Schweren Herzens in den Ruhestand

Der Job hat Helmar Bortz jung und fit gehalten. Seit kurzer Zeit genießt er den Ruhestand, auch wenn ihm der Schritt, seinen Lebensmittelladen aufzugeben, schwer fällt.
Der Job hat Helmar Bortz jung und fit gehalten. Seit kurzer Zeit genießt er den Ruhestand, auch wenn ihm der Schritt, seinen Lebensmittelladen aufzugeben, schwer fällt.
Foto: WP

Ennepetal..  Helmar Bortz hat einen Wunsch für die Zukunft: Er hofft, dass es ihm gelingt, den Schwung aus über 45 Jahren Selbstständigkeit in den Ruhestand mitzunehmen – und die Zeit für Dinge zu nutzen, die in seinem Leben zu kurz gekommen sind. „Ich will jetzt bloß nicht auf einmal damit anfangen, alt zu werden“, sagt er und lacht. Sein Lebensmittelladen in Silschede habe ihn nämlich fit und jung gehalten. Doch nicht nur deshalb hatte der 71-Jährige die Schließung lange herausgezögert.

Zu gerne habe er dort gearbeitet, und seine Angestellte zu entlassen, brachte er ebenfalls nicht übers Herz. Schließlich sei sie 21 Jahre lang bei ihm beschäftigt gewesen, etwas anderes hätte sie wohl aufgrund ihres Alters kaum mehr gefunden, erklärt er. „Ich habe auch ihr zuliebe weitergemacht. Doch jetzt ist sie 61 Jahre alt, sie wird klar kommen.“ Und das werde er auch, da ist er sich sicher. Auch ohne den Berufsstress.

Wenn er nur das Geschäft im Blick gehabt hätte, dann hätte er schon vor drei, vier Jahren aufhören müssen, sagt er. „Seit dieser Zeit habe ich draufgezahlt.“ Es seien eben immer weniger Kunden gekommen, außerdem kauften sie heute eher in der Nähe der Arbeit und vor allem auch andere Sachen. Helmar Bortz weiß: „Viele junge Leute kochen meist nicht mehr.“ Es gibt eher Pizza und Pasta statt Schweinebraten.

Vor 20 Jahren etwa, da habe er in Silschede „bombige Zeiten“ gehabt. In seinem 100 Quadratmeter großen Laden am Brandteich war reger Betrieb, in Spitzenzeiten hatte er in Silschede sieben Angestellte. Zwischenzeitlich waren bei ihm sogar 35 Mitarbeiter beschäftigt, insgesamt hatte er fünf Lebensmittelläden in seiner Zeit als Selbstständiger.

Erste große Reise nach vielen Jahren

In Wuppertal übernahm er sein erstes Geschäft. Sein Bruder hatte ihm 1969 das Angebot gemacht. Helmar Bortz hatte zwar im Lebensmittelhandel seine Lehre gemacht, aber als Großhändler. Im Anschluss wechselte er in eine Spedition. „Ich wusste nicht, ob ich für den Job im Einzelhandel geeignet bin.“ Mit Leuten umzugehen, das habe aber von Anfang an gut geklappt, erinnert er sich. Und auch der Spaß war dabei, also machte der gebürtige Königsberger weiter. Als er seine Frau Helga kennenlernte, zog er 1972 nach Silschede und eröffnete einige Zeit später am Brandteich ein weiteres Geschäft. Das hat er bis zuletzt behalten. Mit zusätzlichem Catering habe er sich finanziell über Wasser gehalten, außerdem habe er die vergangenen 14 Jahre morgens in der Kantine von Hesterberg gearbeitet. Vor allem seine Frikadellen kamen an. „An manchen Tagen habe ich im Laden über 100 Stück verkauft“, erzählt er stolz. Gekocht wird jetzt aber nur noch für seine Frau Helga. Die gemeinsame Zeit mit ihr sei oft zu kurz gekommen. „Wir waren das letzte Mal gemeinsam zur Silberhochzeit richtig im Urlaub“, bedauert Bortz. Verheiratet sind sie mittlerweile seit 42 Jahren – und die erste Reise als Rentnerehepaar ist bereits gebucht. Im März geht es nach Barcelona.

So richtig im Ruhestand ist er aber erst seit wenigen Tagen. Den Laden geschlossen hatte er zwar Ende Dezember, bis jetzt war er damit beschäftigt, die Räume frei zu räumen. „2,5 Tonnen Schrott habe ich weggeschmissen“, sagt er, der Rest sei verkauft worden oder stehe jetzt im Keller. Einen Nachfolger hat Helmar Bortz nicht gefunden. Auch sein Sohn kam nicht in Frage. Der hatte ihm schon vor Jahren gesagt: „Papa, so arbeiten wie Du, will ich nicht.“ Es lohne sich eben nicht mehr einen kleinen Laden zu haben, weiß Bortz, zumindest hat er in den letzten Jahren die Erfahrung machen müssen.

Wecker klingelte immer um 4.30 Uhr

Und wenn der Edeka-Markt auf dem Börkey eröffnet, dann würde es hier in Silschede noch weniger Kunden geben, glaubt er. Dennoch: Den Vollsortimenter empfindet er mit seinen über 2000 Quadratmeter Verkaufsfläche zu überdimensioniert. Außerdem glaubt er nicht, dass er an diesem Standort gut ankommen wird. Die Leute werden eher nach Haßlinghausen fahren oder direkt in die Gevelsberger Innenstadt.

Doch die Zeiten, in denen er sich darüber Gedanken machen muss, sind vorbei. Auch das frühe Aufstehen gehört der Vergangenheit hat. Früher klingelte der Wecker um 4.30 Uhr. Heute schläft er bis 7 Uhr. „Und das ist einfach nur herrlich.“ Was er jetzt noch sucht, ist etwas, das ihn in Bewegung hält. Die Nachbarin habe ihm schon ihren Hund aufs Auge gedrückt. Mit dem dreht er jetzt morgens immer eine Runde. Radfahren, das könne er sich auch für sich vorstellen. „Denn wer rastet, der rostet.“