Sohn berichtet über ständige Angst der Mutter

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Ennepetal..  Die Mutter lebte in einer ständigen, diffusen Angst vor weiteren Wutausbrüchen ihres Mannes. Aber sie sprach nicht viel darüber. Den Vater umgab eine Aura der Aggressivität, wenn er in der Nähe war. Gestern hat der Sohn der getöteten Rüggebergerin ausgesagt. Mit seinem Vater hat er ein für alle Mal gebrochen.

Es war ein schwerer Schritt für den 18-Jährigen. Denn gestern saß er zum ersten Mal wieder seinem Vater gegenüber, der seine Mutter im vergangenen September erstochen haben soll. Von der Aussage des jungen Mannes erhoffte sich die Schwurgerichtskammer neue Erkenntnisse besonders im Hinblick auf das Verhalten des Angeklagten seiner Frau gegenüber. Denn von der Frage, ob er seine Frau wie ein Besitzstück behandelte und ansah oder nicht, hängt ab, ob es sich bei der Messerattacke um Totschlag oder einen Mord aus Eifersucht handelt.

Behutsam forderte die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen den jungen Mann auf, über das Zusammenleben mit seinem Vater und der Mutter zu berichten. Von seiner Mutter sprach der junge Mann stets liebevoll. Aber wenn er auf seinen Vater Bezug nahm, wurde sein Ton kühler: Der Vater war nur der „Erzeuger“. Der Sohn zeigte damit: Von dem Mann hat er sich losgesagt. „Als ich noch klein war, habe ich nicht viel mitgekriegt. Als ich circa acht Jahre war, haben sich die Eltern viel gestritten. Da hat mein Erzeuger meine Mutter gegen die Heizung geschubst“, erinnerte sich der 18-Jährige. Im gleichen Jahr habe der „Erzeuger“ der Mutter die Nase gebrochen. „Ab dem Zeitpunkt war er für mich abgeschrieben. Ich hatte Angst ohne Ende“, so der Sohn der Getöteten weiter.

Zwar trennten sich die Eltern unmittelbar nach dem Vorfall. Aber nach einer längeren Pause ließ die Frau den Vater 2009 – offenbar um Frieden zu haben – wieder in die Wohnung in Rüggeberg einziehen. Zuvor hatte der Angeklagte seinem Sohn in einem gemeinsamen Gespräch geschworen, dass er seine Aggressionen kontrollieren würde. Ein normales Zusammenleben zwischen Eheleuten sei das aber nicht mehr gewesen. Der Sohn beschrieb die Wohnsituation ähnlich wie eine Wohngemeinschaft.

Zwei Jahre lebte die Familie, die keine mehr war, vor sich hin. Tatsächlich kam es zu relativ wenigen Streitigkeiten. Die Eltern trennten sich wieder – diesmal sogar einvernehmlich. Den regelmäßigen sonntäglichen Besuchen des Angeklagten konnte der Sohn sogar Positives abgewinnen. „Wenn es so bleibt, ist alles gut, dachte ich“, so der junge Mann. Nur die Mutter habe weiterhin Angst gehabt. „Sie wusste, Sonntag ist der Tag. Dann kam er in die Wohnung. Sie hat beim Frühstück vor Zittern kaum die Tasse halten können.“ Was aber konkret hinter den Ängsten steckte, konnte der Sohn nur vermuten. Er meinte im Zeugenstand, der Vater habe immer wieder der Mutter gedroht, es dürfe kein anderer Mann je ihr Haus betreten, sonst würde etwas Schreckliches passieren. Weil die Mutter ihn schützen wollte, so vermutete er, hat sie nie oder extrem selten über die Auslöser ihrer Ängste gesprochen.