Sinnlose Heldentode in den letzten Minuten

Ein beschädigter amerikanischer Sherman-Panzer blieb in Königsfeld liegen.
Ein beschädigter amerikanischer Sherman-Panzer blieb in Königsfeld liegen.
Foto: WP

Ennepetal..  Es war ein sehr sonniger Tag, der 13. April 1945, und es war der Karfreitag. In den Außenbezirken von Milspe und Voerde, in Königsfeld, Oberbauer und Rüggeberg konnte man schon von Süden aus das Grollen der amerikanischen Geschütze hören. Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg hier in unserer Gegend zu Ende – allerdings noch sehr blutig. In den letzten Minuten fanden in Rüggeberg noch acht junge Männer völlig sinnlos den sogenannten „Heldentod“, und auch in Voerde starben Menschen bei der „Überrollung“, wie die Zeitgenossen die Befreiung vom Nazi-Regime nannten.

Das ganze Ruhrgebiet eingekesselt

Mit der Landung alliierter Truppen in der Normandie ab dem 6. Juni 1944 hatte das Ende des „Dritten Reiches“ im Westen begonnen. Am 21. Oktober wurde Aachen als erste deutsche Stadt von der NS-Herrschaft befreit. Erst Ende Februar 1945 kamen die Truppen der Alliierten an den Rhein – ein schwieriges Hindernis für den Vormarsch, denn die Deutsche Wehrmacht sprengte vor ihrem Rückzug sämtliche Brücken, zuletzt am 3. März 1945 im Bereich der Stadt Düsseldorf. Die erste Überquerung des Rheins gelang dann den Amerikanern über eine nur halb zerstörte Brücke am 7. März bei Remagen, und die aus Holland durch das Niederrheingebiet vorstoßende britische Armee überwand den Fluss erstmals am 24. März bei Wesel.

Weil gleichzeitig amerikanische Truppen von Süden und Osten auf das Ruhrgebiet vorrückten, entstand nach und nach ein Kessel, der bekannte Ruhrkessel, in dem fast 300 000 Wehrmachtssoldaten eingeschlossen waren. Die Stadt Hamm wurde am 1. April befreit, und einen Tag später war das gesamte Ruhrgebiet eingeschlossen. Von Süden stießen die Alliierten über Siegen, Olpe und Schmallenberg vor, wo es noch heftige Kämpfe gab, und am Ostersonntag erreichten die Befreier die Ruhr. Am 18. April 1945 kapitulierten die eingeschlossenen Wehrmachtsteile im Ruhrkessel.

Voerde massiv beschossen

Zwei Tage zuvor waren die amerikanischen Soldaten von Breckerfeld und Radevormwald aus, wo es keinen Widerstand gab, in unseren Bereich vorgestoßen. Gegen 14 Uhr am 13. April erreichten sie Oberbauer. In Höhe Bilstein wurde ein Panzer durch deutsche Geschosse zerstört, vier US-Soldaten verbrannten. Daraufhin wurde das Dorf Voerde massiv beschossen. Zahlreiche Wohnhäuser und Bauernhöfe wurden getroffen und schwer beschädigt, und mindestens zwölf Menschen kamen ums Leben, darunter einige italienische Arbeiter in einem Lager bei der Firma Saure.

In Rüggeberg lag am Nottloh zu der Zeit eine 30-köpfige Gruppe deutscher Fallschirmjäger. Als die US-Armee von Filde aus durch den Wald vorrückte, griffen die jungen Soldaten auf Befehl ihres Leutnants die Panzer mit Gewehren und Panzerfäusten an. Im Gegenfeuer wurden der Offizier und sieben seiner Männer erschossen. Die Leichname wurden in eine Zeltplane gewickelt und auf dem Rüggeberger Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab bestattet. Die überlebenden Soldaten wurden als Gefangene auf Lastwagen abtransportiert. Ein großes provisorisches Gefangenenlager mit mehreren tausend deutschen Wehrmachtsangehörigen entstand in den Folgetagen auf den Wiesen im Heilenbecker Tal. Später wurden diese Gefangenen an das Rheinufer bei Düsseldorf verlegt.

Kleine Gruppe als Besatzung

Die amerikanischen Soldaten ließen nach dem Einmarsch jeweils eine kleine Gruppe Militärangehöriger als Besatzung zurück und zogen am Karsamstag über die Bergstraße und Aske und am Nachmittag über die Kölner Straße weiter nach Gevelsberg. Von Schwelm aus stießen über Linderhausen weitere Truppenteile bis zum Timpen vor. Dort in Gevelsberg wurde in der Goethestraße eine regionale Kommandantur eingerichtet, die im Sommer 1945 auf die britische Armee überging. In Voerde-Nord waren die Amerikaner noch einmal auf Widerstand deutscher Soldaten gestoßen, und durch den anschließenden Gegenangriff ging im Bereich Störringen mehrere Gebäude in Flammen auf. Zwei Bewohner wurden durch Schüsse schwer verletzt.

In den Folgewochen trat übrigens keine Ruhe ein, denn marodierende Banden zogen plündernd und raubend durch die Gegend, und die Bewohner von Voerde wussten auch noch nicht, was ihnen erst bevorstehen sollte: Die Räumung und Besetzung ihrer Häuser durch heimatlose russische und serbische Zwangsarbeiter, denn am 6. Mai wurde Voerde offiziell zum „Ausländerlager“ erklärt. Erst drei Jahre später war dieser Zustand beendet.

Für das Amt Milspe-Voerde setzten die Amerikaner bereits wenige Tage nach der Befreiung den Verwaltungsfachmann Albert Wallbrecher als hauptamtlichen Amtsbürgermeister ein. Die Nazis hatten den Sozialdemokraten sofort nach der Machtübernahme im Frühjahr 1933 aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Albert Wallbrecher wurde später auch der erste Stadtdirektor der neuen Stadt Ennepetal.

INFO:

Mehr zum Thema gibt es vor allem im Buch „Und als der Krieg zu Ende schien... Krieg, Überrollung u. Ausländerlager in Voerde, 1939-1948.“ von Dieter Wiethege.

Auch in mehreren Ausgaben der vom Arbeitskreis Stadtgeschichte herausgegeben „Ennepetaler Forschungen“ sind Beiträge über diese Zeit zu finden.

Weiteres Material bietet das Stadtarchiv, Kirchstraße 52, 02333/979-321 und 979-322. Die Öffnungszeiten: montags von 14 bis 17 Uhr und dienstags von 9 bis 12 Uhr.