unvergessliche Augenblicke! Überall wehten Fähnchen und Taschentücher winkten die letzten Grüße bis das Dampfroß die endlosen Züge entführte.“

Von Kriegseifer gepägte Karten, Danksagungen für „Erfrischungspakete“ und traurige Nachrichten, die auch die Kriegsentwicklung wiederspiegeln, zitiert Frauke Blum.

Mittelalterliche Eisengewinnung

Viel weiter zurück in die Geschichte geht Karl-Heinz Giesick. Er hat Wissenswertes über mittelalterliche Rennöfen – Schmelzöfen aus denen Roheisen gewonnen wurde – auf Störringen zusammengetragen. Er berichtet von alten Öfen, die dort gefunden wurden, von Keramikscherben, die aus dem 9. bis 13. Jahrhundert stammen, und der Entwicklung der Erzgewinnung.

Dass am Wunderbau nahe des heutigen Ennepetal/Gevelsberger Bahnhofs im 17. Jahrhundert eine Räuberbande in einer Höhle gehaust haben soll, berichtet Lothar Kruse. Und auch an das dort in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaute Erwerbslosenheim erinnert er in seiner Abhandlung über die Flurbezeichnung „Wunderbau“

Einen kurzen Blick auf das Jahr 1932 wirft zudem Arbeitskreis-Vorsitzender Hans Hermann Pöpsel. Er berichtet von kulturellen Aktivitäten des CVJM Milspe, der am Waldheim ein Freilufttheater betrieb, und des Milsper Schützenvereins, der das Stück „Schützenliebe“ aufführte – eine „Schützen-Weihnachtsfeier in Kluterthausen“.

INFO:

Die Ausgabe Nr. 27 der „Ennepetaler Forschungen“, herausgegeben vom Arbeitskreis Stadtgeschichte am Stadtarchiv in Ennepetal, umfasst 50 Seiten und kostet 3,50 Euro.

Erhältlich ist das Heft im Bürgerbüro der Stadt und beim Kinderschutzbund an der Voerder Straße, im Stadtarchiv an der Kirchstraße, bei Lotto Ziegler in Altenvoerde, bei Lotto Birker und Zeitschriften Krüner in Voerde, bei Lotto Bohm im Heilenbecke-Center und bei Lotto Lombach im Marktkauf sowie in den Buchhandlungen Appelt und Kleiner Buchladen in Gevelsberg und Köndgen in Schwelm.